Schwimmschüler mit Brett
Schwimmen ist auch mit Handicap kein Hexenwerk. Karlsruher Vereine organisieren immer mehr inklusive Sportangebote. | Foto: Vennenbe

Vereinsangebot wächst

Inklusiver Sport ist in Karlsruhe im Aufwärtstrend

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Inklusive Sportgruppen sind noch immer eher Ausnahme als Regel, stellt Special Olympics Deutschland fest. Das gilt auch für Karlsruhe. Einige Sportvereine jedoch engagieren sich stark für Inklusion im Sport, verstanden als gleichberechtigte Teilnahme.

Von Schwimmen bis Sportklettern

Vom Schwimmen über Kampf- oder Ballsportarten bis zum Sportklettern: Vereine öffnen Sportlern mit Handicap den Zugang zu bestehenden Abteilungen oder schaffen für sie eigene Angebote. Die Nachfrage bestätigt die Akteure. Ihre Erfahrung: Inklusiver Sport bereichert sowohl die Menschen, die körperlich oder geistig eingeschränkt oder seelisch, zum Beispiel depressiv, erkrankt sind, als auch die Sportlergemeinschaft insgesamt.

Akteure entwickeln neue Ideen

Das dicke, stetig fortgeschriebene Programm der Lebenshilfe Karlsruhe, Ettlingen und Umgebung gehört zu den Konstanten des inklusiven Angebots in der Fächerstadt. Die Lebenshilfe organisiert zudem regelmäßig Gesprächsrunden mit Vertretern von Vereinen, Organisationen und Institutionen in der Stadt. Gemeinsam entwickeln sie darin Ideen für neue inklusive Angebote in Karlsruhe, auch über den Sport hinaus.

Alpenverein eröffnet Anbau am 21. April

Zu den Aktivposten inklusiven Sports in der Fächerstadt gehört die Sektion Karlsruhe des Deutschen Alpenvereins (DAV). In den Anbau ihrer Kletterhalle beim Fächerbad arbeiteten mehr als 100 ehrenamtliche Helfer in 3 000 Stunden unter anderem sechs Kilometer Fassadenleisten, 36 000 Gewindeschrauben und drei Lastwagenladungen Schaumstoffmatten ein.

Weiterer Schritt Richtung Inklusion

Die neue Boulderhalle wird am Samstag, 21. April, mit ganztägigem Programm ab 11.30 Uhr eröffnet – und sie macht, was zunächst paradox erscheinen mag, ausgerechnet das Gebäude der auf Steilwände spezialisierten Sportler weitgehend barrierefrei. „Das ist ein weiterer Schritt Richtung Inklusion“, sagt der Vereinsmanager Benjamin Böhringer, „ein Hallenbau, den alle unabhängig von individuellen Fähigkeiten nutzen können.“

Erster Paraclimbing-Wettbewerb am 9. Juni

In der dann deutlich erweiterten Gesamtanlage folgt nur sieben Wochen später eine bundesweite Premiere. Am Samstag, 9. Juni, richten die Karlsruher Kletterer – auf ihre Initiative hin – den ersten Nationalen Paralympics-Kletterwettbewerb aus. Sportdezernent Martin Lenz wird dazu bis zu 80 Teilnehmer aus dem deutschsprachigen Raum begrüßen. Darunter sind sehbehinderte, beinamputierte und sogar querschnittsgelähmte Sportler, die aus dem Rollstuhl in die Kletterrouten starten.

Ausbau der Boulderhalle des DAV Karlsruhe
Ausgebaut hat der Alpenverein Karlsruhe seine Kletterhalle, der Anbau wird am 21. April eingeweiht. Dadurch wird die Gesamtanlage barrierefrei. | Foto: jodo

Engagierte Pioniere

Während der Verein Behinderten- und Freizeitsport Karlsruhe (BFS) klassischer Spezialanbieter ist, zählt der Polizeisportverein (PSV) Karlsruhe zu den Pionieren der Vereine, die ihr Programm um inklusive Sportangebote erweitert haben. Die PSV-Anlage nahe der Ottostraße bietet Rolli-Kids einen Hallenparcours. Für Erwachsene mit Handicap entwickelt der Verein stetig neue, qualifizierte Angebote, mal im Neurosport, dann wieder zur Demenzprävention. Dazu investiert er entsprechend, etwa in rollstuhltaugliche sanitäre Anlagen.

Hagsfelder VTH war Vorreiter

Die Vereinigte Turnerschaft Hagsfeld (VTH) gründete als erster Verein im Umkreis eine eigene Sportgruppe für Menschen mit Behinderung, im Anschluss an eine Kooperation mit der Schule für Körperbehinderte. Heute bietet sie Ballsport und Gymnastik, Schwimmen und Wassergymnastik. Stammspieler in der inklusiven Sportliga der Stadt ist auch der Verein Post Südstadt Karlsruhe (PSK) mit Integrativsportabteilung und Rollstuhlsport. Er kooperiert mit anderen Vereinen. Die Sportgemeinschaft Eichenkreuz Karlsruhe bietet Basketball inklusiv, die Turnerschaft Durlach (TSD) Judo, Tischtennis sowie Handball mit den überregional bekannten „Turnados“. Namhafter Akteur im Karlsruher Handicap-Sport ist auch die Rollstuhlrugby-Mannschaft „The Rebels“.

Stadt fördert Inklusion

Die Stadt bezuschusst zusätzliche Übungsleiter für inklusive Sportangebote, fördert Inklusionsbestrebungen aber auch allgemein. Marion Schuchardt, die Behindertenkoordinatorin in der Stadtverwaltung, sammelt derzeit und noch bis 30. Juli Vorschläge für den Karlsruher Inklusionspreis. Der geht seit 2015 an engagierte Einzelpersonen, Vereine, Betriebe oder Organisationen. 2015 organisierte die Stadt auch eine Erste-Hilfe-Schulung für Übungsleiter inklusiver Sportgruppen sowie eine Qualifizierung zur Abnahme des Behindertensportabzeichens.

Servicestelle beim Badischen Sportbund

Wichtige Adresse ist zudem der Badische Sportbund Nord. Er vereint 51 Fachverbände, von Aikido bis Turnen und von Fußball bis Kegeln, und vertritt derzeit rund 2 500 Vereine mit knapp 770 000 Mitgliedern. Im Haus des Sports in der Waldstadt beim Fächerbad unterhält er gemeinsam mit dem Badischen Sportbund Freiburg extra eine Servicestelle Inklusion, Telefon (07 21) 18 08 43. Auch Special Olympics Deutschland hat ein Büro in Karlsruhes Haus des Sports und bietet einen Leitfaden „Sport inklusiv“ zu Gestaltung und Leitung inklusiver Sportgruppen.

Inklusion im Sport eröffnet zunächst Menschen mit Behinderung die Wahl einer Sportart. Und erlaubt weitere Entscheidungen – soll es Sport auf Wettbewerbsniveau sein? Als Alltagstraining? Bei einer Sportveranstaltung? In einer Einrichtung oder einem Verein?
Doch das ist nicht alles. Inklusion im Sport kann auch eine Brücke zur gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderung schlagen und über den Sport hinaus wirken, indem sie Strukturen und Begegnungsmöglichkeiten schafft, heißt es bei Special Olympics Deutschland. Innerhalb von Vereinen, Fachsportverbänden oder Landessportbünden entstehen für Sportler mit Handicap neue Möglichkeiten. Sie können am Vereins- und Verbandsleben teilnehmen, werden als Sportler wahrgenommen und zusätzlich sichtbar – in Vereins- und Verbandsauftritten, in Vereinsheften oder auch im Liga-Betrieb.