Seyar Rahmani hat bei Volleyball-Zweitligist SSC Karlsruhe eine neue sportliche Heimat gefunden. | Foto: GES

Rahmani verstärkt den SSC

In Frieden schmettern

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Die Bilder auf der Facebook-Seite der afghanischen Nationalmannschaft zeigen einen glücklichen und auch stolzen Seyar Rahmani. Einen Rahmani, der als bester Spieler seines Landes geehrt wird. Einen Rahmani, der mit Teamkollegen und Stewardessen auf dem Weg zu den Asienmeisterschaften im Flieger posiert. Das Leben in dem von Krieg und Terror geschundenen Land – für Volleyballprofi Rahmani war es „okay“, wie er erzählt. Als Sportler war der Kapitän des Nationalteams bekannt und bei Clubs begehrt, die alltäglichen Gefahren blendete der 28-Jährige so gut es eben ging aus.

„Volleyball ist mein Leben“

Ihm Laufe dieses Frühjahres gelang genau das dem 1,94-Meter-Mann nicht mehr – und so sitzt Rahmani nun im Teamdress des Karlsruher Zweitligisten SSC vor dem Clubhaus, wo er seine Geschichte erzählt und von dem Glück, hier schmettern und baggern zu können. „Volleyball ist mein Leben“, sagt Rahmani, der für das Team von Trainer Diego Ronconi eine echte Verstärkung ist. „Speziell im Angriff ist er mit seiner Technik und seinem sehr harten Schlag eine Bereicherung“, berichtet Ronconi, der am Doppelspieltag am Wochenende auf die ersten Siege hofft. Am Samstag (20 Uhr) empfängt der SSC die TGM Mainz, am Sonntag (17.30 Uhr) gastiert der Neuling beim mit einem Sonderspielrecht ausgestatteten Team des Volleyball-Internats Friedrichshafen.

Glücksfall SSC Karlsruhe

Dass Rahmani beim SSC gelandet ist – auch eine Laune des Schicksals. Nach seiner Flucht von Kabul über die Türkei nach Griechenland landete Rahmani im Juli zunächst in Heidelberg, dann kam er in eine Unterkunft in Malsch. Ein Glücksfall. „Meine Schwester wohnt seit sechs Jahren in Karlsruhe, mein Cousin noch viel länger“, erzählt der in der Kabul geborene und aufgewachsene Rahmani. Der Großteil seiner Familie lebt in der afghanischen Hauptstadt, seine Schwester aber wohnt in Hagsfeld und damit quasi nur einen Steinwurf entfernt vom SSC. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, Volleyball zu spielen, stand Rahmani eines Abends einfach schon in der Halle, als Ronconi zum Training kam.

„Ich will mitspielen“

Wie er ihm helfen könne, fragte der Coach. „Ich will mitspielen“, antwortete der Überraschungsgast. Rahmani spielte mit, Ronconi sah schnell, dass da ein „Top-Mann“ auf dem Feld stand. Die Sache war nur, dass der Kader des Aufsteigers gut und voll besetzt war. Als jedoch klar war, dass Tim Kreuzer wegen Schulterproblemen erst einmal nicht für die erste Mannschaft zur Verfügung stehen würde, öffnete sich die Tür. Ronconi sprach mit dem Team, das sich für Rahmani als ungeplanten Neuzugang aussprach. „Dann wurde die Bürokratie in Gang gesetzt“, berichtet Ronconi. Die Freigabe vom afghanischen Verband musste eingeholt werden, Ende September traf die Spielgenehmigung ein.

Flucht aus einem Land, in dem Anschläge Alltag sind

„Der Trainer und die Mannschaft unterstützen mich und helfen mir sehr. Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Rahmani, der auf eine Aufenthaltsgenehmigung hofft. Immerhin droht aktuell keine schnelle Abschiebung, da die Einschätzung der Sicherheitslage in Afghanistan als so schlecht wie lange nicht gilt. „Anschläge sind normal, sind Alltag“, bemerkt Rahmani. Nur die größeren Attacken werden aber auch hierzulande öffentlich wahrgenommen.

Auszeichnung als bester Spieler Afghanistans: Seyar Rahmani im Jahr 2013.

Zum Volleyball ist Rahmani erst als Jugendlicher gekommen, „davor habe ich gekickt“, erzählt er. Dann gab es für ihn nur noch Volleyball. In seiner Heimat sei dies eine sehr populäre Sportart, auch weil man es überall spielen könne. „Du brauchst nur zwei Bäume und eine Schnur“, sagt Rahmani, der nach dem Abschluss eines Management-Studiums als Profi für drei Kabuler Clubs spielte und auch Kurz-Engagements auf den Malediven und Indien hatte. 16 Länder habe er mit dem Nationalteam bereist, berichtet der sprungstarke Außenangreifer. An Geld für gute Unterkünfte habe es nicht gemangelt, dafür an adäquater sportmedizinischer Betreuung und an guten Hallen.

Attacke auf Turnier: 50 Tote

Ein Ligensystem gibt es nicht, Meisterschaften werden in Turnieren ausgespielt. Die führten Rahmani auch immer wieder in Provinzen, in denen es noch unsicherer ist als in Kabul. Im November 2014 etwa tötete ein Selbstmordattentäter bei einem Volleyballturnier 50 Menschen. Immer wieder sind Sportveranstaltung und auch Sportler Ziel der Taliban. Seyhar Rahmani habe dies zuletzt immer drastischer zu spüren bekommen, er sah sein Leben in Gefahr und keinen Ausweg mehr. „Ich liebe mein Land. Aber ich hatte keine Wahl, deswegen habe ich es verlassen und alles zurückgelassen.“
Bei seinem ersten Pflichtspieleinsatz für den SSC, in der Partie bei der FT Freiburg, wurde er zum besten Spieler seines Teams gewählt. Seyar Rahmani hat sich gefreut, aber das größte Glück für ihn ist es, überhaupt Teil des Teams zu sein.