Leupolds Großvater war ebenfalls Jäger. Mit ihm war er als Kind oft im Wald.
Leupolds Großvater war ebenfalls Jäger. Mit ihm war er als Kind oft im Wald. | Foto: Fischer

Jagen statt kaufen

Karlsruher Jäger: „Wenn ich Fleisch essen will, muss ich auch die Verantwortung tragen“

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Das erste Tier, das Sven Leupold erlegte, war ein Reh. Das ist erst ein knappes Jahr her. „Beim ersten Tier war ich ganz allein“, sagt er. „Da musst du allein die Entscheidung treffen, ob du den Finger krumm machst oder nicht.“ Er ist Jäger geworden, weil er gerne Fleisch isst. Und das wollte er nicht mehr aus der Massentierhaltung „für 1,50 Euro im Discounter kaufen“. Also erlegt er die Tiere selbst.

„Ich hatte keine Lust mehr auf diese Doppelmoral“, erklärt der Karlsruher. „Sich einerseits über Massentierhaltung beschweren, aber dann das Steak im Supermarkt kaufen. Das wollte ich einfach nicht mehr.“ Auch beim Metzger des Vertrauens könne man sich eigentlich nicht hundertprozentig sicher sein, wo das Fleisch wirklich herkommt, findet Leupold.

Er schüttet eine Handvoll Mais in eine Kuhle im Waldboden und platziert einen dicken Ast darauf. Es ist Mittwochmorgen, da ist Sven Leupold in seinem Jagdgebiet am Rheinstettener Silberstreifen „kirren“. Das bedeutet, er überprüft, ob Tiere in der Nacht das Anlockfutter gefressen haben. Daraus kann er schließen, wo sich das Wild momentan aufhält.

Jeden Mittwoch geht Sven Leupold morgens "kirren". Er sieht nach, wo das Lockfutter gefressen wurde. Daraus lässt sich schließen, wo das Wild gerade unterwegs ist und wo sich das Jagen lohnt.
Jeden Mittwoch geht Sven Leupold morgens „kirren“. Er sieht nach, wo das Lockfutter gefressen wurde. Daraus lässt sich schließen, wo das Wild gerade unterwegs ist und wo sich das Jagen lohnt. | Foto: Fischer

Draußen sein

Etwa eine Stunde braucht er, um Hochsitze abzufahren und die Stellen mit dem Lockfutter zu kontrollieren. Es gibt Mais, den fressen die Wildschweine gern. Sie haben keine Schonzeit, also darf Leupold sie jagen. „Mein Großvater war außerdem Jäger“, sagt er dann. „Ich war als Kind oft mit ihm im Wald. Da war ich sozusagen vorbelastet. Außerdem ist es einfach schön, draußen zu sein.“

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Hier waren Wildschweine in der Nacht unterwegs. Das Lockfutter ist weg und der Boden ist aufgewühlt.
Hier waren Wildschweine in der Nacht unterwegs. Das Lockfutter ist weg und der Boden ist aufgewühlt. | Foto: Fischer

Jagdmotiv: Fleischbeschaffung

„Mein Motiv für die Jagd ist ja eigentlich die Fleischbeschaffung,“ sagt Leupold. Er isst nur das Fleisch von Tieren, die er selbst erlegt hat. Wenn seine Jägerkollegen Tiere schießen, nimmt er auch davon Fleisch. Eine Ausnahme ist Rindfleisch. Das mag er gerne und kauft es, wenn er Lust darauf hat, beim Bauern, ebenso wie Hühnereier. Bei der Milch achtet er zumindest darauf, dass sie „bio“ ist.

Fleisch kommt etwa zwei Mal die Woche auf den Tisch. In diesem Jahr hat er zwar erst zwei Rehe erlegt, aber „die Kühltruhe ist voll“. 16 Kilogramm wiegt ein Reh etwa. Damit kommt Leupold eine ganze Weile aus.

Eine Wildkamera erfasst, welche Tiere sich auf der Lichtung getummelt haben.
Eine Wildkamera erfasst, welche Tiere sich auf der Lichtung getummelt haben. | Foto: Fischer

Neun Monate bis zum „grünen Abitur“

Im Mai 2018 hat Leupold den Jagdschein gemacht, er ist also noch „Jungjäger“. „Unheimlich viel Stoff“ gab es in der neunmonatigen Ausbildung zu bewältigen, sagt er. Nicht umsonst wird die Jagdausbildung auch „das grüne Abitur“ genannt.

Aber es gibt auch viel, das er als Jäger wissen muss. Etwa, wo er ein Tier treffen sollte, damit es schnell und ohne große Schmerzen stirbt. Ein Wildschwein wird beispielsweise mit einem „Blattschuss“ erlegt: Der Schuss geht durch die Schulter und die Lunge direkt ins Herz. Er weiß auch, dass Rehe gut riechen und hören, aber schlecht sehen. Oder dass Wildschweine nach „Maggi“ riechen.

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Wie ist es, ein Tier zu erlegen?

Am Abend sitzt Leupold in einer „Kanzel“ und hält Ausschau nach Wild. Die Spuren, die er an dieser Stelle entdeckt hat, lassen darauf schließen, dass sich hier in letzter Zeit oft Wildschweine aufhalten. Die „Büchse“ hat er geladen und in Position gebracht. Noch zielt sie auf eine leere Lichtung.

„Eine Routine gibt es da für mich nicht“, sagt der Jäger über das Jagen. „Jedes Mal pumpt das Adrenalin durch meinen Körper, das Herz schlägt bis zum Hals.“ Der Moment, in dem er entscheidet, „den Finger krumm zu machen“, ist ergreifend, sagt er. „Da ist ein Lebewesen und du nimmst dieses Leben. Das macht mich ehrfürchtig.“

Manchmal habe er aber auch ein Tier ziehen lassen. Entweder, weil es in keiner guten Position stand, oder einfach aus dem Gefühl heraus. „Manchmal dachte ich mir schon: ‚Jetzt habe ich mir das Tier solange angesehen und diesem Schauspiel zugeschaut, das Tier soll weiterleben'“, sagt Leupold.

Ein schneller Tod

Die erste Stunde vergeht, aber kein Tier zeigt sich. Ab und zu knackt es im Unterholz. Bis er ein Tier erlegt, muss er oft etwa 20 bis 30 Mal „ansitzen“ gehen, also in der Kanzel nach Wild Ausschau halten. „Geduld braucht man“, sagt der Jäger. „Aber es ist trotzdem immer schön, einfach mal draußen zu sein.“

Etwa zwei bis drei Stunden wartet er ab, ob sich eine potenzielle Beute zeigt. Dann muss sich Leupold ein Bild vom Zustand des Wildes machen: Ist es ein Muttertier, ein Junges oder ist es krank? Auch wenn das Tier in einem Winkel steht, von dem aus kein sauberer Schuss möglich ist, darf Leupold nicht schießen. Wenn aber ein Schuss trifft, geht das so schnell, dass das Tier davon kaum etwas mitbekommen kann. Es bricht dann einfach zusammen.

Nach einer Weile tänzelt ein junger Fuchs auf die Lichtung. Ganz gemächlich. Vom Gewehrlauf, aus dem im Bruchteil einer Sekunde eine Kugel auf ihn abgefeuert werden könnte, bekommt er nichts mit. Er drückt seine Schnauze ins Gras, vielleicht auf der Suche nach einer Maus. Ein guter Winkel für einen Schuss. Doch Leupold schießt nicht. „Ich bin nicht Jäger geworden, weil ich gerne schieße“, sagt er. Und der junge Fuchs verschwindet wieder im Unterholz.

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Vom Lebewesen zum Lebensmittel in sechs Stunden

Bis aus dem vollständigen Tier ein Lebensmittel geworden ist, ist Sven Leupold etwa drei Stunden beschäftigt. Er muss das Tier in die Wildkammer transportieren und das Fell abziehen. Danach werden die Innereien entfernt. Am Zustand der Organe können ausgebildete Jäger auch Rückschlüsse auf die Qualität des Fleisches ziehen.

Nachdem das Fleisch eine Weile abgehangen ist, kann es zerlegt werden. In Steaks, Keulen oder Gulasch. „Viele wissen heute gar nicht mehr, wo ihr Fleisch wirklich herkommt“, sagt der Jäger. „Und oft fehlt auch das Gefühl dafür, wie lange das dauert, bis ein fertiges Stück Fleisch wirklich auf dem Teller liegt.“ Für Sven Leupold dauert das etwa sechs Stunden: drei Stunden „ansitzen“, schießen, das Tier abtransportieren, es zu Fleisch verarbeiten. Die ganzen Stunden, in denen er vergeblich auf Wild wartet, nicht mitgerechnet.

Tierliebe und Tiere töten – passt das zusammen?

Leupold hat Tiere gern. Das sagt er, aber das ist auch spürbar. Wenn er von seinen Begegnungen mit den Waldtieren berichtet, benutzt er Worte wie „ehrfürchtig“ und „ergreifend“. Er weiß, dass das ein Lebewesen ist, das er tötet, zerlegt und das als Fleisch auf seinem Teller landet. Aber Tierliebe und Tiere töten – wie passt das zusammen? „Ich esse gerne Fleisch. Fleisch ist für mich ein Genussmittel“, sagt Leupold. „Aber ich habe mir gesagt: ‚Wenn du Fleisch essen willst, musst du dich auch selbst darum kümmern. Das finde ich nur fair. Diese Verantwortung muss ich übernehmen.“

An diesem Abend fällt kein Schuss. Es gibt kein erlegtes Tier und auch kein Fleisch. Trotzdem war es ein guter Abend. Sven Leupold hat einen jungen Fuchs in freier Wildbahn beobachtet. Das ist etwas Besonderes, findet er.