Das große Ganze im Blick: Für Jan Wiesenberger, hauptamtlicher Vorstand des Karlsruher Forschungszentrums Informatik (FZI), zählen nicht die einzelnen Akteure, sondern das Netzwerk.
Das große Ganze im Blick: Für Jan Wiesenberger, hauptamtlicher Vorstand des Karlsruher Forschungszentrums Informatik (FZI), zählen nicht die einzelnen Akteure, sondern das Netzwerk. | Foto: jodo

„Digitale Köpfe in der Region“

Jan Wiesenberger treibt die Vernetzung des FZI in Karlsruhe voran

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„Ist Künstliche Intelligenz etwas, vor dem wir Angst haben müssen? Werden intelligente Maschinen demnächst die Weltherrschaft übernehmen?“ Diese zwei Fragen stellt das Karlsruher Forschungszentrum Informatik (FZI) zu Beginn seines aktuellen Jahresberichts.

Sollte es in Zukunft tatsächlich einen Antagonisten wie „Skynet“ geben – die böse KI aus den „Terminator“-Filmen –, könnte dieser seinen Anfang in der Fächerstadt genommen haben. Denn nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums ist Karlsruhe „Deutschlands bedeutendster Standort für die Forschung und Entwicklung Künstlicher Intelligenz“. In einem Umkreis von nur 400 Metern seien „erstklassige Forschungseinrichtungen sowie ein großes Unternehmernetzwerk“ beheimatet, heißt es in einem Tweet des Ministeriums. Dazu zählt auch das FZI – eine Stiftung, die sich den Technologietransfer von der IT-Forschung in die Industrie auf die Fahnen geschrieben hat – mit seinem hauptamtlichen Vorstand Jan Wiesenberger.


Natürlich seien die Fragen in dem Jahresbericht bewusst provokativ gestellt, da sie zum Denken anregen sollen, erklärt der 40-Jährige im Hauptgebäude des FZI in der Karlsruher Oststadt verschmitzt. Dennoch: Je schlauer Computer-Intelligenzen werden, desto mehr Aufgaben können sie übernehmen. „Wenn die Menschen den Maschinen irgendwann zutrauen, die Zukunft vorherzusagen, und wir das Denken dann einstellen, wird es gefährlich“, gibt Wiesenberger zu bedenken. Gerade deswegen sei es ein riesiges Forschungsfeld, nachzuvollziehen, auf welcher Basis eine KI ihre Entscheidungen trifft.

Autonomes Fahren als wichtiges Feld für KI

Gerade für den Straßenverkehr der Zukunft – einem Schwerpunktbereich der wissenschaftlichen Arbeit des am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) beheimateten FZI – wird diese Transparenz enorm wichtig sein. „Wir haben in einem sehr bedeutsamen Gebiet der Künstlichen Intelligenz, dem autonomen Fahren, weltweit renommierte Forscher und Ergebnisse vorzuweisen“, gibt sich Wiesenberger selbstbewusst. Besonders das Testfeld in Karlsruhe, in dem der vernetzte Straßenverkehr erprobt werden soll, stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar.

Wiesenberger, der bereits seit Ende 2004 am FZI arbeitet und ihm seit Oktober 2014 vorsteht, ist stolz auf die bereits gewonnenen Erkenntnisse: „Die Sensorik der autonomen Systeme erfasst deutlich mehr Informationen aus der Umgebung als notwendig, da auch aus Kostengründen mit Kameras gearbeitet wird. Viele Menschen möchten aber nicht, dass aufgezeichnet wird, was sie gerade an einer Straßenecke machen, wenn ein autonomes Fahrzeug vorbeifährt.“ Um dieses Problem zu lösen, seien technische Lösungen implementiert worden. So tauchten klassische Aufnahmen gar nicht in den Systemen auf, sondern die Aufzeichnungen würden in sogenannte Objektbilder umgewandelt und dadurch anonymisiert.

Bescheidenheit klingt bei Wiesenberger stets mit

Wenn der 40-Jährige, der seit 1997 in Karlsruhe wohnt, über die Erfolge des FZI spricht, klingt stets Bescheidenheit mit: Nicht das Individuum oder die einzelne Institution ist bedeutend, sondern das Netzwerk. Die Fächerstadt sei dafür prädestiniert: kurze Wege, persönliche Bekanntschaft, regelmäßiger Austausch – und Interdisziplinarität. „Wir wohnen in einer Stadt, in der die Gerichtsbarkeit auf höchstem Niveau ist“, stellt der in Ostwestfalen geborene und im Rheinland aufgewachsene Wiesenberger etwa den juristischen Aspekt vieler Forschungen heraus. Zudem sei es wichtig, nicht immer in die weite Welt zu schauen, sondern sich auch in der Kommunalpolitik gut zu vernetzen. Häufiger betont er die Bedeutung der mittelständisch geprägten Wirtschaft in Baden-Württemberg.

Ein autonom fahrender Elektro-Mini-Omnibus bei einer Vorführung vor dem Gebäude des KVV.
Auch auf den öffentlichen Personennahverkehr werden sich die Karlsruher Erkenntnisse in puncto autonomes Fahren enorm auswirken. | Foto: dpa

Nationale und internationale Kooperationen sorgen allerdings dafür, dass der 40-Jährige über den Tellerrand des Südwestens schauen muss – etwa bei den Koalitionsverhandlungen: „Gerade herrscht auf Bundesebene eine politische Vakuumsituation. Einige Projekte, etwa die mit dem Bundesverkehrsministerium, sind deswegen ins Stocken geraten.“

Dieser Blick für das große Ganze ist für Wiesenberger bedeutsam, da er am FZI die Finanzen verantwortet und die Zusammenarbeit zwischen Forschung, Politik sowie Wirtschaft vorantreibt. Um die besondere Stellung des Forschungszentrums zu sichern, läuft derzeit ein Veränderungsprozess, „FZI-Strategie 2025“ genannt. So sollen Arbeitsplätze noch familienfreundlicher gestaltet und Hierarchien abgebaut werden. Denn Wiesenberger ist überzeugt: „Wir können nur überleben, wenn wir die besten Absolventen haben.“

Promotion scheitert an vielfältigen Interessen

Nach Karlsruhe, das er sein Zuhause nennt, kam Wiesenberger wegen des Studiums des Wirtschaftsingenieurwesens, damals noch an der Universität. Am FZI wollte er anschließend seinen Doktor machen. Dieses Projekt musste der 40-Jährige bisher jedoch seinen vielfältigen Interessen und Verantwortlichkeiten – er führt noch ein IT-Beratungsunternehmen und ist einer der Geschäftsführer des Digitalen Innovationszentrums (DIZ) in Karlsruhe – opfern. „Ich weiß schon gar nicht mehr, in welchem Schreibtisch mein Promotionsentwurf liegt, ich hatte hier so viele“, gesteht Wiesenberger und lacht.

Auch privat profitiert der 40-Jährige indirekt von seinem großen Engagement für die Vernetzung des FZI: Seine Partnerin lebt in Berlin, wo das Forschungszentrum eine Außenstelle unterhält.