Die Karlsruher waren begeisterte Kinogänger – und die Zensur wachte in der Weimarer Zeit darüber, dass sie keine „verrohenden“ oder „entsittlichende“ Inhalte zu sehen bekamen. Unverdächtig war der Film „Jackie, der Schiffsjunge“ mit US-Kinderstar Jackie Coogan in der Hauptrolle. Die „Residenz Lichtspiele“ zeigten den Streifen 1928. Damals feierte das Kino in der Waldstraße sein 20-jähriges Bestehen. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS oXIVe 1079

Film-Zensur vor 100 Jahren

In den Goldenen Zwanzigern kontrollieren Sittenwächter die badischen Kinos

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Darf es in einer Demokratie Zensur geben? Mit Blick auf die Kinos lautete die Antwort des Badischen Landtags: Es darf nicht nur – es muss. Im Sommer 1919 forderten die Abgeordneten im Karlsruher Ständehaus einhellig, dass eine Film-Zensur eingeführt werde – und zwar sofort. „Schmutz und Schund“ sollten von den Leinwänden verschwinden.

Das badische Innenministerium reagierte prompt. Es reaktivierte einen Polizeigesetz-Paragrafen aus Großherzogs Zeiten.  Das Lichtspiel-Gesetz vom 20. Mai 1920 regelte die Zensur dann reichsweit. Trotzdem kontrollierten in den Kinos vor Ort behördlich eingesetzte Sittenwächter die Filme weiter auf „verrohende“ oder die Moral gefährdende Inhalte.

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„Aufklärungsfilme“ erregen die Gemüter

„Eine Zensur findet nicht statt“ – so hatte es nach dem Ende der Monarchie ein Entwurf zur neuen Reichsverfassung vorgesehen. Doch in der endgültigen Fassung vom 14. August 1919 hieß es dann einschränkend, dass „für Lichtspiele durch Gesetz abweichende Bestimmungen getroffen werden“ können. Das war wohl eine Reaktion darauf, dass die deutsche Filmindustrie die Grenzen des Möglichen eifrig austestete.

„So entstanden im Deutschen Reich im Jahr 1919 etwa 500 Filme, darunter viele so genannte Aufklärungsfilme“, erläutert der Historiker Volker Steck. Der Boom sei an Karlsruhe, wo es damals acht Kinos gab, nicht vorbeigegangen.

Die Filmindustrie – „eine Kloake“

Die badische Landtags-Abgeordnete Clara Siebert von der Zentrumspartei fand schon die Titel der Aufklärungsfilme „moralverderbend“. Nicht minder erzürnt über das, was in den Kinos gezeigt wurde, war ihr sozialdemokratischer Kollege Emil Kraus: „Hier stehen wir vor einer der schmutzigsten Kloaken unser privatkapitalistischen Wirtschaft“, wetterte er.

Die Zensur schlägt zu

Was waren es für Filme, die die Gemüter so in Wallung brachten? Stadthistoriker Steck, der für das Buch „Aufbrüche und Krisen. Karlsruhe 1918-1933“ das Kapitel „Kino und Zensur“ geschrieben hat, nennt Beispiele. „Aberglaube“ von 1919 etwa erzählt von einem Priester, der sich in eine „Zigeunerin“ verliebt und beim Gottesdienst vom Blitz erschlagen wird. Dorfbewohner steinigen darauf seine Geliebte.

Anfang 1920 verbot die Karlsruher Polizei den Film – wie zuvor schon ihre Freiburger Kollegen. Sie bemängelten die Herabwürdigung der Geistlichkeit und „unanständige Bilder“.

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Film über Homosexuellen – Karlsruher Kino bittet um Prüfung

Von einem schwulen Musiker, der von einem Stricher erpresst wird, handelt der ebenfalls 1919 gedrehte Film „Anders als die anderen“. In diesem Fall wandte sich die Direktion des Karlsruher Residenz-Theaters selbst mit der Bitte um eine Prüfung ans Bezirksamt. Sie wollte „Unannehmlichkeiten aus dem Weg“ gehen. Und sie hatte den richtigen Riecher: Der Film wurde im März 1920 in Karlsruhe und nach der Einführung der Reichsfilmzensur deutschlandweit verboten.

Die lokale Zensur war Sache der Polizei. Doch gab es Zweifel, ob insbesondere subalterne Beamte über die nötige „Vorbildung“ dafür verfügten. Den Film „Die Kupplerin aus den verschwiegenen Häusern von Berlin W“ etwa fand ein Karlsruher Polizist unbedenklich, als er ihn im Juni 1920 vor der ersten Aufführung prüfte. Wegen des reißerischen Titels nutzte aber ein Vorgesetzter des Beamten die Premiere im Uniontheater zu einer weiteren Prüfung. Er ließ den Streifen „als unanständig und unsittlich“ verbieten.

Ortsausschüsse für Lichtspielpflege

Schließlich wurde zur Unterstützung der Polizeidirektion bei der Überwachung der Lichtspiele eine Kommission eingesetzt. Sie bestand aus Vertretern der Stadt sowie verschiedener bürgerlicher Gruppen und war dem Jugendamt angegliedert. Auch Frauen gehörten der Kommission an.

Die Kino-Besitzer waren empört darüber, dass „Privatpersonen“ ihnen auf die Finger schauen sollten. Trotzdem blieb es bei dieser Form der Überwachung – auch als die lokale Film-Zensur durch das Reichslichtspielgesetz und zentrale Prüfstellen in Berlin und München obsolet wurde. Man richtete nun sogar in allen badischen Städten mit mehr als 15.000 Einwohnern „Ortsausschüsse für Lichtspielpflege“ ein. Sie sollten etwa kontrollieren, ob beanstandete Szenen aus Filmen tatsächlich herausgeschnitten waren.

Nachträgliche Verschärfung der Zensur

Wenn die Ortsausschüsse Filme trotz der Freigabe durch die Prüfstelle für „verrohend“ oder „entsittlichend“ hielten, konnten sie zudem übers badische Innenministerium ein Widerrufsverfahren anstrengen. In Einzelfällen erreichten sie so eine Verschärfung der Zensur.

Allerdings gingen die Meinungen bisweilen auseinander. So hielt der Heidelberger Ortsausschuss die Freigabe des Films „Der blaue Engel“ von 1930 für eine glatte Fehlentscheidung. In Karlsruhe hingegen sah man zwar „einige etwas zu stark aufgetragenen Momente“, betrachtete den Film mit seiner „erschütternden Tragik“ aber nicht als Gefahr – zumindest nicht für „Personen von 18 Jahren aufwärts“. Das  badische Innenministerium sah daher von einem Widerspruchsverfahren ab.

Vom Film „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich sah der Karlsruher Ortsausschuss für Lichtspielpflege keine Gefahr ausgehen – zumindest nicht für „Personen von 18 Jahren aufwärts“. | Foto: Imago Images / ZUMA Press

Alles in allem fanden die Hüter der Moral im Laufe der „Goldenen Zwanziger Jahre“ immer seltener Anlass zum Eingreifen. Steck zitiert ein Mitglied des Karlsruher Ortsausschusses, das 1928 berichtete, die Filmtitel seien weniger reißerisch geworden. Auch würden Filmplakate kaum noch gegen die „gute Sitte“ verstoßen.

In Berlin möglich, in Karlsruhe bedenklich

Eine Meinung, die die Landtags-Abgeordnete Clara Siebert offenbar nicht teilte. Sie mahnte 1930 eine Verschärfung des Reichslichtspiel-Gesetzes an. Ihre Zentrums-Fraktion wollte zudem erreichen, dass die Landesregierungen ungeachtet der Freigabe durch die Prüfstellen selbst über Filmverbote entscheiden könnten. Denn, so Clara Siebert: „Was in Berlin möglich ist, das ist schon in Karlsruhe bedenklich und auf dem Land direkt gefährlich.“

Für eine Verschärfung des Gesetzes machten sich auch die badischen Nationalsozialisten stark. Ihnen lag vor allem daran, dass Filme verboten würden, die aus ihrer Sicht die „nationale Ehre des deutschen Volkes“ verletzten. Zu einer Gesetzesänderung gekommen ist es jedoch erst nach der Machtübernahme der Hitler-Partei.

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Der Aufsatz „Kino und Zensur in der Weimarer Republik . Das Beispiel Karlsruhe“ von Volker Steck  mit vielen weiteren Informationen ist veröffentlicht in dem Buch:
Aufbrüche und Krisen. Karlsruhe 1918 – 1933,. Herausgegeben vom Stadtarchiv Karlsruhe durch Ernst-Otto Bräunche, Frank Engehausen und Jürgen Schuhladen-Krämer (Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 35), 520 Seiten, 280 Abbildungen, Info-Verlag, 24,90 Euro.

Wer tiefer in die Jahre 1918 bis 1933 einsteigen möchte, hat dazu bis 29. Dezember 2020 zudem im Stadtmuseum Karlsruhe Gelegenheit. In der Ausstellung  „Charleston und Gleichschritt – Karlsruhe in der Weimarer Republik“ ist dem Thema Kino und Zensur ebenfalls ein Kapitel gewidmet.