Entrechtet und ermordet: Südwestdeutsche Sinti und Roma am 22. Mai auf einem Sammelplatz in Asperg. Etwa 2.800 Menschen werden in die nationalsozialistischen Ghettos und Konzentrationslager im besetzten Polen gebracht. Die Hälfte von ihnen stirbt schon dort. | Foto: o.A., Bundesarchiv, R 165 Bild-244-48/CC-BY-SA 3.0

„Generalprobe zum Völkermord“

Im Mai 1940 wurden 200 Karlsruher deportiert

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Bei den Maideportationen von 1940 werden etwa 2.800 Sinti und Roma von Hamburg, Köln und dem Hohenasperg bei Stuttgart mit Zügen in die deutschen nationalsozialistischen Konzentrationslager im besetzten Polen gebracht. Auch aus Karlsruhe wurden insgesamt 200 Menschen deportiert.

Keine 500 Meter vom Holocaust-Mahnmal in Berlin befindet sich südlich vom Reichstag im Tiergarten ein kreisrundes Wasserbassin mit einer dreieckigen Stele in der Mitte, auf der eine Blume liegt. Es ist das Denkmal des Porajmos. So bezeichnen Sinti und Roma in Osteuropa den Völkermord an 500.000 Menschen im Nationalsozialismus

Vor genau 80 Jahren, am 16. Mai 1940, werden Sinti und Roma Opfer der ersten Massendeportationen in das sogenannte Generalgouvernement im von den Nationalsozialisten besetzten Polen.

Hier haben die Rassenforscher ihre Arbeit begonnen

Anita Awosusi, Bürgerrechtlerin und Tochter von KZ-Überlebenden

Gedenktag findet in virtueller Form statt

Die Gedenkveranstaltung, die der baden-württembergische Landesverband Deutscher Sinti und Roma in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie in virtueller Form begeht, trägt deshalb den Titel „Generalprobe zum Völkermord“. Das Datum beschreibt auch ein dunkles Kapitel in der Karlsruher Stadtgeschichte.

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„Hier (in Baden und der Südpfalz, Anm. d. Red.) haben die Rassenforscher ihre Arbeit begonnen“, sagt Anita Awosusi. Unter den 200 Karlsruher Familien, die am 16. Mai vom Polizeipräsidium am Marktplatz aus ins Gefängnis Hohenasperg und von dort in die deutschen, nationalsozialistischen Konzentrationslager im besetzten Polen deportiert werden, war auch ihre.

Sinti und Roma aus Südwestdeutschland auf dem Weg zum damaligen Zuchthaus Hohenasperg | Foto: o.A., Bundesarchiv, R 165 Bild-244-43 / CC-BY-SA 3.0

„Rassische“ Personenerfassung schon vor den Nazis

1936, ein Jahr nach der Verkündung der Nürnberger Rassegesetze, werden Sinti und Roma als „Zigeuner“ zusammen mit Juden als „artfremden Blutes“ definiert. Die im November gegründete „Rassenhygienische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle“ (RHF) wird mit der Erstellung eines „Zigeunersippenarchivs“ beauftragt.

Sie greift dabei auf die bereits 1899 gegründete „Zigeunerzentrale“ in München und ihre nach „rassischen“ Kriterien erstellte Personendatenbank zurück. Die Zentrale wird 1938 als „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerwesens“ nach Berlin verlagert. 21 Kriminalpolizeileitstellen im Reichsgebiet übernehmen die „rassendiagnostische Erfassung“.

Manche hörten zum ersten Mal, dass sie ein ‚Zigeuner‘ sein sollen

Anita Awosusi

Untersuchungen zur „Artfremdheit“ von Sinti und Roma

Diese erfolgt 1938 auch im Karlsruher Polizeirevier am Marktplatz. „Im Unterschied zu den Juden, die aufgrund ihrer Religion verfolgt wurden, musste bei den Sinti und Roma erst eine Legitimation geschaffen werden“, erklärt Awosusi.

Der indogermanische Ursprung machte sie eigentlich zu „Ariern“, 95 Prozent waren römisch-katholisch, die meisten schon seit Jahrhunderten im Land. Die Aussonderung suchte man über anthropometrische Daten zu rechtfertigen – alleine im Kopfbereich sollen 24 Details untersucht worden sein.

Wo das nicht gelang, wurden teilweise willkürliche Abstammungskriterien definiert. „Manche hörten zum ersten Mal, dass sie ein „Z (Zigeuner)“ oder ein „ZM (Zigeuner-Mischling)“ sein sollen“, berichtet Awosusi. Ihr Vater wurde als solcher erfasst, sein Bruder dagegen als „ZM minus“, also mit einem vermeintlich geringeren Anteil „artfremden Bluts“. Im Juni 1938 werden bereits erste Menschen nach Polen abtransportiert.

Für viele eine Fahrt in den Tod: Sinti und Roma werden am 22. Mai von Asperg mit dem Zug in das nationalsozialistische „Generalgouvernement“ in Polen gebracht | Foto: o.A., Bundesarchiv, R 165 Bild-244-57 / CC-BY-SA 3.0

Die wenigsten verlassen das „Zigeunerlager“ lebend

Im Mai 1940 folgen die Familien. Vom 21. bis 22. Mai bringen Züge von Hamburg, Köln und Hohenasperg 2.800 Kinder, Frauen und Männer in die deutschen, nationalsozialistischen Ghettos und Konzentrationslager im besetzten Polen. Etwa die Hälfte stirbt an Hunger, Krankheit oder den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Am 16. Dezember 1942 beschließt Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei Heinrich Himmler mit der Deportation nach Auschwitz-Birkenau die „Endlösung der Zigeunerfrage“. Aus Karlsruhe werden 300 weitere Menschen abtransportiert. Nur rund 3.000 von 22.000 Insassen überleben das „Zigeunerlager“.

Der 16. Mai ist aber auch ein Datum des Widerstands, das wir erhobenen Hauptes feiern

Daniel Strauß, Vorsitzender des baden-württembergischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma, über den 16. Mai 1944

Aufstand gegen die systematische Ermordung

„Der 16. Mai ist aber auch ein Datum des Widerstands, das wir erhobenen Hauptes feiern“, sagt der Vorsitzende des baden-württembergischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma Daniel Strauß. Denn 1944 setzen sich die Häftlinge des „Zigeunerlagers“ gegen die systematische Ermordung zur Wehr. „Ohne diesen Mai hätten viele nicht überlebt“, sagt Strauß.

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Sein Vater Heinz hat überlebt. Er wird mit 18 Jahren als „Arbeitssklave“ von Auschwitz-Birkenau nach Buchenwald gebracht. Wie viele Überlebende behält er die traumatischen Erfahrungen im „Lager“ lange für sich. Erst im Jahr 2000 kann sein Sohn ihn überzeugen, seine Geschichte in der ARD-Fernsehdokumentation „Pappo, der Schausteller“ zu erzählen.

Aufflammen des Antiziganismus

Das Gedenken zum 80. Jahrestag der Maideportationen hat für die Mit-Initiatoren der Bürgerrechtsbewegung Anita Awosusi und Daniel Strauß angesichts des aktuellen Gesellschaftsklimas eine besondere Bedeutung. Awosusi warnt davor, dass Rassisten den Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen für ihre Zwecke ausnutzen könnten.

Strauß erkennt in den derzeit vor Gericht verhandelten Brandanschlägen auf einen Wohnwagen in Erbach ein Wiederaufflammen des Antiziganismus, der sich aus „gesellschaftlich tradierten Bildern des Zigeuners“ speist. Die jüngsten Vorfälle um Polizeigewalt gegen eine Roma-Familie in Freiburg Ende April scheinen seine Beobachtung zu bestätigen.

Gedenkveranstaltung in Karlsruhe verschoben
Die geplante städtische Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag der Deportation deutscher Sinti auch aus Karlsruhe am 16. Mai 1940 findet aufgrund der Covid-Einschränkungen nicht statt.
Geplant war in der Erinnerungsstätte Ständehaus am 20. Mai abends eine Veranstaltung mit Ansprache von Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, Vortrag von Dr. Frank Reuter von der Forschungsstelle Antiziganismus der Universität Heidelberg, musikalische Begleitung vom Armin-Heitz-Trio. Gedacht war auch gleichzeitig die Wanderausstellung Mari Parmissi vom Landesverband Baden-Württemberg der Sinti und Roma für vier Wochen in der Erinnerungsstätte zu zeigen. Dazu hätte Daniel Strauß vom Landesverband bei der Veranstaltung eine kurze Einführung gegeben.
Die Gedenkveranstaltung soll zum 81. Jahrestag 2021 nachgeholt werden.

Zur virtuellen Gedenkveranstaltung des baden-württembergischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma