In der Auswanderung sahen viele Badener im 19. Jahrhundert die einzige Chance, dem Elend in der Heimat zu entkommen. Das Bild zeigt Emigranten bei der Überfahrt in die USA im Jahr 1857.
Emigranten bei der Überfahrt in die USA 1857. - In der Auswanderung sahen auch viele Badener im 19. Jahrhundert die einzige Chance, dem Elend in der Heimat zu entkommen. | Foto: ©Archivist -stock.adobe.com

Verblüffende Parallelen

Im 19. Jahrhundert blieb vielen Badenern nur die Auswanderung

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Es sind überwiegend Männer, die sich auf den Weg machen. Sie wollen Hunger und Elend entfliehen. Oder sie hoffen einfach auf „ein besseres Fortkommen“ in der Fremde. Einige kehren ihrer Heimat auch aus politischen Gründen den Rücken. Manche wollen später ihre Familien nachholen. Andere ziehen gleich mit ihren Angehörigen los. Alleinstehende Frauen findet man unter ihnen selten. Nein, die Rede ist nicht von Flüchtlingen und Asylbewerben, die aktuell nach Europa drängen. Sondern von Badenern, die im 19. Jahrhundert ihr Heil in der Auswanderung suchten. Ganz überwiegend gingen sie nach Nordamerika.

Das „Jahr ohne Sommer“

Ist heute die Zuwanderung „das“ Thema, trieb im 19. Jahrhundert der Gedanke, die Heimat zu verlassen, viele Badener um. Die erste größere Auswanderungswelle kam 1816 ins Rollen, im „Jahr ohne Sommer“, wie Thomas Schnabel im Buch „Heimat in Bewegung“ berichtet. Die Gründe, die der Leiter des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg dafür aufzählt – massive Ernteausfälle, eine enorme Teuerung bei den Grundnahrungsmitteln und fehlende Arbeitsmöglichkeiten – zeigen: Die nackte Not trieb damals zahlreiche Badener über den Atlantik.

Export der sozialen Probleme

Die Obrigkeit goutierte den Drang in die Ferne durchaus, hoffte man doch, mit den Menschen die sozialen Probleme zu exportieren. Freilich gab es damals noch keine geregelten Überfahrten in die USA. Und skrupellose Geschäftemacher nutzten die transatlantische Massenauswanderung zur eigenen Bereicherung.

Geschäfte mit der Not

Für viele Badener, die sich auf falsche Versprechungen verließen, endete die große Reise bereits in den Hafenstädten Amsterdam und Rotterdam. Dort mussten sie teilweise so lange auf ihre Passage warten, bis sie auch ihre letzten Habseligkeiten verloren hatten. Das Innenministerium in Karlsruhe sah sich schließlich genötigt, eine Warnung „Das Auswandern nach Amerika betreffend“ herauszugeben. Reine Fürsorge? „Am meisten sorgte man sich, zu Recht, vor den enttäuscht und ausgebeutet zurückkommenden Auswanderern, die nun vollends Staat und Kommunen zur Last fallen würden“, urteilt Schnabel.

… und noch eine Ernährungskrise

Mitte der 1840er Jahre nahm die Zahl der Auswanderungen aus Baden erneut dramatisch zu. Diese Welle erreichte um 1855 ihren Höhepunkt. Zum einen zwang das Scheitern der Revolution von 1848/49 viele „Politische“, ihre Heimat zu verlassen. Vor allem aber ächzte das Großherzogtum erneut unter einer witterungsbedingten Ernährungskrise.

Staatlich geförderte Auswanderung

Um die Verdienstlosen und Unterstützungsbedürftigen loszuwerden, begann die badische Regierung, die Auswanderung massiv finanziell zu fördern. Zugleich wurde die gewerbsmäßige Vermittlung von Auswanderer-Transporten reguliert und überwacht. In einigen Gegenden – etwa am Kniebis – entledigte sich man fast kompletter Gemeinden. Zwischen 1849 und 1855 nahm die Bevölkerung in Baden um 3,5 Prozent ab.

Hoffen auf ein besseres Fortkommen

Bei der dritten großen Auswanderungswelle ab 1880 spielte die soziale und wirtschaftliche Not kaum noch eine Rolle, erläutert Alexandra Fies. Die Historikerin geht in „Heimat in Bewegung“ auf die Auswanderung aus dem Raum Karlsruhe ein. Die meisten Emigranten, die sich im späten 19. Jahrhundert einschifften, seien nicht völlig mittellos gewesen, sagt Fies. Sie hofften aber auf ein besseres Fortkommen im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“. Nicht von ungefähr vertraten damals viele Zeitgenossen die Meinung, dass es vor allem die tüchtigeren und strebsamen Bürger seien, die ihre Heimat verließen.

Lockrufe aus den USA

Die Lockrufe von Verwandten und Bekannten aus den USA, die einen besseren Lebensstandard versprachen, setzten „Kettenwanderungen“ in Gang. Auffällig sei, so Fies, dass es sich bei den Emigranten aus dem Karlsruher Stadtgebiet nahezu uneingeschränkt um allein reisende Männer handelte. Menschen aus landwirtschaftlich geprägten Gemeinden im Umland Karlsruhes wanderten hingegen meist im Familienverband aus. Insgesamt jedoch dominierte bei den Emigranten aus dem Bezirksamt Karlsruhe mit einen Anteil von 70 Prozent klar das männliche Geschlecht. Am stärksten vertreten war die Altersgruppe der 14- bis 21-Jährigen.

Vom Land der Auswanderung zum Einwanderungsgebiet

Bis ins 20. Jahrhundert hinein blieb Baden ein Auswanderungsland. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten sich die Verhältnisse dann um – und ab Mitte der 1950er Jahre wurde Baden-Württemberg zum Haupteinwanderungsgebiet unter den Bundesländern.

Lernen aus der Geschichte?

Vielleicht, so meint Thomas Schnabel, lehre der Blick in die Migrationsgeschichte Badens, „wie ähnlich die Gründe für die Auswanderung im 19. Jahrhundert mit denjenigen der Einwanderung am Ende des 20. und zu Beginn des 21 Jahrhunderts sind.“ Deutlich erkennen könne man zudem, so der Historiker, „dass es klarer gesetzlicher Regelungen bedarf, damit die Auswanderung und dann auch die Einwanderung gelingen“.

 

Das Buch „Heimat in Bewegung“

In ausführlicherer Form nachlesen kann man die Erkenntnisse der Historiker Thomas Schnabel und Alexandra Fies zur Auswanderung aus Baden in dem Buch „Heimat in Bewegung“.

Der Band beruht auf Vorträgen, die 2017 während der Heimattage Baden-Württemberg in Karlsruhe gehalten wurden. Der Landesverein Badische Heimat hatte die Vortragsreihe mit der Landesvereinigung Baden in Europa und dem Kulturamt der Stadt durchgeführt. Die Beiträge kreisen um das „Heimatbewusstsein in Baden in Zeitalter von Mobilität und Migration“. Mit historischen wie gegenwartsbezogenen Perspektiven liefern sie viele Denkanstöße zu aktuellen Diskussionen.

Thematisiert werden die Eingliederung der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge nach 1945 im Stadt- und Landkreis Karlsruhe (Autor: Hans-Jürgen Vogt), die türkische Zuwanderung (Max Matter) und das Schicksal von Russlanddeutschen (Alfred Eisfeld). Die Deutsch-Iranerin Schoole Mostafawy geht der Frage nach, wie muslimische Neubürger über den Weg ins Landesmuseum eine Heimat in Baden finden können.

Mit Modernisierungsprozessen, die das Heimatgefühl gefährden können, beschäftigt sich Paul-Ludwig Weinacht. Aspekte der Mobilität innerhalb des zusammenwachsenden Europas behandeln Gerd F. Hepp, Jean-Marie Woehrling, Robert Mürb sowie Sven von Ungern-Sternberg. Zudem beleuchten sie den Oberrhein als Versuchsfeld für die Zusammenarbeit von badischen Gemeinden mit dem Elsass.

Lesenswert ist überdies ein sehr persönlicher Beitrag des in Meßkirch geborenen Schriftstellers und Büchner-Preisträgers Arnold Stadler. Er spürt der Frage nach, wie Heimat heute erfahrbar ist.

Gerd F. Hepp, Paul-Ludwig Weinacht (Herausgeber), Heimat in Bewegung. Heimatbewusstsein in Baden im Zeitalter von Mobilität und Migration, Schriftenreihe der Badischen Heimat, 184 Seiten, Rombach Verlag, 24 Euro.