ALLES DOSEN, ODER WAS: Christian Händle steht im Coca-Cola-Werk Karlsruhe vor leeren Dosen. Bis zu 120 000 Stück werden hier pro Stunde abgefüllt. | Foto: jodo

Blick in Produktion von Coca-Cola Karlsruhe

In jeder Dose steckt das spritzige Geheimnis

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Da ist es, dieses Geheimnis um die legendäre Coca-Cola-Formel. Auch hier im Werk Karlsruhe. Betriebsleiter Christian Händle lässt erst mal die wuchtige Stahltür schließen. Wums! Keine Chance für einen klitzekleinen Blick. Händle drückt keck sein linkes Auge zu, schmunzelt und sagt: „Ja, dahinter ist das Konzentrat.“ Einmal pro Woche bekommen es die 200 Mitarbeiter im Karlsruher Werk aus Irland oder Frankreich geliefert. Verplombt! Die Rezeptur selbst lagert in Atlanta, dem Sitz des US-Getränkemultis. In einem Safe. Seit Generationen kennt sie nur eine handvoll Eingeweihte.

Coca-Cola. Die Brause für die Welt, die in vielen Ländern – Gesundheitstrend hin, Fitnesstrend her – Kult ist. Karlsruhe ist Teil der Story, seit der Kaufmann Karl Troullier 1935 dort begann, mit seinen gesamten Ersparnissen (1 000 Reichsmark) Coca-Cola an den Badener zu bringen. Später wurde sogar der von ihm gestiftete Zoo-Elefant liebevoll „Trulli“ genannt. Und noch später ließ Roland Schmider als hiesiger Coca-Cola-Chef nicht nur im Wildparkstadion reichlich die Brause ausschenken – bekanntlich war er viele Jahre ehrenamtlich Präsident des Karlsruher SC.

Heute ist nach Umstrukturierungen und Rationalisierungen Coca-Cola in Karlsruhe ein Vorzeigewerk des Konzerns: Gerade einmal zwei Jahre ist die Dosenabfüllanlage alt. Überall blinkt Edelstahl. Vom Boden aus könnte man problemlos essen, so picobello sauber ist alles hier.

AM LAUFENDEN BAND: In Deutschland gibt es nur zwei Coca-Cola-Dosenwerke, eines davon ist in Karlsruhe. | Foto: jodo

„Wir können bis zu 120 000 Dosen pro Stunde herstellen“, sagt Händle, neben dem sich ein Meer an rot-weißen Bechern vorbei schlängelt. Ein Meer ist nicht übertrieben: Dosen, nichts als Dosen. 455 000 Hektoliter kamen so 2016 zusammen, abgefüllt in Karlsruhe. Im ersten Halbjahr 2017 hat Coca-Cola dort gar 40 Prozent mehr produziert als im Vergleichszeitraum.

Wenn der Klassiker, Original Coca-Cola, in die Dose kommt, sieht hier wirklich jeder rot. Ganz Süddeutschland wird von Karlsruhe aus mit Coca-Cola-Dosen beliefert; es gibt in der Republik nur ein weiteres darauf spezialisiertes Werk. Seit der damalige Grüne Bundesumweltminister Jürgen Trittin das Dosenpfandsystem umgesetzt habe, gehe der größte Teil der leeren Dosen in die Wiederverwertung, sagt der Getränkekonzern den Kritikern des Drinks im Blech.

Drei Prozent des in Deutschland von Coca-Cola verkauften Volumens werden in Dosen abgefüllt, so Coca-Cola-Pressechef Geert Harzmann, der mit seiner Kollegin Christina Witt für den BNN-Termin extra aus Berlin angereist ist. Die Quote sollte nicht täuschen. Dosen sind laut Harzmann zunehmend gefragt: Weil es mehr Singlehaushalte gibt – und somit den Trend zu kleineren Einheiten. Weil Dosen als Werbeträger, etwa für Promotions, besonders gut geeignet sind. Und weil Karlsruhe den Vorteil hat, dass man dort auch abseits des klassischen Sortiments in Dosen abfüllt – so etwa den Energydrink Monster eines Partnerunternehmens.

Ohnehin ist Coca-Cola mehr als Cola oder „Coke regular“, wie die Amerikaner sagen: Der US-Multi hat weltweit über 500 Marken, so etwa Fanta, Sprite, Lift, Mezzo-Mix. Wegen des Gesundheitstrends forciert der Konzern zuckerreduzierte und zuckerfreie Getränke. Mineralwasser wie die Coca-Cola-Marken Bonaqua und Apollinaris sind ein Wachstumsmarkt, ebenso Kaffee mit der Coca-Cola-Marke Chaqwa oder die zertifizierte Bio-Limonade Vio. Der Weltmarktführer reagiert auch auf regionale Geschmäcker: Fanta schmeckt in anderen Ländern schon mal anders als in Deutschland.

RUNDE SACHE: Die Technik befüllt zeitgleich 184 Dosen mit der weltweit bekannten Brause. | Foto: jodo

Aber die Coca-Cola, mit der alles anfing, ist überall gleich. „Same taste“ – weltweit. Auch deshalb diese Geheimniskrämerei. Händle zeigt auf mehrere Rohre, die aus der geheimen Kammer kommen. Das Rohr mit dem Konzentrat ist dunkel gefärbt – nicht transparent wie die anderen. In dem Raum, in dem er gerade mit seinen Besuchern steht, wird dem Konzentrat noch Wasser und Zucker zugegeben. Der Sirup-Mix wird in sechs Edelstahltanks kurz zwischengelagert. Zwischen 20 000 und 30 000 Liter fasst jeder von ihnen.

Übrigens: Da wir gerade beim Thema Wasser sind. Nebenan ist noch so ein Raum mit Tanks und Rohren – die Wasseraufbereitung. Karlsruher Trinkwasser ist bekanntlich von top Qualität, hat aber einen hohen Kalkanteil. Und der muss hier raus. Weltweit fordern die Brause-Spezialisten aus Atlanta vergleichbares Trinkwasser, damit die Coke in Südafrika genauso schmeckt wie in der Schweiz oder in Südkorea.

Jede Dose wird mehrfach geprüft

Nur: Wie kommt das koffeinhaltige Getränk jetzt in die Dose. „Kommen Sie mal mit“, sagt Händle und steht kurz darauf vor 2,50 Meter hohen Dosenstapeln. Ein Greifer nimmt sich welche für das laufende Band. Vorbei geht es an automatischen Kontrollbrücken, die das Material checken. Später kommt das Blech runter vom Band. Es wird fortan schonend – aus unzähligen integrierten Düsen – vorwärts in engere Produktionsstraßen geblasen, dann codiert und immer wieder kontrolliert. Jetzt noch fix in die Spülanlage. Dann ist es endlich soweit: Die gigantische Abfüllanlage dreht sich wie ein Karussell. Aus 184 Ventilen wird zeitgleich die Brause eingefüllt, die jetzt neben dem Sirup noch weiteres Wasser und Kohlendioxid enthält. Das geht so rasend schnell, dass die Schriftzüge auf den Dosen fürs menschliche Auge verwischen. Es riecht absolut neutral hier, so wie es blitzeblank ist. Dass der „Verschließer“ ab und zu zischt, wenn er dem Dosenbecher den Deckel verpasst, ist auch alles, was an klassischen Maschinenbau erinnert.

AB GEHT DIE BOX: Die Dosen werden, wie hier, in rot-weißen Karton verpackt, eingeschweißt oder palettiert. | Foto: jodo

Wieder wird kontrolliert. Wieder wird gespült – dieses Mal die Dose von außen. Dazu kippen die Apparate eine nach der anderen, damit das Wasser abläuft und der Fön zum Schluss nicht mehr so viel abzutrocknen hat. Warme Luft weht dem Betrachter ins Gesicht. Fertig ist die klassische Coca-Cola. Andere – empfindlichere Getränke – bekommen noch eine Extrabehandlung. Ähnlich wie Milch werden sie pasteurisiert.

Die Vielfalt macht’s: So wie Coca-Cola Deutschland laut Christina Witt allein über 80 Produkte hat, so gibt es auch verschiedene Verpackungsarten. Mehrere Dosen werden beispielsweise eingeschweißt oder alternativ palettiert. Oder sie kommen in den rot-weißen Karton.
Ab in die Box. Vollautomatisch: Von hinten drängt das Dosen-Meer in die aufgerichteten Kartons. Sind jeweils zehn drin, verschließt ein Rad die Verpackung. Es riecht nach warmem Leim. Kuka-Roboter verteilen danach die Getränkeboxen, bis sie schließlich auf Paletten stehen und vom Folienwickler in Windeseile gegen Transportschäden gesichert werden. Ein Staplerfahrer fährt heran. Er scannt, ohne abzusteigen, die Ware. Ein Piepsen – und ab damit ins Lager. 90 000 Paletten kamen so 2016 in Karlsruhe zusammen – und viele von ihnen haben das süße Geheimnis von Coca-Cola intus, von dem weltweit nur eine handvoll Menschen weiß.