Die Karlsruherin Inga Brock schreibt Geschichten über Außenseiter oder Menschen, die nicht aus unglücklichen Lagen können. Oder sie unglücklich lösen. „Unklare Verhältnisse“ heißt nun ihr erstes Buch. | Foto: M.L.

Paare und Außenseiterinnen

Kurzgeschichten von Inga Brock

Die ersten Sätze sind entscheidend. Hängen sie irgendwie in der Luft, wie ein gekipptes Schild oder weisen sie den Weg? Treffen sie hinein ins Zentrum einer Situation, erwecken sie eine Atmosphäre? Nicht mit Banalitäten, nicht verschnörkelt oder verkrampft? Die ersten Sätze können Leser gleich bremsen und sind verdammt schwer für Schreibende.

Herzklumpen

Die Erzählung „Herzklumpen“ aus Inga Brocks gerade erschienenen Kurzgeschichten-Band fängt so an: „Sie begann zu ahnen, dass sie sich über den Kater mehr freute als über ihn.“ Damit ist vorgegeben, wie es weitergeht. Eine Frau legt ihre Abneigung offen. „Sie rückte ein Stückchen von ihm weg und er rückte nach“, heißt es kurz darauf. Die erzählende Frau benennt genau,was sie nicht mehr erträgt, alle seine Gesten und Gewohnheiten. Die alten Witze unter ihnen. Und dazwischen kommen ihre Zweifel hoch. Wegen der Kinder, und weil niemand schuld war. Satz für Satz zieht die Autorin in den Stand einer Beziehung hin, findet den richtigen Gedankenton, die stimmigen Dialoge und einen folgerichtigen Schluss.

Sorgfältige Studien im ersten Buch

Inga Brocks erstes Buch unter dem Titel „Unklare Verhältnisse“ enthält sprachlich sorgfältige Studien, die prüfen, warum Menschen nicht aus ihrer unglücklichen Lage können oder die sich in Lösungen stürzen, die noch unglücklicher machen: Die 70-jährige Erna Burggraf hat Geldsorgen und setzt einen Coup um, eine fromme Frau wird von einem Star ausgenutzt, das Kindheitserlebnis mit einem Nachbarsjungen hat Folgen für das ganze Leben von Ines. Deren Geschichte „Dass Liebe nicht endet“ ist eine der stärksten des Buches. Präzise Ines’ Rückblick auf ihre berufliche Situationen in Arztpraxen, bewegend ihre Erinnerung an die Jugend, glaubhaft ihr aktuelles Handeln.
Inga Brock findet mit leichten Worten von behutsam ausgewählten Details des Alltags zu den Gedanken, mit denen sich ihre Personen der Welt stellen. Nur Vera in der letzten und Titelgeschichte hat eine Prophylaxe gegen „Herzbeschwerden“: Sie lebt frei, aber nicht ohne Lust, in unklaren Verhältnissen.

Das Interesse an Außenseiterinnen

Die Autorin beschreibt keine Menschen, die sich nach der angesagtesten After-Work-Party sehnen oder bei Freunden gleich das Smartphone auf den Tisch legen – obwohl die 48-jährige Karlsruherin das sicher auch gut könnte. Ihr Interesse gilt den Außenseiterinnen: einer übergwichtigen Tanja auf einer paradiesischen Ferienanlage, dem geistig eingeschränkten Mann in einem Dorf oder dem Arbeitslosen, der mit seiner Mutter lebt.

Berührende Aus- und Einsichten

Unter den 20 Geschichten mit wegweisenden ersten Sätzen geht es zudem einmal um Surreales mit Tieren, zwei Mal um Stimmungsbilder mit Kindern. Und nur einmal fließen die Stoffquellen nicht so richtig ineinander. Brock überrascht zudem damit, die gelungenen „Herzklumpen“ dreifach mit den selben Figuren filmartig neu zusammen zu setzen.
Romanautoren können ihre Leser über lange Täler und Pässe langsam und bequem auf breite Berge führen. Wer Kurzgeschichten schreibt wagt immer neue heikle Touren auf verschiedenste Kletterfelsen. In ihrem Erstling versteht es die Autorin, mit literarischen Seilen und Haken umzugehen. Wer den Weg mitgeht, wird zu berührenden Aus- und Einsichten geführt.

Cover | Foto: Lindemanns Bibliothek

Inga Brock, Unklare Verhältnisse, Kurzgeschichten, 252 Seiten, gebunden, Lindemanns Bibliothek, 22 Euro.
Die Autorin liest am Mittwoch, 15. November, um 18.30 Uhr im Bürgerzentrum KA-Südweststadt, Redtenbacherstraße 10, und am Samstag, 18. November, um 20.15 Uhr auf der Bücherschau