Taktlie Leitsysteme an Haltestellen und Bahnsteigen weisen sehbehinderten Menschen den Weg zum Zug.
Taktlie Leitsysteme an Haltestellen und Bahnsteigen weisen sehbehinderten Menschen den Weg zum Zug. | Foto: jodo

Barrierefreiheit im ÖPNV

Hürden werden weiter abgebaut

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Jedes Jahr nutzen rund 172 Millionen Fahrgäste die Busse und Bahnen des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV). Sie fahren zur Arbeit, zu Freunden und Bekannten oder zum Einkaufen in die Innenstadt. Schulkinder nutzen die großen Schienenfahrzeuge in der markanten gelben Farbe ebenso, wie Erwachsene, Familien und Rentner. Eine weitere Nutzergruppe, die besonders auf einen gut funktionierenden Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) angewiesen ist: körperlich behinderte Menschen und mobilitätseingeschränkte Personen.

Karlsruher Verkehrsverbund sieht sich gut aufgestellt

„Was die Barrierefreiheit betrifft, sind wir –auch im Vergleich zu anderen Städten – in Karlsruhe ganz gut aufgestellt“, sagt Christian Spitzer vom KKV. „Wir arbeiten auch regelmäßig mit Betroffenenvertretern zusammen. Das Thema liegt uns am Herzen.“ Derzeit werden beispielsweise neue Piktogramme mit Blindenschrift entworfen. Hierbei wird auch das Studienzentrum für Sehgeschädigte vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) einbezogen.

Rund 1900 Haltestellen fährt der Verkehrsverbund mit seinen Bahnen und Bussen an. Diese sind in der Regel mit einem so genannten „Taktilen System“ ausgestattet. Die weißen Streifen helfen mit ihrer unterschiedlichen Oberflächenstruktur blinden und seheingeschränkten Personen, den Weg zu Bus und Bahn zu finden.

Jedes Jahr nutzen rund 172 Millionen Fahrgäste die Angebote des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV).
Jedes Jahr nutzen rund 172 Millionen Fahrgäste die Angebote des Karlsruher Verkehrsverbundes (KVV). | Foto: jodo

Noch nicht alle Karlsruher Bahnen sind barrierefrei

„Wir haben in Karlsruhe die Situation, dass bei uns ein sehr gemischter Fuhrpark unterwegs ist“, erklärt Spitzer. „Die alten Fahrzeuge werden nach und nach ausgemistet. Inzwischen werden ausschließlich Niederflurfahrzeuge angeschafft.“ Dennoch seien vereinzelt noch höhere Fahrzeuge unterwegs, in die man nur über Stufen einsteigen kann. Nicht immer sei es möglich, ein behindertengerechtes Schienenfahrzeug auf die Strecke zu schicken. Sobald – wie in den Stoßzeiten üblich – zwei Züge gekoppelt werden, bemühe man sich jedoch, zumindest ein Niederflurfahrzeug bereitzustellen. An einigen Haltestellen sei der Bahnsteig zudem in zwei Abschnitte unterteilt, die unterschiedlich hoch sind. „Wir empfehlen mobilitätseingeschränkten Personen, möglichst immer vorne in den Zug einzusteigen“, so Spitzer. Dort befinden sich auch die freien Bereiche für Rollstühle, Kinderwägen oder Fahrräder. Zudem habe der Fahrer die vorderen Türen besser im Blick. Das Drücken auf die blaue „Rollstuhltaste“ sorge zudem für mehr Sicherheit, da die Tür dann vom Fahrer manuell wieder geschlossen werden muss.

Rund 90 Prozent der Busse mit „Kneeling-Technologie“ ausgestattet

Auch bei den Bussen sieht sich die KVV gut aufgestellt: Etwa 90 Prozent der Fahrzeuge seien mittlerweile mit der „Kneeling-Technologie“ ausgestattet. Diese ermöglicht es dem Fahrer, den Bus auf einer Seite abzusenken. In Verbindung mit der Klapprampe an der hinteren Tür sei so Barrierefreiheit gewährleistet, sagt Sebastian Spitzer. „Dies ist nicht zuletzt auch für Menschen mit Kinderwägen wichtig.“ Wer dem Fahrer übrigens den Weg ersparen oder aus Zeitdruck selbst die Klapprampe für einen Fahrgast herunterlassen möchte, sollte von dieser Idee lieber Abstand nehmen. Laut KVV sei es nur dem Busfahrer gestattet, die Rampe zu bedienen, da das Risiko, sich dabei beispielsweise die Finger zu klemmen, zu hoch sei.

Bei „Kombilösung“ gute Zusammenarbeit mit Betroffenenverbänden

Beim Blick auf die zukünftigen Aufgaben ist Spitzer optimistisch: „Es gibt natürlich noch viel zu tun. Die Fahrzeugflotte muss beispielsweise einheitlich sein. Diese Entwicklung ist aber absehbar.“ Auch durch die Karlsruher Kombilösung, ein Bauprojekt, welches unter anderem eine straßenbahnfreie Fußgängerzone zwischen Europa- und Kronenplatz vorsieht, werde sich die Situation für mobilitätseingeschränkte Personen weiter verbessern. „Dort wird alles nach neustem Stand der Technik gebaut. Diesbezüglich sehe ich positiv in die Zukunft“, betont Spitzer. Nach derzeitigen Planungen werden alle unterirdischen Haltestellen durch einen Aufzug und eine Rolltreppe erreichbar und die Bahnsteige so für jedermann nutzbar sein.

Wir bauen nach und nach die ganze Stadt behindertengerecht um.

Georg Gerardi vom Karlsruher Stadtplanungsamt lobt die gute Zusammenarbeit mit den Behindertenverbänden. Gerade bei der Umgestaltung der Kaiserstraße habe es einen regen Austausch gegeben. So seien beispielsweise die geplanten Straßenbeläge vorab an Musterflächen getestet worden. „Wir bauen nach und nach die ganze Stadt behindertengerecht um“, betont Gerardi, der in der demografischen Entwicklung einen wichtigen Grund für einen barrierefreien Ausbau sieht. Auch bei der Gestaltung neuer Haltestellen sei das Stadtplanungsamt „ein wichtiger Player“ in der Zusammenarbeit mit dem KVV.

Pforzheimer Hauptbahnhof seit wenigen Wochen komplett barrierefrei

Wie wichtig das Thema barrierefreies Reisen inzwischen ist, zeigt sich auch in Pforzheim. Dort wurde kürzlich der Hauptbahnhof für rund 7,8 Millionen Euro saniert. Alle Gleise sind nun auch mit einem Rollstuhl oder Kinderwagen zu erreichen. Ein großer Schritt für die Goldstadt, deren Bahnhof nun wieder zur Visitenkarte geworden ist. Letztlich ein Gewinn für alle Fahrgäste.

Ein Druck auf den unteren Türöffner blockiert den automatischen Schließmechanismus der Tür.
Ein Druck auf den unteren Türöffner blockiert den automatischen Schließmechanismus der Tür. | Foto: jodo

Hintergrund: Was ist die Kneeling-Technologie?

Bei den neueren Busmodellen gehört das so genannte „Kneeling“ mittlerweile zum Standard und auch in Karlsruhe ist nahezu jeder Bus damit ausgestattet. Wer an der Haltestelle steht und während der Anfahrt des Fahrzeuges nicht gerade aufs Smartphone blickt oder im Portemonnaie nach Kleingeld sucht, erkennt, wie sich der Bus auf der Seite des Bussteiges langsam absenkt. Hierzu werden Luftfederbälge solange entlüftet, bis das Fahrzeug eine zuvor eingestellte Minimalhöhe erreicht hat. Dies ist durch ein lautes Zischen auch deutlich zu hören. Sieben bis neun Zentimeter kann der Bus abgesenkt werden, um Rollstuhlfahrern, Menschen mit Rollatoren oder Kinderwägen den Ein- und Ausstieg zu erleichtern. Nach dem Schließen der Türen wird der Bus automatisch wieder angehoben und kann seine Fahrt fortsetzen.

Auch bei Autos wird die Kneeling-Technologie mittlerweile eingebaut, dort jedoch zumeist nur ab der oberen Mittelklasse. Die elektronische Luftfederung kommt hingegen auch in Lastwagen und Anhängern zum Einsatz und passt hier beispielsweise Dämpfung und Federung sowie die Karosseriehöhe automatisch an den momentanen Beladungszustand an.

Mit Hilfe der "Kneeling-Technologie" senkt sich der Bus an der Haltestelle ab und ermöglicht so einen fast ebenerdigen Einstieg.
Mit Hilfe der „Kneeling-Technologie“ senkt sich der Bus an der Haltestelle ab und ermöglicht so einen fast ebenerdigen Einstieg. | Foto: jodo

Hintergrund: Was sind Taktile Leitsysteme?

Beim Einkaufsbummel durch die Fächerstadt fallen sie einem in der Regel nicht auf. Einige denken, es handelt sich bei ihnen um Dekorationen auf dem Pflaster. Doch die großen weißen Streifen mit ihrer unterschiedlichen Struktur aus Noppen und Rillen sind für blinde und sehbehinderte Menschen unerlässlich. Diese „Taktilen Bodenteilsysteme“ können mit dem Blindenstock ertastet werden, helfen bei der Orientierung und erleichtern so die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Aufgrund des sehr hohen Kontrasts sind die Bodenindikatoren auch visuell gut wahrnehmbar. Sie sind beispielsweise an Bahnsteigen angebracht. Zudem weisen sie an Bahnhöfen etwa den Weg zum Aufzug. Andere „Taktile Systeme“ finden sich auch an Türschildern in Rathäusern, Behörden und Firmen. Handläufe und Piktogramme sind vielerorts ebenfalls damit ausgestattet. Die Profil- und Brailleschrift, die an diesen Orten angebracht ist, kann von blinden Menschen mit der Hand ertastet werden. Jeder von uns kennt sich auch von Arzneipackungen. Dort werden sie seit Herbst 2006 aufgebracht. Es gibt jedoch einige Ausnahmen, zum Beispiel Arzneimittel, die ohnehin nur vom Arzt verabreicht werden dürfen.

Mehr zum Thema: Sonderbeilage „Handicaps“ veröffentlicht

Viele weitere interessante Artikel über Barrierefreiheit in unserer Region finden Sie in der Beilage „Handicaps“. Diese kann hier online kostenlos durchgeblättert werden.