Weltweit gefragt - in Karlsruhe auf der Bühne: Der Countertenor Jakub Józef Orliński singt die Titelrolle bei der Eröffnung der 43. Händelfestspiele.
Weltweit gefragt - in Karlsruhe auf der Bühne: Der Countertenor Jakub Józef Orliński singt die Titelrolle bei der Eröffnung der 43. Händelfestspiele. | Foto: Artis

Interview Jakub Józef Orliński

Star der Karlsruher Händel-Festspiele: „Meine Karriere wird eine kurze sein“

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Der „Shootingstar des Barock“, Jakub Józef Orliński, kommt für die Händel-Festspiele nach Karlsruhe. Im Interview spricht er über seinen ökologischen Fußabdruck und erklärt, warum er die Oper früher „uncool“ fand.

Als Jakub Józef Orliński vor 20 Jahren zum ersten Mal in Karlsruhe auftrat, war er ein Junge von vielen, auf Tour mit einem Knabenchor aus Warschau. Heute ist er dank seiner Stimme und wirksamer Äußerlichkeiten, die sich hervorragend vermarkten lassen, der aktuell wohl am heißesten gehandelte Counter-Tenor.

Junger Counter-Tenor tritt weltweit auf

Der junge Pole mit den Locken, der Wimpern für zehn, ein ebenmäßiges Antlitz und als Break-Dancer auch sonst viel Futter für die Glamour-Presse zu bieten hat, reist 2020 für bedeutende Partien in Barock-Produktionen von Karlsruhe über Paris und San Francisco bis nach Los Angeles.

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Am Freitag singt er die Titelrolle in „Tolomeo, Re d’Egitto“ bei den Karlsruher Händel-Festspielen. In ein Flugzeug steigt er nur ungern, Engagements in Europa folgt er umweltbewusst nur mit dem Zug. Und hat auch in Karlsruhe seinen Strohhalm aus Metall im Gepäck. Außerdem viel Energie. Das Interview mit unserem Redaktionsmitglied Isabel Steppeler führt er auf den beiden hinteren Stuhlbeinen wippend. Jakub Józef Orliński ist auf dem Sprung. Und weiß schon jetzt: Sänger ist er nicht mehr lange.


Wo wohnen Sie zur Zeit?

Orliński: Warschau. Mein Geburtsort und noch immer meine Basis, von der aus ich alle Projekte angehe.

Wann kamen Sie in Berührung mit dem Gesang?

Orliński: Ich war in der zweiten Klasse der Grundschule, als ich in einen Knabenchor aufgenommen wurde. Dort lernte ich die Grundlagen des Singens. In diesem Chor war ich zwölf Jahre lang.

Sie sagten einmal, dass Sie täglich eine bessere Version Ihrer selbst werden wollen. Machen Sie Fortschritte?

Orliński: Das müssen andere beurteilen. Aber: Ja, ich bin sehr glücklich wie sich die Dinge entwickeln. Jedes einzelne Projekt ist ein neues Abenteuer. Daher glaube ich, es geht in die richtige Richtung.

Termine
Jakub Józef Orliński singt in Karlsruhe die Titelrolle in der Oper „Tolomeo, Re d’Egitto“ am 14., 16., 19., 22. und 25. Februar bei den Händel-Festspielen.

 

Tanzen Sie noch?

Orliński: Ja.

Tanzen und singen, das klingt nach großem Kraftakt. Wie wahren Sie ihre innere Balance?

Orliński: Die Arbeit selbst gibt mir den Ausgleich. Ich reise viel, aber ich reise gerne. Und ich treffe gerne Freunde, die überall verstreut sind. So auch hier. In Karlsruhe habe ich Freunde im Opern-Ensemble, in der Ballett-Compagnie, aber auch in Darmstadt, in Wiesbaden, in Frankfurt. Ich erlebe viele angenehme Dinge. Das ist mein Ausgleich.

Ich schäme mich für Menschen, die Plastik-Strohhalme verwenden.

Dann vermissen Sie nichts?

Orliński: Ehrlich gesagt nicht viel. Denn ich arbeite hauptsächlich in Europa. Und hier fühlt sich alles heimatlich an, weil es nicht so weit ist nach Warschau. Wann immer ich wollte, könnte ich am Wochenende nach Hause fliegen. Aber ich tue es nicht, weil ich auf meinen ökologischen Fußabdruck achte. Deshalb fahre ich fast nur noch mit dem Zug. Ich bin ein Umweltfreund. Ich hasse Plastik, habe immer meine wiederbefüllbare Flasche dabei und schäme mich für Menschen, die Plastik-Strohhalme verwenden. Ein Strohhalm aus Metall ist außerdem ganz praktisch für Stimmübungen.

Wirklich gut für die Stimme ist ein Bier nach der Probe.

Manche sagen, saure Gummibärchen sind gut für die Stimme…

Orliński: Hab ich nie gehört. Es gibt viele Theorien. Manche schwören auf Süßigkeiten. Wirklich gut für die Stimme ist ein Bier nach der Probe, der Alkohol lockert die Kehlkopfmuskeln. Aber es muss Raumtemperatur haben. Und nur eins!

Welcher der vielen Affekte, den Barock-Musik transportiert, lieben Sie besonders?

Orliński: Ich bin da nicht festgelegt. Barock-Musik bedeutet für mich ganz allgemein Freiheit. Ich mag diese Epoche. Man kann viel von sich selbst einbringen. Wenn man die Rollen gut studiert und den Rahmen kennt, kann man sich darin sehr frei bewegen. Eine Da-capo-Arie gibt so viel Gestaltungsfreiraum. Und in jeder Rolle stecken alle Affekte von der Liebe bis zur Eifersucht. Man muss sehr vielseitig sein.

Ich fand Oper uncool.

Sie sagten einmal, Oper habe sie früher gelangweilt…

Orliński: Ich war kein großer Fan, das stimmt. Ich fand Oper uncool. Und finde auch heute noch viele Inszenierungen unerträglich, wenn keine Idee dahintersteckt.

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Und der Karlsruher „Tolomeo“?

Orliński: Ich liebe die Produktion. Das Konzept ist eine große Herausforderung für uns alle, aber es ist sehr schön und schürft tief. Es ist die dramatischste Rolle, die ich bisher gesungen habe. Benjamin Lazar arbeitet sehr gründlich mit uns, es ist eine sehr anspruchsvolles Konzept rings um psychologische Vorgänge zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit. Es ist nicht einfach, das herauszuarbeiten. Aber wenn es uns gelingt, ist das wirklich eindrucksvoll.

Und die Partie des Tolomeo selbst?

Orliński: Es ist wie gesagt die dramatischste Rolle bisher. Auch technisch. Sie wurde für den Kastraten Senesino geschrieben. Der Stimmumfang passt perfekt zu mir, aber die Rolle birgt viele Gefühle wie Frust, Ärger, Depression. Es ist eine emotional sehr anstrengende Partie. Aber ich liebe Herausforderungen wie diese und lerne viel dabei.

Das ist ein gutes Programm dieses Jahr in Karlsruhe.

Demnächst singen Sie in Frankreich Arsamene in Händels „Serse“. Ein Grund, sich den Karlsruher „Serse“ anzusehen?

Orliński: Oh ja. Erstens habe ich David Hansen bisher nicht auf der Bühne erlebt und freue mich auch darauf, Lauren Snouffer zu sehen, sie ist eine gute Freundin. Und dann muss die Inszenierung wirklich Spaß machen, habe ich gehört. Das ist ein gutes Programm dieses Jahr in Karlsruhe: Entertainment mit „Serse“ auf der einen Seite, dramatischer Tiefgang mit „Tolomeo“ auf der anderen. Ein toller Kontrast!

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Welches sind Ihre Haupt-Projekte dieses Jahr?

Orliński: Ich gebe viele Konzerte zu meinem neuen Album „Facce d’amore“. Ein weiteres Programm führt mich mit dem Ensemble „Les Arts Florissants“ auf Tournee, ich singe Arsamene in Frankreich, Armindo in San Francisco und noch ein weiteres großes Projekt in Deutschland, über das ich noch nicht sprechen kann.

Welche neuen Rollen wünschen Sie sich?

Orliński: Das ist schwer zu sagen, denn zuletzt haben sich meine Wünsche in kurzer Zeit alle erfüllt. Aber es gibt eine Rolle, die mich sehr reizt: Oberon in „A Midsummer Night’s Dream“. Aber früher oder später wird auch das kommen, da mache ich mir keine Sorgen.

Counter-Tenöre sind oftmals sowohl in alter wie in zeitgenössischer Musik zuhause. Wie ist das bei Ihnen?

Orliński: Es reizt mich sehr. Aber das lässt sich momentan nicht unter einen Hut bringen. Es raubt mir zuviel Zeit, mich da einzuarbeiten.

Und wenn sie mal nicht auf Tour sind?

Orliński: Ich liebe die Berge wie überhaupt die Natur. Seen, Berge machen mich glücklich. Ich wandere sehr gerne.

Meine Karriere wird eine kurze sein.

Ist Jakub Józef Orliński in 30 Jahren noch ein Sänger?

Orliński: Sicher nicht. Meine Karriere wird eine kurze sein.

Haben Sie Pläne?

Orliński: Ich habe viele Möglichkeiten.


CD-Tipp: Shooting-Star Orliński singt Arien von Händel
Immer mehr beachtenswerte Counter-Tenöre erobern die Alte-Musik-Szene: Zu ihnen gehört auch der junge Pole Jakub Joséf Orliński, der bei den 43. Karlsruher Händel-Festspielen auftreten wird. „Facce d’amore“ hat er seine aktuelle CD betitelt, auf der er sich wie der Titel schon sagt der Liebe widmet.
Von Maxim Emelyanychev und „Il Pomo D’Oro“ stilsicher begleitet, stellt er Arien von Händel („Agrippina“, Amadigi di Guala“, „Orlando“) vielem Unbekannten, darunter einigen Ersteinspielungen von Giovanni Antonio Boretti, Luca Antonio Predieri oder Johann Adolf Hasse gegenüber. So vermittel die CD auch einen Eindruck, wen Händel beeinflusst hat ebenso von wem er inspiriert wurde.
Orliński verfügt über sehr weiches, ansprechendes Timbre, zudem über eine beachtenswerte Beweglichkeit, wenn auch Koloraturen hier zumeist nicht im Vordergrund stehen. Er kann die weiten Bögen der Arien scheinbar mühelos gestalten, den Gesängen von Liebeslust und Liebesschmerz in all ihrer verführerischen Schönheit gerecht werden. Ein Counter, dem die Zukunft gehört. sws
Orliński, Facce d’amore, Warner CD 019029543384, 76,35 Minuten Spieldauer, 19,99 Euro.