Sinn für Kuriositäten hat Andreas Kühne. In seiner Text- und Bildersammlung "Die irrwitzige Itzsteinstraße" beschreibt er das Leben der "Itzsteinsträßler" mit einem liebevoll satirischen Blick.
Sinn für Kuriositäten hat Andreas Kühne. In seiner Text- und Bildersammlung "Die irrwitzige Itzsteinstraße" beschreibt er das Leben der "Itzsteinsträßler" mit einem liebevoll satirischen Blick. | Foto: Peter Sandbiller

Serie Straßengeschichten

Herrn Kühnes irrwitzige Ideen

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Der Weg ist das Ziel – genauer gesagt: die Straße. Wer lebt dort, was können die Menschen dort besuchen, erledigen und erleben? Wer gab der Straße ihren Namen, und wie alt ist dieses Stück Stadt eigentlich? Kurzum: Was macht diesen Streifen Karlsruhe lebenswert? In der Serie „Straßen-Geschichten“ tauchen BNN-Redakteure in diese Lebensadern der Stadt ein. Diesmal gibt es eine Besonderheit: Ein Spaziergang durch die Itzsteinstraße gemeinsam mit einem Anwohner, der seiner Straße einen satirischen Streifzug gewidmet hat.

Der Beginn der Itzsteinstraße ist zur Zeit gar nicht so einfach zu finden. „Es ist ’was Schlimmes passiert“, erklärt Andreas Kühne gleich zur Begrüßung mit gespielter Betroffenheit. „Das Straßenschild mit dem Schreibfehler ist verschwunden!“ Nach Bauarbeiten an der Straße ist es bisher nicht wieder aufgestellt worden.

Finde den Fehler: Irgendein Wort auf diesem Straßenschild ist auf irrwitzige Weise in seinem Sinn verändert. Denn es kann nur einen Zweiten geben.
Finde den Fehler: Irgendein Wort auf diesem Straßenschild ist auf irrwitzige Weise in seinem Sinn verändert. Denn es kann nur einen Zweiten geben. | Foto: Andreas Kühne

„Schlimm“ ist das für Kühne, weil er einer ist, der seine Umwelt dokumentiert und ihre Geschichten erzählt. „Die irrwitzige Itzsteinstraße“ hat er seine satirische Text- und Bildersammlung genannt, die er, im DIN A4-Format ausgedruckt und gebunden, zu besonderen Anlässen an Freunde und Bekannte verschenkt. Und das Straßenschild mit dem „irrwitzigen“ Schreibfehler (zu entdecken auf dem oben stehenden Foto aus Kühnes Archiv) ist dabei nur der Anfang. Wobei, eigentlich ja nicht. Denn es fehlt.

Das macht aber nichts, denn es gibt ja zum Glück noch einen frei stehenden, leuchtend gelben Gemarkungspunkt für Ortsunkundige: „Wir orientieren uns am Briefkasten kurz vor der Ampel“, erklärt Andreas Kühne lächelnd.

Der 77-Jährige zeigt hinüber Richtung Sudetenstraße, an der sich das Neubaugebiet Knielingen 2.0 entlangzieht, inklusive Gleisbaustelle für die Erweiterung der Straßenbahnlinie 2. „Wir hätten nicht gedacht, dass es jetzt so schnell geht“, meint Kühne. „Da können die Itzsteinsträßler dann einsteigen. Bisher fährt hier nur alle Stunde ein Bus. Den nimmt natürlich keiner.“ Irrwitzig, irgendwie.

Häuserreihen auf der Wiese

Die Itzsteinstraße wurde in den 1960er Jahren als Reihenhaussiedlung in unmittelbarer Nähe zu den Gerszewski Barracks der in Knielingen stationierten US-Soldaten parallel zur Sudetenstraße buchstäblich auf die „grüne Wiese“ gebaut. „Die Sudetenstraße war mal eine Panzerzufahrtsstraße, und sonst nix“, erzählt Kühne.

Dann kam das Einkaufscenter samt Lebensmittelmarkt, Apotheke, Drogeriemarkt, Friseur und Computerfachgeschäft. „Da ist alles drin, und es ist fußläufig zu erreichen“, sagt Kühne. Und nun da noch die Bahnlinie endlich komme, könne man sagen: „Jetzt sind wir in der Stadt drin!“

Als die Siedlung noch eher außerhalb der Stadt lag, wusste man sich dennoch zu ernähren, zu organisieren und zu amüsieren, wie in Kühnes Erzählungen, untermalt mit Bildern und Zeitzeugen, zu lesen ist. Von einem Tante-Emma-Laden im privaten Hauskeller ist da die Rede, von Baumriesen, die bis in den Himmel wachsen („Des gibt e mords Schatte“), vom Wohnzimmer in der Autogarage oder von den „Taxler*Innen“, wie Kühne die männlichen und weiblichen Vertreter dieser Berufsgruppe gendergerecht benennt.

Sieben an der Zahl waren sie einst, und luden alljährlich auf einem damals noch nicht bebauten Grundstück zum Grillfest ein. Da traf man dann auch die Amerikaner von der Kaserne, die in den 70er Jahren zu den besten Kunden der Taxler*Innen gehörten.

Possierliche Tierwelt

Der Garten der Hausnummer 17 ist ein kleines Paradies für Tierfreunde. Jedenfalls für Freunde tierischer Zierfiguren. Mitten unter eine Parade lustiger Wichtel haben sich unter anderem kleinkindgroße, Motorrad fahrende Maulwürfe und eine Sippe Erdmännchen gesellt. Gartenzwerge allerdings sucht man vergeblich.

„So was haben wir nicht, die find’ ich doof“, sagt Herbert Schwarz, der Häuslebesitzer, der auf der Veranda im Schatten sitzt. „Sie müssten nachts wiederkommen, da gibt’s noch ne richtige Lightshow.“ Inklusive blinkender Lichter, dem „Katzenschreck“, wie er ergänzt. Ganz wichtig sei Halloween, da werde erst richtig losdekoriert. „Es macht viel Arbeit, ist aber auch schön“, sagt Schwarz.

Und täglich grüßt das Erdmännchen - gemeinsam mit anderen lustigen Kerlchen - aus diesem Garten.
Und täglich grüßt das Erdmännchen – gemeinsam mit anderen lustigen Kerlchen – aus diesem Garten. | Foto: Peter Sandbiller

„Das ist halt unsere kleine ruhige Welt hier“, meint Kühne im Weitergehen. Bei der Nummer 29 macht er wieder Halt. Die ansonsten kahle Hauswand werde zu Weihnachten bunt angestrahlt, erzählt Kühne. „Das ist mal was Erfreuliches“, findet der pensionierte Realschullehrer, dem die Eintönigkeit in seiner Straße irgendwie doch missfällt.

Gegenüber befindet sich ein Garagenhof mit kurioser Zählung: Jede Garage hat ihre eigene Hausnummer, obwohl die dazugehörigen Häuser anderswo stehen. „Irrwitzig, oder?“, meint Kühne schmunzelnd.

Literatur in Serie

Die Hausnummern 33 bis 47 bilden mit ihrem Fassadenanstrich eine farbenfrohe Reihe. „Hier wird es endlich mal bunt“, sagt Kühne. Sein eigenes Haus hätte er beim nächsten fälligen Neuanstrich auch gerne mal farbig gemacht. „Aber als unsere Nachbarin ihres weiß gestrichen hat, hat sie gesagt komm, wir machen eures gleich mit.“ Ein Lächeln und ein Achselzucken begleiten Kühnes Schilderung dieser Szene, die gleichsam die Macht des Faktischen demonstriert.

In seinem Wohnzimmer hat Kühne die Geschehnisse und Kuriositäten seiner Straße literarisch aufgearbeitet. Erinnerungsberichte mit Zeitzeugen, Fotos, Gedichte und sogar Lieder hat er aus seinen Beobachtungen gemacht.

In wenigen Schritten ist die Stadtgrenze erreicht

Alles auf der Schreibmaschine getippt, mit zwei Fingern, was entsprechende Zeit dauerte. „Die Geschichten selber, das geht ruck-zuck“, meint Kühne. „Die irrwitzige Itzsteinstraße“ ist bereits sein drittes Werk. Kühne wuchs in der Karlsruher Weststadt auf, bewohnte mit seiner Frau lange ein großbürgerliches Appartement direkt am Gutenbergplatz – daraus entstanden ein autobiografischer Blick auf seine Kindheit sowie Betrachtungen „Rund um de Guddes“.

Parallel zur Itzsteinstraße, entlang der Sudetenstraße, verläuft ein laubbeschatteter Fußweg gen Nordosten. „Das ist die Hunderennbahn“, sagt Kühne. Er zeigt auf ein Ortsausgangsschild in ein paar Hundert Metern Entfernung: „Und da hinten ist auch schon das Ende von Karlsruhe.“ Stimmt, da kommt nur noch das städtische Klärwerk, und dahinter dann der Rhein – oder Eggenstein.