Rund 300 Menschen kommen täglich zur Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt. Arbeitslos melden sich täglich rund 180 Menschen.
Rund 300 Menschen kommen täglich zur Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt. Arbeitslos melden sich täglich rund 180 Menschen. | Foto: Arbeitsagentur Karlsruhe

Nur eine Nummer?

Hinter den Kulissen der Arbeitsagentur: Was passiert, wenn ich arbeitslos werde?

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Es gibt Orte, an die geht niemand gern: zum Zahnarzt, zum Anwalt oder zur Darmspiegelung. Ein Besuch bei der Arbeitsagentur gehört meist auch dazu. Die Berater und Vermittler der Arbeitsagentur sehen ihre Kunden häufig mit hängenden Köpfen oder verweinten Augen ihr Büro betreten. Manchmal auch wütend. „Kunden denken oft: ‚Ich bin in der Agentur, mein Leben ist vorbei!“, sagt Dorothee Morscheid, Leiterin der Arbeitsvermittlung. Aber ist das wirklich so? Ein Besuch in der Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt.

„Ich war ja noch nie hier.“ Oder: „Den Job hab ich aber nicht über Sie gefunden.“ Solche Sätze hören die Mitarbeiter der Agentur für Arbeit in Karlsruhe oft. Arbeitslosigkeit ist etwas, über das niemand gerne spricht – ein Tabuthema, immer noch. Auch deswegen ranken sich viele Mythen und Vorurteile rund um die Arbeitsagentur und das, was innerhalb ihrer Mauern vor sich geht. „Hartz-IV-Dokus“ im Fernsehen, die öffentlichkeitswirksam Extremfälle inszenieren, tun das Übrige, um die „Angst vorm Amt“ zu schüren. Sind Menschen dort wirklich „nur eine Nummer“?

Im Eingangsbereich: „Uns kommen hier auch mal die Tränen“

Im Juli oder August können es an einem Tag auch einmal 300 Menschen sein, die durch die Tür in der großen Glasfassade der Arbeitsagentur kommen und vor den Schaltern in der Eingangszone stehen. Wenn Ausbildungsverhältnisse, Schuljahre und Semester enden, melden sich mehr Menschen arbeitslos als zu einem anderen Zeitpunkt im Jahr. Von den rund 300 Vorsprechenden in der Eingangszone, melden sich täglich rund 180 Menschen arbeitslos.

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Daniel Susac ist der Leiter der Eingangszone in der Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt. Seine Mitarbeiter arbeiten in einem Rotationssystem mal am Empfangsschalter und mal am Schreibtisch im Eingangsbereich. Wer ein Anliegen hat, das nicht schnell am Empfang bearbeitet werden kann, wird je nach Kundenaufkommen in den Wartebereich gebeten. 50 Plätze gibt es dort. An manchen Tagen sind alle besetzt.

Das Erstgespräch

Ein Erstgespräch dauert etwa fünf bis 15 Minuten. Planen lässt sich das aber kaum. „Wenn ein Kunde sich beispielsweise zum ersten Mal arbeitslos meldet, hat er ja meistens auch viele Fragen“, sagt Susac. „Da sagt ja niemand ‚Verschwinden Sie jetzt‘.“

Wer aufgerufen wird, sitzt Sekunden später an einem der vielen Schreibtische im Eingangsbereich. Trennwände zwischen den Tischen wahren die Privatsphäre. Hier wird zunächst der Ausweis verlangt – zur Identitätsprüfung. Danach müssen die Berater das Anliegen ihrer Kunden in kurzer Zeit so präzise wie möglich erfassen und dokumentieren. Wer sich arbeitslos meldet, erhält im Anschluss einen Termin bei der Arbeitsvermittlung. Hat der Kunde gesundheitliche Probleme, kann es sein, dass er vom Erstgespräch direkt an die Reha-Beratung verwiesen wird.

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 „Probleme gibt es oft, wenn es ums Geld geht“

„Leute verlieren auch mal die Nerven“, sagt Susac. Besonders dann, wenn es ums Geld geht. Das Arbeitslosengeld I kann 67 oder 60 Prozent des Gehalts betragen. Im Durchschnitt wird den Kunden der Arbeitsagentur etwas zwischen 900 und 1.000 Euro monatlich ausgezahlt. Wenn die gefürchteten Sperrzeiten verhängt werden, kann das schnell ein großes Loch in die ohnehin schmälere Haushaltskasse reißen. „Pro Jahr vergebe ich vielleicht 20 Sperrzeiten“, sagt Susac. „Als Schuss vor den Bug.“ Es könnten aber auch 2.000 sein, fügt er hinzu. „Wenn ich nie auch mal ein Auge zudrücken würde. Wir wissen ja, was wir damit anrichten.“

Das Arbeitslosengeld kann zwischen einer und zwölf Wochen lang gesperrt werden – je nach Schweregrad des Verstoßes. Wer eine Sperrzeit von insgesamt 21 Wochen anhäuft, verliert seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld vollständig.

Aber auch, wenn es in der Eingangszone schnell gehen muss: Die Schicksale ihrer Kunden gehen an den Mitarbeitern oft nicht vorbei. „Uns kommen hier auch mal die Tränen“, gibt Susac zu.

Bei der Arbeitsvermittlung: „Wir fordern, aber wir fördern auch“

Wer einen Termin bei der Arbeitsvermittlung hat, der landet vielleicht am Schreibtisch von Frau Müller (Namen von der Redaktion geändert). Vor einigen Jahren, kurz nach dem Studium, war sie selbst arbeitslos. Ihre Erfahrung damals war negativ. „Was wollen Sie hier?“, habe sie die Vermittlerin damals angefahren, erzählt sie. Sie habe sich klein gefühlt, ihr Selbstwert war „gleich Null“. Ihren Kunden will sie eine solche Erfahrung ersparen, weil sie weiß, wie diese sich fühlen. Auch wenn sie jetzt auf der anderen Seite des Schreibtischs sitzt.

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Um zwei Bewerbungen pro Woche hat sie den Kunden, der gerade bei ihr einen Termin hatte, gebeten. Die Bewerbungen, die er geschickt hat, soll er dann auch der Arbeitsagentur per Mail weiterleiten – zur Bestätigung. „Das ist aber auch schon das Äußerste, das wir verlangen“, sagt Frau Müller. Die Arbeitsagentur schließt mit ihren Kunden eine sogenannte Eingliederungsvereinbarung ab. Die Agentur vermittelt Stellen, der Kunde bewirbt sich und sagt der Agentur Bescheid. „Rücksprache halten ist alles“, sagt Frau Müller. Niemand müsse sich auf eine Stelle bewerben, die tatsächlich nicht passt. „Aber dann bitte Bescheid geben.“

„Wir haben eine Lotsenfunktion“

Dorothee Morscheid ist Teamleiterin der Arbeitsvermittlung und kennt die Befürchtungen, die viele Kunden haben. „Viele denken, wir sagen ‚Sie müssen jetzt dies und jenes machen und wenn nicht, wird ihnen Geld verweigert“, erklärt sie. Es stimme zwar, dass von den Kunden – Morscheid nennt sie lieber „Bewerber“ – etwas gefordert wird. „Aber wir fördern auch“, sagt sie.

Die Arbeitsvermittler hätten eine Art Lotsenfunktion. „Wir schauen individuell, wo es für den Bewerber hingehen kann“, sagt sie. Auch Qualifizierung spiele da eine große Rolle. Diese könne vom individuellen Coaching über Sprachförderung und Weiterbildung bis hin zur Gründungsförderung reichen.

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Man kann das Gefühl bekommen, man sei nur eine Nummer

„Natürlich geht nicht alles“, lenkt Morscheid ein. Die Bewerber hätten manchmal sehr konkrete Vorstellungen, die dann doch nicht so umsetzbar seien. „Wir können beispielsweise niemandem die Selbständigkeit zur Nageldesignerin finanzieren, wenn die Region bereits voller Nagelstudios ist.“

Im Gespräch mit den Arbeitsvermittlern kristallisieren sich ab und an auch besondere Bedürfnisse der Bewerber heraus. Möglicherweise werden diese dann von ihrem Arbeitsvermittler weiter verwiesen. „Man sieht oft vier bis fünf Personen, wenn man zum ersten Mal hier ist“, sagt Frau Müller. Da könne man schon einmal das Gefühl bekommen, man sei nur eine Nummer. „Aber das liegt daran, dass eben jeder Experte auf seinem Spezialgebiet ist.“

Bei der Berufsberatung: „Unsere Aufgabe: Schüler selbständig machen“

„Die Welt braucht mehr Menschen wie dich“ und „Es liegt an dir“ steht auf Postkarten, die an der Wand hinter dem Schreibtisch von Eva-Maria Lang-Bootz hängen. Sie ist Berufsberaterin. Wer zu ihr kommt, ist in der Regel unter 25 Jahren alt und auf der Suche nach beruflicher Orientierung. So wie ihre junge Kundin, die während der Beratung zugibt: „Ehrlich gesagt, hab ich noch richtig Angst.“ Lang-Bootz will den Jugendlichen nicht nur die Angst nehmen, sondern sie auch selbständig machen.

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An einem Tag berät die Arbeitsagentur Karlsruhe-Rastatt rund 210 Jugendliche. Die Berufsberater arbeiten eng mit den Schulen in der Region zusammen und besuchen auch die Schulklassen. Inzwischen fängt die Betreuung der Schüler bereits in der achten Klasse an.

In der Berufsberatung kommen alle Fragen auf den Tisch, die sich die jungen Leute rund um ihren zukünftigen Beruf stellen: Was will ich? Was kann ich? Und wie schreibt man eigentlich eine Bewerbung? Manchmal bräuchten die Jugendlichen aber auch einfach nur die Bestätigung, dass ihre Entscheidung die richtige war, sagt Lang-Bootz.

Bei der Reha-Beratung: „Wir sind keine Psychologen. Aber wir fördern und beraten.“

„Ich habe immer alles auf die Reihe bekommen. Aber dann braucht man doch Hilfe“, sagt der Kunde von Sylvia Breidenbach. Sie ist Reha-Beraterin und ihr Kunde kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in seinem ursprünglichen Beruf arbeiten. Nun will er gemeinsam mit Breidenbach neue Wege für sich finden. Dafür wurde ein ärztliches Gutachten in Auftrag gegeben, das Breidenbach vorliegt. Eine genaue Diagnose erfährt die Beraterin nicht, aber sie kann daraus ablesen, wie der Arzt den Kunden in Sachen Leistungsfähigkeit einschätzt.

Dem Reha-Bereich steht ein jährliches Budget von rund 31 Millionen Euro für Maßnahmen zur Verfügung.  Für geförderte Reha-Weiterbildungen gibt die Arbeitsagentur täglich rund 140.000 Euro aus.

Schnittstelle mit Arbeitgebern

Es gibt ein Stufenmodell: Oberste Priorität hat die Erst- oder Wiedereingliederung der Kunden in eine reguläre Ausbildung oder in den Arbeitsmarkt. „Berufliche Reha – das kann ‚Inklusion‘, ‚Umschulung‘ oder ‚Einarbeitung‘ bedeuten“, sagt Breidenbach. Aber all das ist freiwillig.

Der Reha-Bereich der Arbeitsagentur agiert auch als Schnittstelle zwischen jenen, die in den Arbeitsmarkt wollen und denen, die die Jobs haben. Das Team um Leiterin Martina Bürgy berät auch Arbeitgeber, die Menschen aus der Reha-Beratung einstellen. „Wir haben einen Menschen – und was kann er leisten? Das fragen wir uns hier“, erklärt Bürgy. Wenn alles klappt, finden die Reha-Kunden eine Arbeitsstelle. Nach sechs Monaten im neuen Arbeitsverhältnis gilt die Rehabilitation dann als abgeschlossen.

Beim „INGA“-Team: „Ein Mensch ist immer wertvoll. Egal, ob er Arbeit hat oder nicht.“

„INGA“ steht für „interne ganzheitliche Integrationsberatung“. Das Programm startete zwischen 2012 und 2013 als Projekt und hat sich inzwischen etabliert. Vor den Schreibtischen der INGA-Beraterinnen Isolde Wagner und Claudia Eschen-Sinn sitzen Menschen, „die vielleicht noch nicht können, aber wollen.“ Nicht, weil sie gesundheitlich eingeschränkt sind, sondern weil das Trauma Arbeitslosigkeit manchmal so tief sitzt, dass Menschen nicht sofort weiter machen können.

Wenn ein Kunde für das INGA-Programm infrage kommt, wird er in der Regel von einem Arbeitsvermittler an das INGA-Team verwiesen. Bevor der Kunde ins Programm aufgenommen wird, müssen die Beraterinnen die Prognose bestätigen, dass der Kunde innerhalb eines Jahres wieder vermittelt werden kann. Die Bandbreite der INGA-Kunden ist groß: „Vom Helfer bis zum Manager mit Doktortitel ist hier alles dabei“.

Arbeitslosigkeit als Ressource nutzen

In der INGA-Beratung sitzen die Kunden nicht 20, sondern 90 Minuten im Erstgespräch. Die Beratung und Betreuung ist sehr individuell. Innerhalb der Arbeitsagentur finden auch Gruppenangebote und Workshops statt. „Hier stehen die Ressourcen der Kunden im Fokus“, erklärt Eschen-Sinn. Und manchmal „muss Abstand auch einfach sein“. Zum Beispiel bei Kunden, die bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber gemobbt wurden.

„Die Hilfosigkeit, die man erlebt, wenn man arbeitslos ist, ist auch ein  Teil des Traumas“, erklärt Wagner. Aber nach einer Weile können Kunden im INGA-Programm lernen, sogar die Arbeitslosigkeit als Ressource zu nutzen. „Die Erfahrung zu machen, dass ich es wieder in Arbeit schaffen kann, gibt Auftrieb. Das zeigt: Ich bin wieder selbstwirksam“, fügt Eschen-Sinn hinzu.

Sozialer Druck

Was Eschen-Sinn und Wagner oft mitbekommen, ist der soziale Druck, der mit der Arbeitslosigkeit auf ihre Kunden einwirkt. „Da heißt es nach dem ersten Beratungsgespräch zu Hause gleich: ‚ Und, hast du jetzt Arbeit?“, sagt Eschen-Sinn. Oft werde das Bild geprägt, dass es sich die Arbeitslosen gut gehen ließen. „Ich erlebe das nicht“, sagt die Beraterin. „Wenn ich Leute frage, ob sie heute noch an den See gehen, fallen die schier in Ohnmacht. Sie finden, das steht ihnen nicht zu.“

Auch den Druck, der durch solche Vorurteile entsteht, versucht das INGA-Team abzufangen. „Für die Arbeitslosen geht ja niemand auf die Straße“, sagt Wagner.

Wenn ein Tag in der Arbeitsagentur endet, wurden im Schnitt 650 Beratungsgespräche geführt. Rund 180 Arbeitslose sind abgegangen, fast ebenso viele sind neu dazu gekommen. Rund 795.000 Euro sind als Arbeitslosengeld ausgezahlt worden. 121.000 Euro wurden für geförderte Weiterbildungen ausgegeben. Am nächsten Tag werden wieder Hunderte Menschen durch die Glastüren am Eingang kommen. Häufig mit hängenden Köpfen oder verweinten Augen. Manchmal wütend.