Mehr als ein Stadion: Für viele Fans wurde die Arnea im Wildpark zum zweiten Wohnzimmer. | Foto: MagicPicture-Photography

63 Jahre nach der Eröffnung

Im Wohnzimmer Wildpark rücken die Bagger an

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Schäferhunde, Zeugen Jehovas, Rockmusik-Fans und, natürlich – Fußballfans. Jene, die sich nicht in Zaum halten wollten, aber vor allem die, die im Gefühl des Glücks auf der Jagd nach Souvenirs waren: ein Stück vom Rasen, die Eckfahne oder ein Teil vom Tornetz. Das Spielfeld des Wildparkstadions war in all den Jahren nie nur die Bühne für Fußballer und erlebte seine womöglich skurrilste Darbietung im Mai 2012, als Reiterstaffeln der Polizei direkt nach Abpfiff der Partie des KSC gegen Eintracht Frankfurt eine fast schon olympiareife Choreografie auf dem Wildpark-Geläuf zeigten.

Der „Nackte Mann“ ist ein beliebter Treffpunkt der KSC-Fans vor dem Stadion. | Foto: GES

Jubel auf dem Rücken von Arno Glesius

Der polizeiliche Platzsturm sollte Vorsorge sein gegen mögliche Platzstürme rivalisierender Anhänger. 14 Jahre zuvor, ebenfalls gegen Frankfurt, gehörte das Feld euphorisierten Fans. Einer davon war Daniel Schneider, der Arno Glesius „minutenlang am Rücken hing“. Glesius hatte in der 88. Minute das 1:1 erzielt – es war der Treffer zum Klassenverbleib für den KSC im Mai 1988.

Wildpark ist weit mehr als ein Stadion

Das Wildparkstadion – es ist für die, die es in all den Jahrzehnten mit Leben gefüllt haben, weit mehr als ein Stadion. „Unendlich viele Spiele, unglaublich schöne Momente, Aufstiege, gewonnene Abstiegsendspiele“, zählt Schneider auf: „Aber es wäre nicht das Stadion des KSC, wenn man den Wildpark auch nicht mit sehr vielen Enttäuschungen verbinden würde.“

Schwere Partie: Der KSC gegen Bayreuth in der Regionalliga 1972. | Foto: Kreisarchiv Karlsruhe, Sammlung Reporta

Vorsänger der Ultras

Schneider, 45 Jahre alt, geht seit mehr als 30 Jahren zu den Spielen und nimmt dort seit einigen Jahren einen besonderen Platz ein: auf dem Zaun der Gegengerade. Er ist der Vorsänger der Ultras und mit dafür verantwortlich, was Heinz Ruppenstein mittlerweile „zu viel Radau“ ist. Er kann sich mehr erwärmen für die Atmosphäre vergangener Tage, die der 88-Jährige einst aktiv mitgeprägt hat. „Allein das Stadion war fantastisch, dann die Haufen Zuschauer – ich kann nicht beschreiben, was das für ein Gefühl war“, erinnert sich Ruppenstein an das Eröffnungsspiel des Wildparkstadions am 7. August 1955. Der rechte Außenläufer war in den letzten 20 Minuten im „Spiel der Meister“, wie die BNN titelten, zwischen Pokalsieger Karlsruhe und Meister Rot-Weiß Essen eingewechselt worden. Es war das erste Spiel des vom VfB Coburg gekommenen Ruppenstein für den KSC – und auch für Fred Knobloch auf der Tribüne eine echte Entdeckung.

Ein Stück Heimat aufgegeben

17 Jahre jung war Knobloch damals, mit seinen Kumpels stand er in Block 4. „Das Stadion war für uns etwas Sensationelles“, erzählt der heute 80-Jährige. Und auch, dass unten auf dem Feld in Essens Helmut Rahn ein Weltmeister kickte. „Auf den haben wir natürlich besonders geschaut“, bemerkt der mittlerweile in Ettlingen lebende Knobloch, der weiß, wie es ist, von einem Stadion Abschied nehmen zu müssen. „Wir haben ein Stück Heimat aufgegeben“, erinnert er sich an das Aus für die Spielstätte des VfB Mühlburg an der Honsellstraße, die nach der Fusion von VfB und Phönix zum KSC und dem Wildpark-Neubau nicht mehr gebraucht und noch 1955 abgerissen wurde.

„Schritt zum Neubau im Wildpark ist absolut richtig“

Ein Schicksal, das nun nach schier ewiger Debatte auch dem altersschwachen Wildpark blüht. „Auf der einen Seite tut es mir sehr leid, aber ein neues Stadion ist nötig“, sagt Ruppenstein. „Es ist traurig, aber der Schritt zum Neubau absolut richtig“, findet auch Knobloch. Die Bagger werden die mit Kriegsschutt gefüllten Wälle abtragen, die dem Wildparkstadion seine Charakteristik gegeben haben. Sie werden die Gegentribüne einreißen, die mit ihrer Empore und ihrem eigenen Charme eine Lücke hinterlassen wird in der deutschen Stadionlandschaft.  „Diese Tribüne hat noch das Flair der englischen Stadien aus den 70er und 80er Jahren, bevor es überall seelenlose Beton-Festungen wurden“, sagt Schneider. Auch dass der Fanblock auf der Geraden und nicht in der Kurve seine Heimat hat.

Das Relegations-Rückspiel gegen den HSV im Sommer 2015 gehört zu den schmerzvollen Stunden im alten Wildparkstadion. | Foto: GES

Viele Geschichten über die alte Arena

Aber wenn dann die neue Arena steht, werden sich die KSC-Fans die Geschichten über das alte Stadion erzählen. Von 1987 zum Beispiel, als Markus Gänger mit seinem Schulfreund durch den Regen hin zum Wildpark radelte, etwas zu spät dran war. „Der Wald öffnet sich, das Flutlicht ist an, man hört die Zuschauer, sieht die Fans oben im Vierer stehen – die pure Vorfreude“, hat der eingefleischte KSC’ler die Bilder aus Jugendtagen noch präsent. So wie Schneider die aus dem Februar 1982, KSC gegen Bayern. Sein Vater hat ihn mitgenommen, „einer der KSC-Fans, die immer etwas zu nörgeln haben“, erzählt der heute 45 Jahre alte Schneider: „Aber im Stadion war er dann Feuer und Flamme, warf mich bei jedem Tor halb in die Luft.“ Viermal flog Schneider, der KSC gewann 4:1. Seinen bewegendsten Moment im Wildpark erlebte Schneider 2006/2007 an einem Montagabend gegen Köln, als sein Vater letztmals mit im Stadion war, auf dem Oberrang, seinen Sohn unten im Blick: „Das war tatsächlich der emotionalste Moment für mich.“

Fußball ist mehr als ein Spiel

Fußball ist eben mehr als ein Spiel. Auch für Heiko Räther, Vereinsrat und wandelndes Geschichtsbuch des Clubs. Das erste Mal? „Als Neunjähriger 1960, im April, 4:2 gegen Bayern München in der Oberliga Süd“, erzählt Räther. Drei Tore steuerte Heinz Schmitt bei und der junge Räther war so begeistert, dass er sich von seiner Mutter auf ein altes Hemd eine „11“ hat aufnähen lassen. „Und, wer bist Du?“, fragten ihn die anderen Jungs auf dem Bolzplatz. „Als ich ,Heinz Schmitt‘ sagte, guckten die mich nur an: ,Wer ist das denn?‘“, berichtet Räther. Die anderen waren ja alle Seeler, Rahn oder Fritz Walter.

Fans stürmen das Spielfeld. Auch dies kam in der bewegten KSC-Stadiongeschichte mehrmals vor. | Foto: GES

„Schmitt war mein erster Held“

„Schmitt war mein erster Held“, sagt Räther. Vor einer Woche hat er ihn mit zu Grabe getragen. Auch Ruppenstein war bei der Beerdigung seines 81 Jahre alt gewordenen Mitspielers, mit dem er 1960 die Süddeutsche Meisterschaft gewann. Es war die dritte nach 1956 und 1958, „die erste war mein absoluter Höhepunkt“, betont Ruppenstein. Was auch für Knobloch gilt. Die entscheidenden Heimspiele zum Gewinn der Süddeutschen gegen VfR Mannheim und den VfB Stuttgart, „das waren meine tollsten, stärksten Momente im Wildpark“, erzählt Knobloch, der als junger Mann jahrelang kein Heimspiel verpasste und bis heute immer wieder mal ins Stadion geht. In dem ist manches noch so wie beim ersten Mal. Die Kassenhäuschen am „Nackten Mann“ zum Beispiel, wo Knobloch auch beim Eröffnungsspiel seine Karte holte. „Ich glaube, die hat 1,50 Mark gekostet“, erinnert er sich so gut wie an KSC-Mittelstürmer Anton Kohn, der das erste Tor im neuen Stadion geschossen hat.

Mannschaft traf sich eineinhalb Stunden vor Spielbeginn

Und Ruppenstein? Ist zum Spiel gegen Essen mit seinem 600er Fiat direkt zum Stadion gefahren. „Wir haben uns anderthalb Stunden vor dem Spielbeginn getroffen, der Trainer hat bisschen was gesagt – dann ging es los“, erzählt der frühere rechte Außenläufer des KSC, der in den Wochen zuvor mit seiner Frau zum neuen Stadion spaziert war. „Fantastisch sah das aus“, sagt er und weiß noch, dass er mit ein wenig Stolz dachte: „Und da drinnen sollst du spielen!“

Wildparkstadion stinkt nach Fußball

Das Wildparkstadion war damals eine der modernsten Arenen, die jetzt längst aus der Zeit gefallen ist. Für Stadion-Nostalgiker ist der Wildpark schon seit einer ganzen Weile immer wieder Ziel gewesen, „weil dieser noch nach Fußball stinkt, so wie der Bolzplatz aus der Kindheit“, wie es Schneider sagt. Nicht nur für ihn ist das Stadion im Hardtwald ein Stück Heimat, oder: „Mein zweites Wohnzimmer“.

Das Spiel gegen die Würzburger Kickers, 3. November um 14 Uhr, ist das letzte, bevor die Bagger anrollen. Nach 63 Jahren also eine Art Abschiedsspiel für die alte Arena. Während und nach dem Spiel plant der Karlsruher SC zahlreiche Aktionen, zudem können die Fans am Sonntag zwischen 9.30 Uhr und  17 Uhr die alten Sitzschalen der Blöcke A1 bis A 4 eigenhändig abmontieren.