Lokalpatriot: Haze spielt auch auf großen Bühnen des HipHop mit - und bleibt seiner Heimatstadt Karlsruhe dennoch treu.
Lokalpatriot: Haze spielt auch auf großen Bühnen des HipHop mit - und bleibt seiner Heimatstadt Karlsruhe dennoch treu. | Foto: Jörg Donecker

HipHop in Karlsruhe

Hookup Festival 2019: Deutschrap in der Luft

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Bei bestem Open-Air-Wetter hat sich die Karlsruher HipHop-Szene auf dem Wiesengelände hinter der dm-Arena auf der Messe Karlsruhe versammelt: Das kulturelle Beiwerk für die Bühne des dritten Hookup Festivals bilden neben Foodtrucks und Getränkeständen eine Shishabar, ein mobiles Tätowierstudio und ein Stand des Karlsruher Hiphop-Modelabels Heart over Hate.

Das Publikum ist vorwiegend jung, etwa zwischen 16 und 30 Jahren. Schon mittags spazieren die Fans zu Hunderten aufs Gelände, mit abnehmendem Sonnenlicht schwillt das Publikum auf etwas mehr als 4000 Menschen an – es ist laut Veranstalter das größte Deutschrap-Festival Süddeutschlands.

Nachwuchs-Rapper mit Talent

Von der Mittagshitze lassen sich Karlsruhes Nachwuchs-Rapper, im Programm zusammenfassend als „Team Hookup“ aufgeführt, nicht abhalten. Sie geben alles, rappen was das Zeug hält. Zum Teil noch roh und ungeschliffen, aber man spürt die Energie, die sie in ihren Auftritt, ihre Texte und ihren Flow stecken.

Wie der rhythmisierte Sprechgesang zur Kunst wird, zeigt Karlsruhes Nummer Eins: „Es geht los“, verkündet Haze, und das textsichere Publikum stimmt mit ein, als der Karlsruher mit kroatischen Wurzeln „Becher & Blunt“ oder „Weisch weisch“ performt. Die Energie zwischen Künstler und Besuchern stimmt, und Haze macht weiter mit seinem Gangsta Rap im Stil der 90er Jahre, feuert seine Fans an: „Karlsruhe, ich hab’ richtig Bock! Ich merke gerade, dass ich zu Hause bin.“

Bin Lokalpatriot

Der „Hase“ lässt sich feiern, mehr als eine Stunde lang – vielleicht auch, weil der nachfolgend angekündigte Eno kurzfristig abgesagt hat. Haze liefert als Zugaben „Einmal Karlsruh’ immer Karlsruh’“ und das lauthals eingeforderte „In der Luft“. Hinter der Bühne macht er Fotos mit Fans und gibt eine knappe Erklärung, warum er jedes Jahr wieder beim Hookup auftritt: „Bin Lokalpatriot.“

Das erste Hookup Festival fand auf dem Messplatz statt. „Da durften wir nur bis 22 Uhr spielen. Ein Festival muss aber im Dunkeln enden“, erklärt Organisator Ibrahim Toy. Zudem spare man Kosten durch eine gemeinsame Infrastruktur mit den Open Airs Grashüpfer (Elektro) und Sta Ima (Balkan), die an den Tagen zuvor stattgefunden haben.

Autogetunter Teeniestar

Nach Hazes Konzert im Stil der „Alten Schule“ wird das junge, fröhlich bouncende Publikum von Luciano und Summer Cem mit tiefen Bässen, melodischen Sequenzen und dem beliebten Stilmittel Autotune bedient. Die ins Extrem getriebene digitale Tonhöhenkorrektur der Stimme verdrängt beim Karlsruher Nimo dann inhaltliche Aussage und rhythmischen Flow – doch die Mädels feiern kreischend ihren Teeniestar.

Die Dämmerung bringt wohltuenden Kontrast: Olexesh, der als einziger ganz ohne Playback auskommt, peitscht die Menge mit kratzig vorgetragenem Flow auf, bereitet sie auf den letzten Act des Abends vor, auf eine echte Bekanntheit des Deutschrap: Haftbefehl.

Der Frankfurter Deutsch-Türke spart nicht mit Licht- und Soundeffekten, spuckt seine ausgeklügelten Texte in hohem Tempo ins Publikum, das nahezu jedes Wort mitsprechen kann. Drei, vier Songs lang, dann ist irgendwie die Luft raus.

Haftbefehl hat Männerschnupfen

Erkältet sei er, und trotzdem aus Hamburg angereist, sagt Haftbefehl ins Mikrofon. Es scheint sich um einen handfesten Männerschnupfen zu handeln, dessen einziges Heilmittel bekanntlich das Mitleid ist. Als dieses ausbleibt, lässt „Hafti“ seine Crewmitglieder ran, während er mitwippend am vorderen Bühnenrand verharrt. Ein paar Selfies, Blicke auf die Uhr: „Wir haben noch 20 Minuten, das wird ’ne lange Nacht“, sagt er – doch wird nicht Wort halten.

Nur noch Bruchstücke bereits gespielter Songs („Ich rolle mit meim Besten“) lässt er hören, bevor er sich, fünf Minuten früher als geplant, ohne Zugabe verabschiedet. Das Publikum akzeptiert das klaglos, doch in der Rückschau auf den Tag will man dem großen „Baba Haft“ in seinen eigenen Worten zurufen: Bleib mal locker Lan, lass mal den Nachwuchs ran.