Heribert Prantl. | Foto: Imago

„Lügenpresse auf die Fresse“

Heribert Prantl spricht in Karlsruhe über Pressefreiheit

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Das Thema des Abends ist der Widerstand, das missglückte Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 und das Gedenken an den Karlsruher Rechtsanwalt Reinhold Frank, der seinen Mut mit dem Leben bezahlte. An ihn erinnert die gleichnamige Vorlesung, bei der in Karlsruhe der Journalist und Autor Heribert Prantl sprach.

„Lügenpresse auf die Fresse“, lautete der markige Titel seines Vortrags zur 20. Auflage der Veranstaltungsreihe, die aufgrund des großen Bürgerinteresses in die Stadtkirche verlegt worden war. Prantl griff das Gedenken an Reinhold Frank als Ausgangspunkt seiner Rede auf. Er erinnerte an den Widerstand, an die Flugblätter der Weißen Rose.

Prantl prangert „globalisierte Gleichgültigkeit“ an

Der 65-Jährige, der bis vor kurzem das Meinungsressort der „Süddeutschen Zeitung“ leitete, prangerte eine „globalisierte Gleichgültigkeit“ an, in der Tausende von Flüchtlingen im Mittelmeer sterben. Zur Tarnung der eigenen Bequemlichkeit werde gerne angeführt: „Alleine kann man ja doch nichts bewirken. Was soll man da machen.“ Doch gerade diese Haltung verpflichte zur Rückschau auf den Mut der Widerständler wie eben Reinhold Frank einer war, der sich für Verfolgte einsetzte, sich dem Druck nicht beugen wollte und ein knappes halbes Jahr vor Kriegsende an den Galgen gehängt wurde.

Zeit der „negativen Renaissance“

Der neue Rechtsextremismus, der aggressive Nationalismus, der zum Bruch mit dem „System“, also mit der rechtsstaatlichen Demokratie auffordere, inszeniere sich selbst als Widerstand, warnte Prantl. Er skizzierte eine Zeit der „negativen Renaissance“, die Wiedergeburt von alten Wahnideen. Lügenpresse sei dabei das Wort derjenigen, die als Wahrheit nur die eigene Meinung gelten lassen wollen. Dem müsse ein Journalismus entgegentreten, der sich mit Umsicht und gründlicher Recherche profiliere, Schutzbereiche achte und differenziert berichte.

Journalismus als Motor für Veränderungen

Vom Journalismus erwarte man, betonte Prantl, „dass er den Teppich wegzieht, unter den Skandalöses gekehrt worden ist.“ Aber an diesem Punkt dürfte guter Journalismus nicht stehen bleiben, vielmehr müsse er auch Motor sein für die Veränderungen, die es brauche, um Missstände nicht nur aufzudecken, sondern auch abzustellen. Diese Art von Journalismus werde sich auch in der digitalisierten Medienwelt bewähren, zeigte sich Prantl überzeugt. Das Internet habe zwar einen Echtzeitjournalismus geboren, dessen Hektik Reporter und Politiker gleichermaßen unter Zugzwang setze. Doch der Qualitätsjournalismus könne sich einem Markt sicher sein, einer Leserschaft, der Denken wichtiger ist als Twittern.

Auch Relotious ist Thema

Die grundgesetzlich garantierte Pressefreiheit, das „tägliche Brot für die Demokratie“, sei allerdings nicht die Freiheit zur journalistischen Selbstbefriedigung, mahnte Prantl auch und erinnerte an den Fall Relotius, der Spiegel-Reporter, der für erfundene Reportagen Preise einheimste. „Guter Journalismus ist ein Journalismus, bei dem die Journalisten wissen, dass sie eine Aufgabe haben.“

Wie verletzlich das Vertrauen in den Journalismus ist, hat übrigens auch Prantl selbst schon erfahren. Er schrieb einmal ein Porträt über den Präsidenten des Karlsruher Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle. Zum Einstieg erzählte er eine Küchenszene, in der die Gäste im Hause Voßkuhle das Gemüse schnibbeln, während der Hausherr das Dressing anrührt. Es las sich, als sei Prantl dabei gewesen. Voßkuhle sah sich zur Richtigstellung veranlasst, der Journalist sei nie in seiner Küche gewesen. Die Süddeutsche Zeitung entschuldigte sich öffentlich, Prantl erklärte, er habe die Szene nur von Dritten berichtet bekommen. Dabei war er nicht.