Vor dem Gemälde „Maria mit Kind und Papageien“ aus dem Jahre 1533 steht Barbara Strauch in der Kunsthalle Karlsruhe. Das Andachtsbild des Malers Hans Baldung Grien soll bis in die 1920er Jahre im Besitz ihrer Großeltern in Wien gewesen sein.
Original und Kopie? Eine Besucherin der Grien-Ausstellung wirft neue Fragen zum Bild "Maria mit Kind und Papageien" auf. | Foto: Karin Stenftenagel

Kunsthistorische Spurensuche

Hing zentrales Bild der Karlsruher Hans Baldung Grien-Schau früher in Wien – und sah anders aus?

Anzeige

Hing ein zentrales Werk der Karlsruher Hans Baldung Grien-Schau bis kurz nach dem Ersten Weltrkrieg in einer Wiener Offizierswohnung? Die Barbara Strauch zumindest glaubt, das Bild sei früher im Besitz ihrer Familie gewesen – allerdings in einer weniger freizügigen Gestaltung. Kann das sein? Eine Spurensuche.

Eine Besucherin der Ausstellung „Hans Baldung Grien. Heilig – unheilig“ in der Kunsthalle Karlsruhe wirft neue Fragen zu einem zentralen Gemälde der Schau auf. Griens „Maria mit Kind und Papageien“, gemalt um 1533, nach Karlsruhe ausgeliehen vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, soll einst im Besitz ihres Großvaters gewesen sein.

Als historisch belegt gilt ein „österreichischer Hauptmann“ als früherer Besitzer. „Das Bild ist erst ab den 1910er Jahren in Wien nachgewiesen“, sagt Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums.

War die Mutter Gottes früher züchtiger dargestellt?

Die Besucherin der Kunsthalle zitiert indes aus ihrer Familienchronik detailreiche Anekdoten zur Vergangenheit des Bildes. Unter anderem soll es noch Anfang des 20. Jahrhunderts übermalt gewesen sein: Demnach zeigte sich die stillende Muttergottes deutlich züchtiger als heute.

Zum Thema: Grien-Ausstellung lockt kurz vor Schluss noch Fans nach Karlsruhe

„Sind Sie eine Kuratorin?“ fragt Barbara Strauch Ende Februar in der Kunsthalle Karlsruhe die sofort verneinende BNN-Reporterin. Die Geschichte der Besucherin in der großen Landesausstellung „Hans Baldung Grien. Heilig – unheilig“ findet trotzdem Gehör.

Auch interessant: Hans Baldung Grien: War er besser als Albrecht Dürer

Strauch steht vor Griens „Maria mit Kind und Papageien“, diesem geheimnisvoll sinnlichen Andachtsbild im Motiv der sogenannten Maria lactans, der stillenden Maria. Hans Baldung Grien malte es um 1533 in Straßburg.

Freizügigkeit war ein Markenzeichen von Hans Baldung Grien: Sein Gemälde „Zwei Hexen“  aus dem Jahr 1523. | Foto: Uli Deck/dpa

Die Fotografie eines sehr ähnlichen Gemäldes hält Strauch in ihrer Hand: Anders als auf dem Original entblößt Maria ihre stillende Brust dort nicht völlig, sondern hält sie bis auf das Notwendigste unter dem Kleid bedeckt. „Ich habe eine familiäre Bindung zu ,unserer Madonna‘“, erklärt Strauch, die mit ihrer Schwester extra von München angereist ist. Im Radio habe sie gehört, dass in Karlsruhe eine Grien-Ausstellung gezeigt wird.

In den 1920ern zum Spottpreis verkauft?

„Das Bild hat einmal meinem Großvater gehört“, sagt Barbara Strauch, Mädchenname: Freudenthaler. Franz Freudenthaler sei Offizier in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie (auch kaiserliche und königliche Doppelmonarchie, kurz k.u.k genannt) gewesen. Das erzählt sie Tage später von München aus am Telefon. „Er war Major, und dann war er nichts mehr.“

Der Zerfall der k.u.k.-Monarchie und das Ende des Ersten Weltkriegs stürzten Österreich in eine Hyperinflation und viele Menschen, so auch Strauchs Großvater, in die Arbeitslosigkeit.

Mehr zum Thema: Heilige oder Hure? Frauen im Werk des Renaissance-Künstlers Hans Baldung Grien

Aus Geldnot habe er 1922 das Madonnenbild mit den Papageien an eine Galerie verkaufen müssen – deutlich unter Wert, davon ist Strauch überzeugt. Etwa 80.000 österreichische Kronen soll er bekommen haben. Zur Einordnung: Auf der Sammler-Website www.geldschein.at ist zu lesen, dass man im Österreich des Jahres 1922 ein Kilo Schweineschmalz nicht unter 15.000 Kronen bekam.

Die Details, die Strauch aus ihrer Familienchronik abliest, lassen sich nur schwer verifizieren. Bei der Recherche gibt Holger Jacob-Friesen, Kurator der Karlsruher Grien-Ausstellung, einen wichtigen Tipp: Aus dem Baldung-Werkverzeichnis (1983) von Gert von der Osten geht hervor, dass frühere Eigentümer ein „spanischer Prinz“ und, 1918 in „Wiener Privatbesitz“, ein „österreichischer Hauptmann“ waren.

1925 verkauft die Galerie Sanct Lucas in Wien das Bild an das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg – von dort hatte die Kunsthalle Karlsruhe es in den vergangenen Monaten für die Dauer der Ausstellung ausgeliehen.

Kaiserliche Kammerzofe ist eine Vorbesitzerin

In Strauchs Familienchronik ist der „spanische Prinz“ ein spanischer Graf und Jesuit, der das Bild nach Wien – genauer: in die „Kirche am Hof“ – mitgebracht haben soll. Die Jesuiten gründeten 1551 auf Einladung Ferdinands I. eine Niederlassung in Wien, bis sie im 18. Jahrhundert durch die veränderte politische Lage verfolgt und des Landes verwiesen wurden.

In dieser Zeit soll eine Kammerzofe der Kaiserin Maria Theresia an das Bild gekommen sein, erzählt Strauch. Diese Kammerzofe habe es später einer „guten Freundin“ geschenkt, einer Tochter der Wiener Konditoren-Familie Picker. „Das war meine Ahnin, und von da an war das Bild im Besitz meiner Familie“, sagt Strauch.

Die Papageien-Madonna sei von Generation zu Generation weitervererbt worden, bis zu Franz Freudenthaler und seiner Frau – Strauchs Großeltern. Diesen Teil der Provenienzgeschichte kann Daniel Hess, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums und Experte für Alte Meister, nicht mit historischen Fakten bestätigen. „Das Bild ist erst ab den 1910er Jahren in Wien nachgewiesen, soviel ich weiß“, sagt er im Telefongespräch. „Alles, was vorher war, ist schwer nachzuweisen.“

Und warum trägt die Papageien-Maria auf Strauchs Fotografie ihr Kleid hochgeschlossen, während sie in der Karlsruher Kunsthalle ihre prachtvoll entblößte Brust zeigte?

Strauch sagt, das Foto zeigt eine noch immer bei ihren Eltern im Wohnzimmer hängende Kopie des Originalbildes, die im Jahr 1916 von der Wiener Kunstmalerin Maria Schöffmann im Auftrag der Freudenthalers angefertigt worden sein soll.

„Es gab zwei Restaurierungen“, erklärt Strauch: Einmal 1914 (von Josef Kastner), und ein weiteres Mal 1920 (von Bruno Sykora) soll die Madonna ihrer nicht-originalen Farbspuren und Verdunkelungen entledigt worden sein. Das würde die unterschiedlichen Kleidungsstile und die heute so viel strahlendere Farbigkeit erklären – jedoch fehlt ein wissenschaftlicher Nachweis.

Viele Fragen um das Bild von Hans Baldung Grien

Auch das Germanische Nationalmuseum hat über diese Restaurierungen keine Erkenntnisse. „Ich finde das aber superinteressant“, erklärt der Generaldirektor Hess. Für plausibel hält er, dass man die Madonna im wenig freizügigen 19. Jahrhundert den persönlichen Vorlieben angepasst haben könnte. „Das ist aber unendlich schwierig zu sagen.“

Es hänge von den jeweiligen Moralvorstellungen der damaligen Besitzer ab. „Das wäre natürlich spannend, ist aber reine Spekulation“, betont Hess. Kunsthistorischer Fakt sei aber: Eine Maria lactans wird immer mit entblößten Brüsten gezeigt. „Mit bedeckten Brüsten zu stillen, ist ja auch ziemlich schwierig.“

Es war nicht ganz ohne, zu dieser Zeit in Straßburg solche Bilder zu malen.

Nicht erst im 19. Jahrhundert traf diese Darstellung auf Ablehnung: Als Grien seine Papageien-Madonna malte, war Straßburg ein Zentrum der Reformation, die Heiligenbilder und besonders solch freizügige Marienbilder verteufelte. „Nach 1526 wurde die Messe abgeschafft, und kurz danach begann der Bildersturm“, zählt Hess auf. „Es war nicht ganz ohne, zu dieser Zeit in Straßburg solche Bilder zu malen. Es sei denn, man hatte eine Klientel von gewissem Stand, die diese Bilder abnahm.“

So seien etwa auch Kupferstich- oder Holzschnitt-Varianten der Gemälde von Lucas Cranach bekannt, die, je nach Region, in Teilen retuschiert oder um Elemente ergänzt wurden. Je nachdem, was in der jeweiligen Region gerade als akzeptabel galt.

Mehr zum Thema: Karlsruher Museum landet Gemälde-Coup – aber ein Teil des Kunstwerks fehlt

Wer Griens Papageien-Madonna in Auftrag gab, ist in der Kunstwelt bis heute umstritten. Von der Osten spricht in seinem Grien-Werkverzeichnis von der Möglichkeit, dass der Straßburger Bischof Wilhelm von Honstein der Auftraggeber gewesen sein könnte. „Auch das sind ganz heiße Spekulationen“, sagt Hess.

Ein verloren geglaubtes Stück Familiengeschichte

Die Maria lactans sei bei den Reformatoren nicht gerade beliebt gewesen, die alte Kritik an der verführerischen Kraft der Kunst habe in dieser Zeit wieder an Fahrt aufgenommen. Dennoch: „Im Klerus gab es durchaus Schichten, die solche Bilder abgenommen haben.“ Sie schätzten wohl die intellektuelle Auseinandersetzung mit der im Bild angedeuteten Verführung, den „hochgelehrten Diskurs über Verborgenes und zu Verbergendes“, meint Hess.

Für Barbara Strauch ist die mysteriöse Papageien-Maria vor allem eines: Ein lange verloren geglaubter Teil ihrer Familiengeschichte.

„Mein Großvater ist gestorben, als ich 15 Jahre alt war. Ich erinnere mich, dass der Verbleib des Bildes für ihn immer ein großes Thema war“, sagt die heute über 70-Jährige. „Seit ich fünf Jahre alt war, hat mich das Bild begleitet.“ Die Kopie hänge noch heute in ihrem Elternhaus.

Zum Thema: Die größte Ausstellung seit sechs Jahrzehnten: Hans Baldung Grien in Karlsruhe 

Erst in den 1990er Jahren entdeckt Strauch „ihre“ Madonna, das Original, im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Zufällig.

„Ich war wegen einer ganz anderen Ausstellung dort“, erinnert sie sich. „Auf einer Postkarte habe ich das Bild entdeckt und nachgefragt, ob das im Museum hängt.“ Sie nimmt auch Kontakt zu dem damaligen Museumsdirektor Kurt Löcher auf, doch nach einem ersten Telefonat sei der Kontakt abgebrochen.

Niemals Regressforderungen im Bild gehabt

Ähnlich verläuft Jahre später ein Versuch, mit der Kunsthistorikerin Sibylle Weber am Bach ins Gespräch zu kommen – Strauchs Schwester war in der Schweiz auf deren Promotionsarbeit „Hans Baldung Grien – Marienbilder in der Reformation“ gestoßen: Den Titel ziert die Papageien-Madonna.

Strauch glaubt, die Kunstexperten hätten womöglich Angst vor Regressforderungen gehabt. „Das war aber nie mein Ziel“, versichert sie. Sie habe dem Museum nur mitteilen wollen, was sie über das Bild weiß.
Indes ist der heutige Generaldirektor in Nürnberg hellauf begeistert. „Menschen, die ihre eigene Geschichte zu einem Bild erzählen können, trifft man selten genug. Ich finde das großartig“, erklärt er.

Die Geschichte der Bilder sei nicht damit abgeschlossen, dass sie an einen Besitzer gelangen. „Es ist ja auch interessant, was Menschen mit gewissen Kunstwerken verbindet.“  Für ihn sei Baldung einer der faszinierendsten Maler, und die „Maria mit Kind und Papageien“ eines der spannenderen Bilder. „Und sie war in Karlsruhe ja auch gut gehängt, sehr sichtbar“, freut sich Hess.

Vielleicht das Zünglein an der Waage, um diese Geschichte ans Licht zu bringen.