Hermine Villinger (1849-1917) | Foto: BNN-Archiv

Vor 100 Jahren gestorben

Hermine Villinger – eine badische Bestseller-Autorin

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„Aus mir kann auch noch etwas werden…“

Als sie ein „Backfisch“ war und in Offenburg die Klosterschule besuchte, schrieb Hermine Villinger an ihre Familie in Karlsruhe: „Verzweifelt nicht, auch aus mir kann noch etwas werden, so Gott will. Amen.“ Und tatsächlich: Aus dem 1849 in Freiburg geborenen Töchterlein eines Geheimen Kriegsrats wurde etwas. Allerdings keine brave Ehefrau, wie es die Eltern wohl gehofft hatten. Auch keine Schauspielerin, womit sie selbst geliebäugelt hatte. Sondern eine Schriftstellerin. Und zwar eine sehr erfolgreiche.

Geschichten aus Baden wurden Bestseller

Ihre Geschichten, überwiegend am Oberrhein und im Schwarzwald angesiedelt, sprachen ein breites Publikum an. Zumal sie in ungekünstelter Sprache schrieb, oft den Dialekt bemühte und ihre Werke mit einer kräftigen Prise Humor würzte. 100 Jahre nach ihrem Tod am 3. März 1917 ist Hermine Villinger allerdings so gut wie vergessen.

100 Jahre nach ihrem Tod so gut wie vergessen

Das mag daran liegen, dass ihre Erzählungen heute harmlos und betulich erscheinen: Geschichten wie „Die Narren-Rosel“, „Unter Bauern“ oder „Der Töpfer von Kunterburg“ atmen den Geist des 19. Jahrhunderts. „Aus Ihren Werken erkenne ich mein Land und mein Volk und das bewegt mir das Herz“. Großherzog Friedrich I. soll das gesagt haben. Er zeichnete Hermine Villinger mit der Medaille für Kunst und Wissenschaft aus.

Hermine Villinger bediente Sehnsüchte des Publikums

Der Württemberger Berthold Auerbach (1812–1882) hatte mit seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“ Weltruhm errungen. Wie er bediente auch die badische Bestseller-Autorin die mit der fortschreitenden Industrialisierung einhergehende Sehnsucht des Publikums nach Ursprünglichkeit und traditionellen Lebensformen.

Damals eine sehr moderne Frau

Eine solche Rückwärtsgewandtheit wurde durchaus als modern empfunden. Und lebte Hermine Villinger nicht selbst nach einem höchst modernen Entwurf? Sie, die alleinstehende Frau, die sich mit ihrer Schriftstellerei ernähren konnte. Sie, die sich mit ihren Büchern einen Namen machte, nachdem sie ihre ersten Novellen noch unter einem Pseudonym veröffentlicht hatte.

„Tanteles“ Sorgenkind

„Dass wir so ein Kind haben müssen“, soll ihr „Tantele“ gestöhnt haben. Denn Klein-Hermine fiel öfter unliebsam auf, balgte sich gar mit Buben. In der Höheren Töchterschule in Karlsruhe, dem Kloster in Offenburg und dem vornehmen Viktoria-Lyzeum in Berlin wurde Hermine Villinger gezähmt. Von dort bekam sie zwar keine umfassende Bildung mit – die war für Mädchen nicht vorgesehen. Aber immerhin konnte sie sich ihren Witz bewahren. Und ihren eigenen Kopf. So spricht sie in etlichen Geschichten soziale und geschlechtsbedingte Ungerechtigkeiten an. Allerdings auf eine für christlich-konservative Leser verträgliche Weise.

Eine Vorliebe für starke Frauen

Als wortgewaltige Vorkämpferin der Frauenrechte hat Hermine Villinger sich nicht profiliert. Sie ließ es in ihren oft autobiografisch geprägten Bestsellern lieber charmant „plätschern“. Doch hatte sie ein Herz für selbstbewusste Frauen. Für Frauen, die das Leben ohne männliche Anleitung meistern.  Diese Vorliebe schlägt in vielen Geschichten durch.

Roman aus dem Karlsruhe des 19. Jahrhunderts

So auch im Roman „Die Rebächle“ von 1910. Dessen Hauptfigur ist der einst sehr prominenten Hofschauspielerin Amalie Haizinger nachempfunden. Das Buch entführt in ein vom Lavendelduft des 19. Jahrhunderts durchwehtes Karlsruhe – die Stadt, in der die theaterbegeisterte Hermine Villinger die meiste Zeit ihres Leben verbrachte. 2009 wurde der Roman im Info-Verlag neu aufgelegt. Im Nachwort bescheinigen Jürgen Oppermann und Hansgeorg Schmidt-Bergmann der Schriftstellerin, dass ihr Gesamtwerk heute als „Dokument einer Emanzipation zu lesen“ sei. Einer Emanzipation freilich, „die nur teilweise gelingen konnte.“

„Hommage an Hermine Villinger“: Unter diesem Titel steht am 100. Todestag der Karlsruher Schriftstellerin am 3. März 2017 ein Vortrag mit Lesung. Er beginnt um 19 Uhr bei der Literarischen Gesellschaft im Prinz-Max-Palais, Karlstraße 3 in Karlsruhe. Veranstalter ist das Gedok-Künstlerinnenforum in Zusammenarbeit mit der Literarischen Gesellschaft. Franziska Joachim lässt in ihrem Vortrag den Werdegang Hermine Villingers Revue passieren. Hedi Schulitz liest Originaltexte. Der Eintritt zu der musikalisch von Rita Huber-Süß umrahmten Veranstaltung ist frei.

Den Roman „Die Rebächle“ von 1910 haben Hansgeorg Schmidt-Bergmann und Thomas Lindemann in der Reihe „Kleine Karlsruher Bibliothek“ des Info-Verlag 2009 neu herausgegeben.

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