Blick ins Langhaus des Kölner Doms | Foto: Ulrich Coenen

Böker erforscht Kölner Dom

Wer baute Deutschlands berühmteste Fassade?

Anzeige

Es geht um nicht weniger als Deutschlands berühmteste Fassade. Die Zwillingstürme des 1248 begonnenen Kölner Doms überragen die rheinische Millionenstadt, sind seit ihrer Fertigstellung 1880 ein Nationaldenkmal und gehören seit 1996 zum Weltkulturerbe. Die Frage, wie alt der Entwurf und wer sein Autor ist, beschäftigt die bauhistorische Forschung bereits seit zwei Jahrhunderten. Johann Josef Böker, emeritierter Professor für Baugeschichte am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), widmet sich diesem Thema in seinem neuen Buch, mit dem er gleichzeitig zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Böker begann sein Studium der Kunstgeschichte vor 45 Jahren in Köln.

Eine späte Datierung

Wissenschaftler erfüllt es üblicherweise mit Stolz, das von ihnen untersuchte Bauwerk möglichst früh zu datieren, auch wenn solche Thesen oft auf tönernen Füßen stehen. Dabei macht Böker nicht mit. Der verschollene Fassadenriss des Kölner Doms wurde im frühen 19. Jahrhundert durch Georg Moller und Sulpiz Boisserée wiederentdeckt. Ohne ihn wäre die Vollendung des im 16. Jahrhundert eingestellten Baus der bedeutendsten gotischen Kathedrale in Deutschland in den Jahren 1842 bis 1880 nicht möglich gewesen. Zwar wurde der Chor bereits 1322 geweiht, von der Westfassade stand zu Beginn der frühen Neuzeit (ebenso wie vom Langhaus) hingegen nur der Unterbau.

Nur sechs mittelalterliche Risse

Böker hat gemeinsam mit seinem jungen Karlsruher Forscherteam in den beiden vergangenen Jahrzehnten alle rund 650 im deutschsprachigen Raum erhaltenen gotischen Baurisse untersucht und zwischen 2005 und 2013 in drei großformatigen Bänden veröffentlicht. Vor diesem Hintergrund räumt er mit der ab 1930 verbreiteten Frühdatierung des Risses in die Zeit zwischen 1280 und 1310 kräftig auf. Als der Fassadenplan im 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde, ging man übrigens von einer Entstehung um 1350 aus und kommt damit der Realität sehr nahe. Die in der Forschung Riss F genannte Architekturzeichnung ist gewaltige 4,05 Meter hoch und besteht aus 20 zusammengeklebten Pergamenten. Neben ihr sind nur sechs weitere mittelalterliche Risse des Kölner Doms erhalten.

Westfassade des Kölner Doms | Foto: Hohe Domkirche zu Köln, Dombauhütte; Foto: Matz und Schenk

Archäologie schafft Klarheit

Während die Datierung des Fassadenplans umstritten ist, herrscht nach archäologischen Befunden im Jahr 1994 über den Baubeginn der Doppelturmfassade um 1360 Einigkeit. Der Name des Architekten Michael von Savoyen, seit 1353 als Kölner Dombaumeister urkundlich nachweisbar, ist damit klar. Doch ist er auch der Autor des Fassadenrisses F oder hat Michael diesen von einem früheren Dombaumeister übernommen?

Experte für Architekturzeichnungen

Dieser Frage geht Böker minutiös nach, nicht nur durch den in der Forschung üblichen Stilvergleich mit anderen gotischen Sakralbauten, sondern auch als weltweit bedeutendster Experte für die Architekturzeichnungen dieser Epoche. Der Karlsruher Wissenschaftler weist dabei auf die engen Beziehungen zwischen Köln und dem südwestdeutschen Raum hin, aus dem die Baumeisterfamilie Savoyen stammt. Für den um 1320 geborenen Michael sei die Tätigkeit am Oberrhein mit der dominierenden Straßburger Münsterbauhütte prägend gewesen.

Vergleiche mit Straßburg und Freiburg

Böker vergleicht den Kölner Fassadenriss mit dem berühmten Straßburger Fassadenriss B, den er im Rahmen seines Forschungsprojekts „Gotische Architekturzeichnungen“ Erwin von Steinbach zuschreiben konnte. Auch der Freiburger Münsterturm, der nach Forschungsergebnissen Bökers ebenfalls ein Werk Erwins ist, wird betrachtet. Michael ist für Böker der wichtigste Kölner Dombaumeister des späten Mittelalters, der selbstbewusst genug war, eine ältere und bescheidenere Planung für die Westfassade durch eine der „zweifelsfrei großartigsten Architekturzeichnungen, die das Mittelalter hinterlassen hat“, zu ersetzen.

Beziehungen zum Prager Hof

Als Bauherr für das spektakuläre Projekt sieht Böker den Erzbischof Friedrich von Saarwerden, der mit dem kaiserlichen Hof Karls IV. in Prag in engem Kontakt stand und offensichtlich ein Prestigeprojekt als Antwort auf den dortigen Veitsdom initiierte.

Johann Josef Böker: Michael von Savoyen und der Fassadenriss des Kölner Domes, Verlag Böhlau, 170 Seiten, gebundene Ausgabe, 30 Euro.