Alles was Palais ist: Holger Rothfuß, Richter am Bundesgerichtshof a.D., sammelt alles, worauf das heutige BGH-Hauptgebäude abgebildet ist.
Holger Rothfuß, Richter am Bundesgerichtshof a.D., sammelt alles, worauf das Erbgroßherzogliche Palais abgebildet ist. | Foto: abw

Pensionierter Richter am BGH

Holger Rothfuß und seine Sammlung zum Erbgroßherzoglichen Palais

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Es war wohl so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. 1985 wurde Holger Rothfuß an die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe abgeordnet. Und die befand sich damals noch auf dem Gelände des Bundesgerichtshofs (BGH) in der Herrenstraße. Der Strafrechtler hatte es quasi immer vor den Augen: das Erbgroßherzogliche Palais.

Fasziniert vom BGH-Hauptgebäude

Später wurde Holger Rothfuß selbst Richter am Bundesgerichtshof und aus der Faszination für das neobarocke Hauptgebäude des BGH eine Sammelleidenschaft: Der mittlerweile pensionierte Jurist interessiert sich für alles, worauf das Erbgroßherzogliche Palais abgebildet ist.

Alles was Palais ist

Um die 800 Postkarten besitzt Holger Rothfuß inzwischen, zudem Radierungen, Zeichnungen, Briefmarken, Fotos, Bücher … – sogar Bierkrüge. „Es dürfte die größte Sammlung zu diesem Thema weltweit sein“, schmunzelt er. Derzeit hat Rothfuß eine Auswahl seiner Schätze im Casino des BGH ausgestellt. Sie erzählen bisweilen verblüffende Geschichten zur Geschichte des Gebäudes.

Als Wohnsitz für den badischen Thronfolger gebaut

Als Wohnsitz für den badischen Thronfolger Friedrich und seine Gemahlin Hilda wurde das prunkvolle Palais gebaut. 1897 war das vom Oberbaudirektor Josef Durm geplante Gebäude weitgehend fertiggestellt. Doch bei Hofe gefiel es nicht recht, man verweigerte die Übernahme. Als der Architekt seinem Ärger über eine lange Mängelliste Luft machte, übergab man die Ergänzungsarbeiten einem anderen. Durm musste sich 1902 in den einstweiligen Ruhestand verabschieden.

Den Bürgern gefiel das Erbgroßherzogliche Palais

„Im Gegensatz zum großherzoglichen Hof fanden die Bürger schon 1897 Gefallen am Palais“, erzählt Holger Rothfuß. Ein Kunstverlag gab damals die erste Ansichtskarte von dem Gebäude heraus. Die Farblithografie nach einem Aquarell des Karlsruher Malers Heinrich Kley wurde viele Jahre gedruckt und verschickt.

Mit herzlichen Grüßen: Die kunstvoll gestaltete Jugendstilkarte aus Karlsruhe rechts ging 1902 zur Post.
Aus der Sammlung von Holger Rothfuß: Die kunstvoll gestaltete Jugendstilkarte aus Karlsruhe rechts ging 1902 mit herzlichen Grüßen zur Post. | Foto: abw

Ein Star unter den Karlsruher Ansichtskarten-Motiven

Neben dem Residenzschloss und dem Marktplatz avancierte das Erbgroßherzogliche Palais rasch zum Star unter den Karlsruher Ansichtskarten-Motiven. Als Friedrich und Hilda von Baden 1903 endlich ihr neues Heim bezogen, gab es schon diverse Karten mit dem Gebäude. Aber egal ob es sich um Fotografien handelte oder um künstlerische Arbeiten: Sie zeigten das Palais sämtlich von der Südseite – also von der Kriegsstraße her, von wo die Öffentlichkeit es damals bewundern konnte.

Die Handschrift der Erbgroßherzogin

Die erste – und für lange Zeit einzige – Karte, die das Palais von der Parkseite im Norden zeigt, erschien in dem Jahr, als das Thronfolger-Paar einzog. Zu Rothfuß’ Sammlung gehört ein Exemplar, das Hilda von Baden zum Jahreswechsel 1903/1904 an die Hohenzollerische Verwandtschaft in Berlin sandte: „Ein Experte vom Generallandesarchiv hat mir bestätigt, dass es sich um die Handschrift der späteren Großherzogin handelt“, sagt der Sammler.

Warum etliche Leute in die Bilder hineinschrieben

Was bei den alten Karten auffällt: Bei den Ansichten gibt es häufig kleine Felder für kurze Botschaften – oft sind jedoch auch die Ränder der Karten eng bekritzelt und mancher schrieb sogar in die Bilder hinein. War der Mitteilungsdrang so groß? „Bis 1905 war es nicht erlaubt, auf die Adress-Seite der Karten irgendetwas anderes zu schreiben als die Postanschrift“, sagt der Strafrechtler und lacht: „Gegen diese Vorschrift wagte selbst die Erbgroßherzogin nicht zu verstoßen“.

Nach dem Ende der Monarchie

Als Friedrich II. 1907 Großherzog von Baden wurde, zog er nicht ins Residenzschloss um, sondern hielt mit seiner Frau weiter Hof im Palais. Dessen Beliebtheit als Ansichtskarten-Motiv überlebte die Monarchie. Nach 1918 nutzten Behörden das Gebäude: „Arbeitsministerium“ heißt es nun auf einigen Karten, später: „Reichsarbeitsdienst“.

1950: Der BGH zieht ins Erbgroßherzogliche Palais

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das nach Bombenschäden frühzeitig wieder hergerichtete Erbgroßherzogliche Palais eine besonders bedeutende Sehenswürdigkeit Karlsruhes: Seit 1950 beherbergt es den Bundesgerichtshof. „Die Karlsruher waren stolz darauf, dass sich ihre Stadt gegen andere Bewerber durchgesetzt hatte“, sagt Rothfuß.

Das Gelände war frei zugänglich

Das spiegelt sich in unzähligen Ansichtskarten: Das Palais von Norden, von Süden, im Sommer, im Winter, nach 1960 auch mit dem Westgebäude, das Erich Schelling längs der Herrenstraße auf Betonstützen errichtet hatte. Die Fotografen konnten die tollsten Perspektiven wählen, denn das Gelände war frei zugänglich. Rothfuß hat in einem Buch ein Bild entdeckt, das rodelnde Kinder im Park vor dem Palais zeigt.

Erbgroßherzogliches Palais nur noch auf Mehrbild-Karten

Doch damit war es Ende der 1970er Jahre vorbei. Nach der Ermordung von Generalbundesanwalt Buback und seinen Begleitern sowie dem (gescheiterten) Raketenangriff von RAF-Terroristen auf den BGH wurde das Areal abgeschirmt. Was sich prompt in der Ansichtskarten-Kultur niederschlug: „Seit die Touristen den Park um das Palais nicht mehr besuchen können, werden auch keine Ansichtskarten vom BGH mehr aufgelegt“, erläutert Rothfuß: „Nur auf Mehrbild-Karten findet man noch winzige Fotos des Palais.“

Da ist es, ganz winzig: Seit das Gelände des Bundesgerichtshofs nicht mehr frei zugänglich ist, kommt das Erbgroßherzogliche Palais nur noch auf Mehrbild-Karten zu Ehren.
Da ist es, ganz winzig: Seit das Gelände des Bundesgerichtshofs nicht mehr frei zugänglich ist, kommt das Erbgroßherzogliche Palais nur noch auf Mehrbild-Karten zu Ehren, sagt Holger Rothfuß. | Foto: abw

Eine Briefmarke zum BGH-Jubiläum

Zum Star wurde die nunmehr weitgehend verborgene architektonische Perle allerdings wieder im Jahr 2000, als der Bundesgerichtshof sein 50-Jähriges feierte. Die Bundespost gab zu diesem Anlass eine Sondermarke heraus. Auf dem Siegerentwurf steht das Erbgroßherzogliche Palais klar im Mittelpunkt – fast alle Wettbewerbsteilnehmer hatten das historische Gebäude in ihre Gestaltung einbezogen.

Dumm gelaufen

Ein Wettbewerbsteam hatte sich allerdings etwas vertan – nicht beim Palais, sondern bei den Richtern, die es davor platzierte. Acht rote Roben sind da zu sehen. Was prima zum gleichfalls in Karlsruhe ansässigen Bundesverfassungsgericht gepasst hätte – doch beim Bundesgerichtshof bilden jeweils fünf Köpfe die Spruchgruppen der Senate. „Da konnte der Entwurf ja kaum den Zuschlag bekommen“, urteilt der Richter a.D.

Den BGH-Beschäftigen gefällt’s

Bei den Beschäftigten des BGH und den Casino-Besuchern kommt die Ausstellung zum Erbgroßherzoglichen Palais gut an, freut sich Holger Rothfuß. „Vielleicht“, überlegt er, „könnte man sie ja auch einmal an einem anderen Ort zeigen, damit noch mehr Interessierte sie sehen können“.

Die Sammlung von Holger Rothfuß wächst weiter

Seine Sammlung jedenfalls wächst weiter – und die Liebe zum Erbgroßherzoglichen Palais, für die seine Frau volles Verständnis hat, ist ungebrochen. „Ich bin jeden Tag im Internet, um zu schauen, was es gibt“, erzählt der 67-Jährige. Auch auf Auktionen ist er zugange. Und bei Briefmarkenbörsen in der Region winken ihm manche Leute schon von weitem zu. Dann nämlich, wenn es sie etwas „für den Verrückten“ haben – ein Objekt mit Abbildung vom Erbgroßherzoglichen Palais.