Im deutschen EM-Boot: Saeid Fazloula von den Rheinbrüdern Karlsruhe. | Foto: GES

Karlsruher Rheinbrüder

Flüchtling träumt von Olympia: „Ich kann das, wenn mein Kopf frei ist“

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Von der Flüchtlingsroute über das Mittelmeer bis in die Tagesschau: Saeid Fazloula, der 2015 aus dem Iran nach Deutschland geflohen war, ist als WM-Teilnehmer für die deutsche Kanu-Nationalmannschaft 2018 medial gefragt wie sonst kaum einer im Paddler-Lager. 2019 folgt das sportliche Tief. Dieses Jahr will Fazloula neu angreifen – und träumt von Olympia.

Im vergangenen Jahr hat der 27 Jahre alte  Fazloula  eine regelrechte Leistungsblockade erlebt. Fazloula tut sich schwer, äußere Einflüsse zu verarbeiten. Unsere Redaktionsmitglieder Marius Bücher und Gerhard Wolff erleben das, als Fazloula den Termin zum Interview kurzfristig absagen will. Am Tag zuvor hatte er erfahren, dass die für Leistungssportler nach drei Jahren mögliche Eil-Einbürgerung abgelehnt wurde. Dass das für ihn auch eine gute Nachricht ist, sieht Fazloula erst nicht. Ein Gespräch über die Schwierigkeit, Emotionen in die richtigen Bahnen zu lenken.

Neues Jahr, neues Glück: Was haben Sie sich für 2020 vorgenommen?

Fazloula: Ich will nicht nur meine Bestleistung zeigen. Ich will zeigen, wer ich bin. Ich will zeigen, dass ich noch stärker zurückkommen kann. Ich kann das, wenn mein Kopf frei ist.

Ich bin sehr emotional

Und 2019 war er nicht frei?

Eigentlich war alles okay. Die Vorbereitung war gut gelaufen, die Zeiten, die ich gefahren bin, waren gut. Aber bei der Qualifikation des Deutschen Kanu-Verbands ging gar nichts. Mein Problem ist, dass ich mir Gedanken mache, wenn Probleme auftauchen. Ich bin sehr emotional.

Was sind das für Probleme zum Beispiel?

Na ja, es geht oft um bürokratische Dinge und um meine Situation als Flüchtling. Die Einbürgerung, Freigaben und so. Ich nehme alles persönlich und mache mich kaputt dabei. Ich arbeite hart daran, das zu ändern. Aber es ist schwierig.

Aber in schwierigen Momenten hilft mir das nicht.

Hilft es in diesen Momenten nicht, sich zu sagen: Ich habe mir hier ein neues Zuhause aufgebaut, die deutsche Sprache gelernt und wieder Erfolg im Sport?

Detlef (Trainer Hofmann, Anm. d. Red.) sagt zu mir: Hey, sei nicht immer so negativ. Du hast einen Ausbildungsplatz, eine Freundin, du hast eine Wohnung. Ich weiß das natürlich. Wenn ich meine Situation mit der vieler anderer Flüchtlinge vergleiche, weiß ich, dass ich nicht klagen kann. Und auch stolz sein kann, was ich bisher hier geschafft habe. Aber in schwierigen Momenten hilft mir das nicht.

Saeid Fazloula stammt aus der iranischen Hafenstadt Bandar Anzali und wuchs in einer Sportler-Familie auf. Fazloulas Vater verdiente sich einst als Volleyballer sein Geld. Der heute 27 Jahre alte Fazloula spielte Volleyball, besitzt den Schwarzen Gürtel im Judo und wurde schließlich erfolgreicher Rennkanute. Auch sein Erfolg als iranischer Nationalfahrer schützte den Kajakfahrer nicht vor dem iranischen Regime. Weil er unter Verdacht stand, zum Christentum konvertieren zu wollen, wurde Fazloula von den Behörden festgesetzt und tagelang verhört. Aus Angst floh er 2015 zunächst zu Fuß über die iranisch-türkische Grenze, dann über Griechenland nach Deutschland. Bei den Rheinbrüdern Karlsruhe fand er eine neue Heimat.

2018 lief es aber wahnsinnig gut: Qualifikation fürs deutsche Nationalteam, gute Platzierungen bei EM und WM. Gab es da keine schwierigen Momente?

2018 war auch nicht einfach. Ich hatte zum Beispiel erst keine Startfreigabe vom Iran. Aber ich dachte immer: Detlef kriegt das hin. Ich habe auch die Sprache noch nicht so gut gekonnt. Vieles habe ich nicht verstanden. Ich habe einfach mein Ding gemacht. Ich habe nur meinem Trainer vertraut und trainiert. Trainiert, trainiert, trainiert.

Es wäre also besser, nicht alles mitzukriegen?

Manchmal schon. Aber das geht natürlich nicht. Und das will ich auch nicht. Ich will hier leben, die Sprache können, Kontakte haben. Ich will Deutscher werden.

Saeid Fazloula 2018 in der Tagesschau

Dass es mit der Eil-Einbürgerung nicht geklappt hat, ist für Sie eigentlich eine gute Nachricht: Damit haben Sie noch die Chance auf einen Platz im olympischen Flüchtlingsteam für Tokio.

Das stimmt, ja.

Olympia ist Ihr großer Antrieb, oder?

Ja! Ich denke jeden Tag an Olympia. Ich habe einen Kalender und ich kreuze jeden Tag an, an dem ich schlecht trainiert habe. Dann gehe ich sonntags zusätzlich trainieren. Es wäre eine große Enttäuschung, wenn ich es nicht schaffe. Aber dann würde ich es 2024 in Paris wieder versuchen!

Für einen Platz im deutschen Olympia-Team müssten Sie in der Qualifikation unter den ersten Fünf, Sechs landen. Angesichts der starken Konkurrenz dürfte das sehr schwer werden. Und für einen Platz im Flüchtlingsteam fehlt aktuell die Freigabe aus dem Iran und damit die vom Kanu-Weltverband…

… ja, das ist wieder so ein Problem, das mich fertigmacht.

Auch bei den Sommerspielen in Tokio soll dieses Jahr ein Flüchtlingsteam an den Start gehen. Berufen werden die Sportlerinnen und Sportler vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Auch Saeid Fazloulas Hoffnungen ruhen auf dem Flüchtlingsteam. Stand der Dinge ist, dass das IOC beim Weltkanuverband ICF wegen eines Starts von Fazloula angefragt hat. Der Weltverband wiederum fragte beim nationalen iranischen Verband und dem iranischen olympischen Komitee an. Die Iraner verweigern aber bisher eine Startfreigabe. Der ICF sieht dadurch seine Hände gebunden. Möglich wäre nun noch eine direkte Nominierung durch das IOC.

Der Iran soll schon angefragt haben, ob Sie nicht für Ihr Heimatland die Olympia-Qualifikation bestreiten. Eine Option?

Ich hatte eine Anfrage. Aber für den Iran will ich nicht mehr fahren, das ist vorbei. Klar: Wenn ich das mache, kriege ich da wieder alles – Geld, Grundstück und so. Aber ich war jahrelang im Iran Top-Sportler. Und wo bin ich gelandet? Im Gefängnis. Warum sollte ich dahin zurückgehen?

Sie könnten sich auch einen Verband aussuchen, in dem die Kanu-Konkurrenz nicht so stark ist…

Ich habe nie aufgegeben

Klar, ich könnte für die Schweiz oder Österreich fahren, oder sonst wohin. Aber das will ich nicht. Ich will für das Land starten, das mich nach meiner Flucht unterstützt hat und unterstützt. Auch als Dankeschön.

Sie waren 2018 ja nicht zuletzt wegen Ihrer besonderen Geschichte so gefragt. Sie könnten auch als Vorbild dienen, oder?

Ich gehe ab und zu in das Flüchtlingsheim, in dem ich auch war. Ich möchte motivieren, nicht aufzugeben. Ich habe nie aufgegeben, ich habe gekämpft. Auch wenn ich mir als Sportler manchmal selbst im Wege stehe.