Eindrucksvoll: Ben Becker kommt mit "Ich, Judas" jetzt auch ins Kino. In Szene gesetzt wurde das Einpersonenstück von dem Karlsruher Regisseur Serdar Dogan. | Foto: Maxim Brinckmann

Serdar Dogan und Ben Becker

Judas im Kino

Anzeige

Eigentlich wollte Ben Becker das Einpersonenstück  „Ich, Judas“ nur drei Mal im Berliner Dom aufführen – als Liebhaberinszenierung, entstanden aus der Faszination des Schauspielers für den rhetorisch brillanten Text von Walter Jens und für die Figur des Judas als dem vermeintlichen Verräter an der Seite von Jesus. Was dann folgte, hatte niemand ahnen können: eine lange Tournee durch die größten Kirchen Deutschlands, stehende Ovationen allerorten, brillante Kritiken.

Karlsruher Regisseur

Jetzt kommt „Ich, Judas“ auch in die Kinos: In dem Karlsruher Regisseur Serdar Dogan („Der achte Kontinent“) fand Becker den idealen Mitstreiter für das außergewöhnliche Projekt. Nach sorgfältiger Vorbereitungszeit wurde im März 2017 im Berliner Dom gedreht – zwei Vorstellungen mit Publikum, zusätzlich gab es ein paar nächtliche Nachdrehs. Das Resultat ist ein bildgewaltiges Filmwerk, das am 31. Oktober in über 250 deutschen Kinos anläuft – Premiere ist im berühmten „Zoo-Palast“ in Berlin.

Start am Reformationstag

Der Starttermin am Reformationstag 2017 wurde übrigens ganz bewusst ausgewählt. Ist dies doch der Tag, an dem Martin Luther vor 500 Jahren seine 95 Thesen veröffentlichte und die Umwälzung der Kirche und unserer Gesellschaft einleitete. „Für mich war es eine unglaubliche Sache, in dem berühmten Berliner Dom drehen zu dürfen“, freut sich Regisseur Serdar Dogan im Gespräch mit dem SONNTAG. „Ich habe große Ehrfurcht vor diesem Gebäude.“

„Auf einer Wellenlänge“

Doch wie kam’s überhaupt zur Zusammenarbeit mit dem berühmten und bisweilen als exzentrisch verschrienen Schauspieler? Vermittelt hat den Kontakt kein Geringerer als Wolfgang Schmidt-Dahlberg, der mittlerweile über 80 Jahre alte legendäre Filmverleiher, der große alte Mann der Berliner Filmfestspiele. Schmidt-Dahlberg ist seit Dogans Kinofilm „Der achte Kontinent“ ein Fan des Karlsruhers und als er gemeinsam mit Ben Becker die Vision hatte, das Stück ins Kino zu bringen, brachte er den deutsch-türkischen Regisseur aus der Fächerstadt ins Gespräch. „Zum Glück waren Ben und ich sofort auf der gleichen Wellenlänge“, sagt Dogan.

„Große Herausforderung“

„Die Dreharbeiten waren eine große Herausforderung, denn wir wollten die geballte Energie des Theaterstücks auch im Film spürbar machen.“ Gleichzeitig musste man während der Dreharbeiten darauf achten, die jeweils rund 1 000 Zuschauer im Berliner Dom nicht abzulenken oder gar zu stören. „Ich bin total stolz auf mein Team von Sidekick Pictures“, sagt Dogan, der gemeinsam mit Ben Becker auch für den Schnitt des Films verantwortlich ist.

Nerv der Zeit getroffen

Mit „Ich, Judas – Einer unter Euch wird mich verraten!“ hat Ben Becker offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen und die Menschen zum Nachdenken angeregt. Seiner leidenschaftlichen und eindrücklichen Performance über Verrat und Gehorsam liegt der ebenso faszinierende wie provokative Text von Walter Jens „Die Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ zu Grunde. „Judas ist eine neue Dimension“, sagt Becker. „Er ist mehr als eine Rolle, eine Film- oder Theaterfigur: Judas ist eine Kampfzone, ein Schlacht- und Kraftfeld, aufgeladen mit der Verachtung und Feindseligkeit der Jahrtausende, einem mörderischen Hass, wie die Zeit immer wieder zeigt.“

Die Rolle des Verräters

Im Text von Walter Jens spricht Judas davon, dass er eine Rolle zu übernehmen hatte in einem abgekarteten Spiel – die Rolle des Verräters, des Bösen. Hat Becker selbst auch das Gefühl, dass fürs Publikum immer einer den Teufel spielen muss? „Im Theater ist der Teufel eine dankbare Figur“, sagt Becker. „Mephisto erscheint erst mal faszinierender als Faust. Und er ist bei allem Diabolischen immer auch der größere Spaßmacher. Bei Judas ist das anders. Seine Rolle ist nicht selbst gewählt, er wurde von Gottes Sohn dafür bestimmt. Während Jesus den Märtyrertod stirbt, erhängt sich Judas, ohne dass ihm dabei jemand zuschaut, ihn bedauert und betrauert. Den Judas in dieser Geschichte zu spielen, heißt eine Schuld anzunehmen, die das menschliche Maß übersteigt. An ihr muss man zugrunde gehen.“

„Keine Blasphemie“

Der am Theaterstück und Film beteiligte Dramaturg John von Düffel findet es „bemerkenswert, dass bei der sensationellen Aufführungsserie von ,Ich, Judas‘ eine Reaktion fehle: der Vorwurf der Blasphemie. „Weder von Kirchenseite noch von dem Gemeinde- oder Theaterpublikum gab es Stimmen, die beklagten, dass es ketzerisch sei, derart mit dem Christentum und seinen Überlieferungen ins Gericht zu gehen.“ Den großen und unerwarteten Erfolg des „Anti-Mainstream-Stücks“ führt von Düffel auf „eine regelrechte Sehnsucht der Zuschauer nach Inhalt und Substanz“ zurück. Er sieht hier „eine große, oft unerfüllte Bereitschaft nach einer existenziellen und intensiven Form der Auseinandersetzung mit den großen Themen.“

 

Info: Der Film „Ich, Judas“ des Karlsruher Regisseurs Serdar Dogan läuft vom 31. Oktober bis 2. November unter anderem in folgenden Kinos: Baden-Baden, Cineplex Filmcollier, Karlsruhe, Filmpalast am ZKM, Rastatt, Forum Rastatt.