Weil es bei Hinrichtungen mit dem Schwert bisweilen Pannen gab, schwenkte Baden 1856 auf eine "totsichere" Guillotine um. | Foto: © erllre - stock.adobe.com

Spektakel im 19. Jahrhundert

Hinrichtungen in Baden: Als noch „Armsünderblut“ floss…

1949 wurde die Todesstrafe in der damaligen Bundesrepublik Deutschland abgeschafft. Doch bereits im 19. Jahrhundert hatte sich – im Geiste der Aufklärung – Widerstand gegen das Töten im Namen des Gesetzes geregt. Trotzdem wurde munter weiter exekutiert – im Großherzogtum Baden bis 1856 öffentlich. Verbrechensprävention durch Abschreckung? Oft arteten Hinrichtungen zu regelrechten Volksfesten aus.

Die Schuljugend zum Richtplatz befohlen

Pünktliches Erscheinen war der Schuljugend vor 200 Jahren im nordbadischen Walldürn befohlen: Die Kinder sollten den Augenblick nicht verpassen, in dem der Gerechtigkeit Genüge getan wurde. Die Hinrichtung eines Familienvaters stand an. Er war des „gewinnsüchtigen Verwandtenmords“ für schuldig befunden worden. Verschärft wurde die Strafe, indem der Scharfrichter den abgeschlagenen Kopf für 24 Stunden auf einen Pfahl steckte.

Zwei Brüder in Karlsruhe auf dem Schafott

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fanden Hinrichtungen öffentlich statt – man setzte auf Verbrechensprävention durch Abschreckung. Und machte selbst bei Exekutionen noch feine Unterschiede. Als in Karlsruhe 1829 die Maisch-Brüder wegen Raubmords verurteilt wurden, sah der Großherzog zwar davon ab, ihre Köpfe aufpfählen zu lassen. Doch sollte der Anstifter der grausigen Tat zunächst die Hinrichtung des von ihm „verführten“ Bruders „erleben und erleiden“, ehe der Henker auch ihm den Kopf abschlug.

Der Landesherr hatte die Möglichkeit, zum Tode Verurteilte zu lebenslänglicher Haft zu begnadigen. Doch in 70 Fällen  ließ man nach Recherchen des Buchautors Udo Bürger zwischen 1815 und 1932 in Baden keine Gnade walten.  (Bürger hat Exekutionen im Zusammenhang mit der 1848/49er Revolution nicht berücksichtigt.) In Karlsruhe gab es im genannten Zeitraum sieben Hinrichtungen, in Bruchsal ebenfalls sieben, in Rastatt zwei, in Offenburg fünf.

Spektakel auf den Gottesauer Wiesen

Solange sie öffentlich stattfanden, arteten Hinrichtungen oft in Massenspektakel aus. So drängten sich mehrere Tausend Menschen auf den Gottesauer Wiesen, als dort 1854 ein Tagelöhner aus Rüppurr geköpft wurde. Er soll seine Schwägerin erschlagen und ihre Pflegetochter schwer verletzt haben, hatte aber bis zuletzt geleugnet. Pfiffige Geschäftsleute boten dem Publikum illustrierte Schriften über Leben und Taten des Verurteilten zum Kauf an.

Begehrtes „Armsünderblut“

Nicht immer hielt das Publikum Abstand zum blutigen Geschehen. Udo Bürger berichtet von Fällen in Adelsheim (1819) und Osterburken (1854), bei denen Zuschauer versuchten, einige Tropfen vom Blut von eben Hingerichteten zu erhaschen. Der Aberglaube schrieb dem „Armsünderblut“ schützende und heilende Wirkungen zu.

Lob für den Scharfrichter

Das Publikum beobachtete gespannt nicht nur das Verhalten der Verurteilten in ihren letzten Minuten. Auch  das Geschick des Henkers war ein großes Thema. Gelang es ihm, den Kopf mit einem einzigen Schwerthieb vom Rumpf zu trennen, war ihm Beifall gewiss.

So lobte die „Badische Landeszeitung“ 1854 nach der Hinrichtung in Osterburken: „Der Scharfrichter versah sein Amt mit bewundernswürdiger Ruhe und Geschicklichkeit“. Zugleich ereiferte sich der Berichterstatter gegen „alle süßliche Humanität, die dem Volk, besonders der Jugend, kein Blut zeigen und ihm kein abschreckendes Beispiel vor die Augen stellen will“.

„Menschenschlächterei“ in Heidelberg

Diskussionen darüber, ob Hinrichtungen nicht besser unter Ausschluss der Öffentlichkeit und mit einem „Fallbeil“ statt dem Schwert durchgeführt werden sollten, gab es seit Jahren. 1826 hatte die „Menschenschlächterei“ eines eigentlich erfahrenen Scharfrichters in Heidelberg für große Empörung gesorgt. Ihm war es auch mit zwei Schwertstreichen nicht gelungen, den Kopf eines Mörders vollständig vom Körper zu trennen – erst ein „Assistent“ aus Ettlingen brachte das „Werk“ zu Ende.

Dem blutigen Schauspiel in Heidelberg folgte eine gerichtliche Untersuchung. Dabei führte man das Ungeschick des Scharfrichters auf Ereignisse im Jahr 1820 zurück: Damals hatte der Henker in Mannheim den Burschenschaftler Karl Ludwig Sand exekutiert.

Dem Henker zitterten die Hände

Der liberal und national denkende Student aber war kein „gewöhnlicher Mörder“ gewesen. Aus politisch-ideologischen Motiven hatte Sand den reaktionären Schriftsteller August von Kotzebue erstochen. „Zur Rettung Deutschlands“ wie er noch auf dem Schafott sagte. Sand, der von Gleichgesinnten zur Kultfigur und zum Märtyrer erhoben wurde, hatte am Vortag seiner Hinrichtung um ein Gespräch mit seinem Henker gebeten. Dieses nahm den Scharfrichter anscheinend so mit, dass er später in Melancholie verfiel. Die Hände zitterten ihm und er wurde quasi berufsunfähig.

Hinrichtungen hinter Gefängnismauern

Es dauerte bis 1856. Dann wurde in Baden ein Gesetz erlassen, wonach Enthauptungen künftig mit einer Guillotine durchzuführen waren. Zudem wollte man Zuschauer weitgehend fernhalten.

1857 kam die transportable „badische Guillotine“ erstmals zum Einsatz. Eine als Giftmörderin verurteilte sechsfache Mutter starb im Hof des Bruchsaler Amtsgefängnisses unter dem Fallbeil. Als „vollkommen sicheres Werkzeug zum Vollzug der Todesstrafe“ feierten Journalisten nun die „Fallbeilmaschine“.

Jedem feineren Gemüte wohltuend…

Auch sei es, wie eine Zeitung anmerkte, „jedem feiner fühlenden Gemüte“ wohltuend, dass „die eigentliche Öffentlichkeit“ nunmehr außen vor blieb. Denn schon vor der Hinrichtung der Giftmörderin in Bruchsal waren „ganze Züge Neugieriger“ am Gefängnis vorbeigepilgert. Wären die hohen Mauern nicht gewesen – vermutlich hätten „ungeheure Zuschauermassen“ das „Jammern und Wehklagen“ der Todeskandidatin bis zum bitteren Ende verfolgt.

Buch zum Thema

Foto: Sutton Verlag

Auf „spektakuläre Kriminalfälle“ hat sich hat der in Remagen lebende Autor Udo Bürger spezialisiert. Nach rheinischen, hessischen, westfälischen und anderswo ansässigen Mördern nahm er jetzt die badischen aufs Korn: Authentische Kriminalfälle, die zwischen 1815 und 1932 mit insgesamt 70 Hinrichtungen endeten, hat er recherchiert. Der Leser bekommt dabei reichlich „harte Kost“ serviert, oft mit vielen unappetitlichen Details.

Die Fälle sind ganz aus der „offiziellen Sicht“ geschildert, wie sie sich in Gerichtsakten und zeitgenössischen Presseartikeln spiegelt. Hintergrundinformationen findet man – außer zum Wandel der „Hinrichtungskultur“ – kaum. Soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche Aspekte der Verbrechen klingen zwar in manchen Fällen an. Der Autor erläutert sie allerdings selten näher. Auch auf Einblicke in die Ermittlungsmethoden früherer Zeiten hofft man meist vergeblich.

So liefert Bürger zwar fleißig Namen, Daten, Orte, Zitate und jede Menge „Fakten“, die zur Verurteilung und Hinrichtung von Männern und Frauen in Baden führten. Alles in allem aber stillt das Buch eher die Sensationslust als sozial-, gesellschafts- und rechtshistorische Interessen.

Udo Bürger, Die spektakulärsten Kriminalfälle in Baden. Von Giftmischern, Amokläufern und Auftragsmördern, 264 Seiten, circa 50 Abbildungen, Sutton-Verlag, 16 Euro.