AUS MÜLL WIRD SYNTHETISCHER SPRIT: Die Ineratec-Chefs Philipp Engelkamp, Paolo Piermartini und Tim Böltken (von links) in einem ihrer Container mit einer Technik auf kleinem Raum, die auf weltweites Interesse stößt. | Foto: Fabry

Gründerpreis nach Karlsruhe?

Ineratec – Container, die es in sich haben

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Der Laie staunt. Unzählige Edelstahlleitungen und gedämmte Rohre sieht er in dem Container. Warm ist es hier drin. Und dann wäre da dieser Zapfhahn: Philipp Engelkamp (27), einer der Chefs des Karlsruher Start-ups Ineratec GmbH, dreht ihn auf, füllt eine Glasflasche. Seine Augen strahlen. „Riechen Sie mal!“, fordert er seinen Besucher auf. Die Flüssigkeit ist nicht nur klar, sie riecht definitiv auch anders als Diesel. Es ist ein energiereicher synthetischer Kraftstoff.

Ineratec ist für den Deutschen Gründerpreis nominiert

„Ineratec ist es gelungen, gigantische chemische Anlagen auf Miniaturformat zu schrumpfen. Die dezentral nutzbaren Reaktoren produzieren beispielsweise mit Hilfe von Solar- oder Windenergie synthetische Kraftstoffe fürs Auto oder erzeugen aus Abfallgasen hochwertige Ausgangsstoffe für die chemische Industrie“, lobt die Jury des Deutschen Gründerpreises in ihrer Nominierung. Am 11. September wird in Berlin verkündet, ob Ineratec in der Kategorie Start-up ausgezeichnet wird. Hinter dem Gründerpreis stehen keine Geringeren als Porsche, Sparkassen-Finanzgruppe, „ZDF“ und „stern“.

„Wir verkaufen nicht nur Anlagen. Wir stehen für eine Vision“

Die BNN haben sich schon Wochen zuvor bei Ineratec umgeschaut. Das High-Tech-Unternehmen ist in einer Halle des früheren Siemens-Industrieparks untergekommen. Hier produziert Ineratec die Mini-Reaktoren, die jeweils in einen klassischen Schiffscontainer passen. „Wir werden Ende des Jahres acht in Betrieb haben“, sagt Engelkamp. 2016 wurde die GmbH gegründet, die immer schwarze Zahlen geschrieben habe und mittlerweile mit 17 festen Mitarbeitern „einen siebenstelligen Umsatz“ erziele.
„Wir verkaufen nicht nur Anlagen. Wir stehen für eine Vision“, betont der Wirtschaftsingenieur. Ineratec wolle Anlagen bauen, die weltweit tausendfach dezentral zum Einsatz kommen sollen. „Wir gehen dort hin, wo die Rohstoffe anfallen. Unsere Rohstoffe sind das, was andere als Abfälle bezeichnen.“

Eine weitere Alternative für erneuerbare Energien

Zur Demonstration zeigt er Flaschen mit Haushaltsmüll oder Holzhackschnitzel und weitere Behälter mit Inhalten, wie sie aus den Ineratec-Containern herauskommen: klare synthetische Kraftstoffe und Wachse, die beispielsweise in der Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie verwendet werden könnten. Synthetische Kraftstoffe seien eine weitere Alterative für erneuerbare Energien. In einem Liter Flüssigkeit seien „gigantische Energiemengen“ gespeichert.

Aus dem Klimakiller CO2 und Wasserstoff könne man mit Hilfe von Energie aus Wasser-, Solar- und Windkraft die synthetischen Erdgase und synthetische Kraftstoffe herstellen, quasi als Energiespeicher. „Wir brauchen kein Erdöl“, unterstreicht Engelkamp. Der Reaktor als Herz der Anlage ist maximal so groß wie ein Schreibtischstuhl.

EnBW-Tochter und Audi als Kunden

Das, was Ineratec da macht, hat sich in der Chemischen Industrie und in der Automobilindustrie mit ihren weltweiten Netzwerken herumgesprochen: Die EnBW-Tochter Energiedienst und Audi sind zwei Referenzkunden, die Engelkamp nennen kann. Pilotanlagen laufen auch in Spanien und Finnland. Weitere starten demnächst in Kanada, Brasilien, Malaysia und in der Schweiz. Anfragen gebe es auch aus dem Silicon-Valley. Engelkamp: „Ich war schon bei den Größen eingeladen, um uns vorzustellen.“
Vorteil bei Ineratec sei, dass keine großtechnischen chemischen Anlagen nötig sind – ein Kostenfaktor. Die Reaktortechnologie der Karlsruher habe in einem klassischen Container Platz und lasse sich nach Bedarf erweitern. „Wir bauen nach dem Baukastenprinzip“, ähnlich wie bei den Automobilherstellern. Aus einem Container bekomme man übrigens „400 000 bis 500 000 Liter pro Jahr“.

Bei Ineratec sieht man enormes Potenzial und sei wegen des starken Wachstums auf Investorensuche. Die Leidenschaft in der Ineratec-Mannschaft brennt nach wie vor für die Technologie. Deshalb sei es „nicht das Bestreben der Gründer, das Unternehmen zu verkaufen“.

Zu den Ineratec-Gründern gehören neben Engelkamp auch die beiden promovierten Chemieingenieure Tim Böltken (33) und Paolo Piermartini (37). Sie hatten sich am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) während ihrer wissenschaftlichen Arbeit kennengelernt. Dort hätten sie das Riesenpotenzial der Mini-Reaktoren im Container erkannt – und lassen neben der Fachwelt inzwischen auch Laien staunen.