Im Schloss Karlsruhe ging angeblich die "weiße Frau" um. Daran glaubte auch Johann Heinrich Jung-Stilling, der geistliche Berater von Großherzog Karl Friedrich. Denn es gab Zeugen... | Foto: abw

Theorie der Geisterkunde

Jung-Stilling und die „weiße Frau“ im Karlsruher Schloss

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Wieso geht im Karlsruher Schloss hin und wieder die „weiße Frau“ um? Warum erschreckt der Geist einer böhmischen Adeligen ausgerechnet in der Fächerstadt ehrbare Leute zu Tode? Und zwar in einem Gebäude, das zu ihren Lebzeiten noch gar nicht existiert hat? Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817) wusste Antworten auf all diese Fragen. Der geistige Berater des Großherzogs verfasste eine „Theorie der Geisterkunde“. Darin ging er auch auf den Spuck im Residenzschloss ein.

Johann Heinrich Jung genannt Stilling war Augenarzt, Wirtschaftsprofessor und religiöser Schriftsteller. | Foto: GS

Zeugen für das Erscheinen des Gespenstes

„Natur-, vernunft- und bibelmäßig“ wollte sich Jung-Stilling  mit dem Geisterglauben, der damals in Karlsruhe wilde Blüten trieb, auseinandersetzen. Das Rüstzeug dafür hatte der vielseitig gebildete Mann: Jung-Stilling war nicht nur ein religiöser Schriftsteller und evangelischer Laientheologe, sondern auch ein berühmter Augenarzt und Wirtschaftsprofessor. Umso mehr verblüfft, dass er die „weiße Frau“ keineswegs als Hirngespinst abtat: Christlich gesinnte und gelehrte Leute, die er persönlich kannte, hatten ihm von Begegnungen mit dem Gespenst erzählt – das gab den Ausschlag.

Eine böhmische Adelige spuckt in Karlsruhe

Die weiße Frau ging nicht nur in Karlsruhe, sondern auch in etlichen anderen Schlössern um. Mit der damals verbreiteten Meinung, dass es sich um eine Gräfin von Orlamünde handelte, brach Jung-Stilling: Viel wahrscheinlicher sei, dass es sich bei dem Gespenst um eine böhmische Adelige namens Bertha von Rosenberg handele, die um 1420 geboren wurde.

Jung-Stilling: „Ihr Ehebette wurde zum Wehebette“

Bertha wurde mit einem reichen Freiherrn von Lichtenstein in der Steiermark verheiratet – und erlebte ein Martyrium: „Ihr Ehebette wurde zum Wehebette“, schreibt Jung-Stilling. Nach dem Tod ihres Peinigers lebte Frau Bertha in Neuhaus in Böhmen, wo sie ein Schloss bauen ließ. Ihre „lieben Untertanen“ mussten dabei kräftig anpacken und haben wohl entsprechend gestöhnt. Immerhin „traktierte“ Frau Bertha die Leute nach Abschluss der Bauarbeiten mit „einer herrlichen Mahlzeit“. Sie versprach, dass es alle Jahre wieder einen solchen Schmaus geben solle.

„Im bitteren Groll gegen ihren Gemahl gestorben“

So weit so gut – aber warum fand Frau Bertha nach ihrem Tod keine Ruhe? Sieht man einmal von der zeittypischen Ausbeutung ihrer Untertanen ab, hat sie sich ja offenbar nichts zu schulden kommen lassen. Jung-Stilling sah den Grund darin, dass die Dame „mit bitteren Groll gegen ihren Gemahl gestorben“ sei. Dadurch habe sie sich von Gott entfernt: „Könnte sie den Quell der Liebe in sich eröffnen, so wäre ihr bald geholfen“, meinte Jung-Stilling: „Denn ihre übrigen Eigenschaften, besonders ihre Wohltätigkeit, lassen mich hoffen, dass sie einst in Gnaden angenommen werde“.

Ein Gespenst mit Familiensinn

Noch aber musste Frau Bertha umgehen. Am häufigsten, so Jung-Stilling, ließ  sich die weiße Frau  in böhmischen Schlössern, die von ihren Nachkommen bewohnt wurden, sehen. Weil aber einige Mitglieder ihrer Familie auch in die „Brandenburgischen, Badischen und Darmstädter Häuser“ vermählt worden seien, „so pflegt sie auch diese zu besuchen.“ Das erklärt die Stippvisiten des Gespenstes in Karlsruhe.

Spöttische Reaktionen auf die „Theorie der Geisterkunde“

Die „Theorie der Geisterkunde“ erschien 1808. Mit „großer Aufmerksamkeit, heftiger Kritik und sogar Spott“ habe das Publikum darauf reagiert, berichtet der Kirchenhistoriker Gerhard Schwinge. In Basel und Württemberg sei das Buch verboten worden.

Religiöser Schriftsteller

Schwinge hat seine Doktorarbeit über Jung-Stilling geschrieben und viel über den Erbauungsschriftsteller veröffentlicht. Der war durch seine Romane, Erzählungen und theologisch-moralischen Schriften zu einer Berühmtheit im protestantischen Deutschland geworden. In Russland, Amerika und den Niederlanden las man Übersetzungen von Jung-Stillings Werken.

Napoleon war für Jung-Stilling der „Antichrist“

Als Pietist wird Jung-Stilling oft bezeichnet, doch Schwinge hält „Patriarch der Erweckung“ für eher zutreffend. Der Erbauungsschriftsteller glaubte, in einer apokalyptischen Endzeit zu leben: Die Französische Revolution betrachtete er als Abfall von Gottes Ordnung. Und Napoleon – der war in seinen Augen der Antichrist.

Der „Patriarch der Erweckung“ stirbt 1817 in Karlsruhe

Nichtsdestotrotz verbrachte Jung-Stilling seine letzten Jahre in Baden – als loyaler Untertan und geistiger Berater eines Fürsten, der durch Napoleons Gnade erst zum Großherzog aufgestiegen war. Heute vor 200 Jahren ist Jung-Stilling in Karlsruhe gestorben.

Berühmter Augenarzt und Wirtschaftsprofessor

Aufgewachsen ist der 1740 geborene Johann Heinrich Jung (den Beinamen „Stilling“ nach den „Stillen im Lande“ legte er sich später selbst zu) im Nassauischen. Er schlug sich zunächst als Schulmeister und Schneider durch und schuftete, wenn das Geld nicht reichte, auch in der Landwirtschaft. Als 30-Jähriger begann er, Medizin in Straßburg zu studieren. Seine Doktorarbeit legte er schließlich zu einem wirtschaftswissenschaftlichen (!) Thema vor. Danach praktizierte Jung-Stilling als Augenarzt in Elberfeld. Er wurde bekannt als erfolgreicher Operateur von Patienten, die an Grauem Star litten. Später erhielt er einen Ruf als Wirtschaftsprofessor. Er lehrte in Kaiserslautern, Heidelberg und Marburg.

Immer in Geldnöten

Trotz seiner vielfältigen Aktivitäten und seiner Schriftstellerei schwebte der Familienvater, der 13 Kinder ernähren musste, ständig in Geldnöten. Das lag nicht zuletzt daran, dass der „echte Christ“ bei Augenoperationen, die er bis an sein Lebensende durchführte, von armen Patienten kein Honorar forderte.

Berater des badischen Großherzogs

Dem inzwischen 63-Jährigen dürfte das Angebot eines eifrigen Lesers sehr gelegen gekommen sein: Karl Friedrich von Baden wollte den frommen Schriftsteller „zur Förderung des praktischen Christentums“ als Berater mit dem Gehalt eines Hofrats in sein Land holen. Jung-Stilling kehrte daher 1803 ins mittlerweile badische Heidelberg zurück. 1806 zog er – zur persönlichen Betreuung des greisen Großherzogs – ins Karlsruher Schloss.

So wohnte Jung-Stilling bis zum Tod seines Dienstherrn an einem Aufenthaltssort der „weißen Frau“, die ihm selbst aber wohl nicht erschienen ist. Seinen Gespensterglauben konnte der fromme Mann ohne große Mühe mit seinen christlichen Überzeugungen vereinbaren.

Ein Geist wechselt die Konfession

Originell sind die Überlegungen Jung-Stillings zur Konfession des Gespenstes. Natürlich sei Bertha von Rosenberg Katholikin gewesen – sie lebte schließlich vor der Reformation. Doch den Katholizismus müsse ihr Geist „wohl abgelegt haben, weil sie gegen die protestantischen Familien so gut gesinnt ist.“ Richtig zornig werde die weiße Frau allerdings, wenn „jemand wider Gott und die Religion lästerliche oder unanständige Reden geführt hat“. Das habe man „gar oft gesehen“.

„Jung Stillings letzte Lebensjahre in Karlsruhe 1806 – 1817. Erinnerung anlässlich seines 200. Todestags“ heißt ein Vortrag von Gerhard Schwinge. Er ist am Mittwoch, 5. April 2017, um 19 Uhr im Museum für Literatur am Oberrhein in Karlsruhe zu hören (Prinz Max-Palais, Karlstraße 10). Der Eintritt zu der Veranstaltung der Goethe-Gesellschaft Karlsruhe in Zusammenarbeit mit der Literarischen Gesellschaft kostet für Gäste fünf Euro, der Eintritt für Studierende ist frei.

Der Referent Gerhard Schwinge aus Durmersheim ist promovierter Kirchenhistoriker. Über Jung-Stilling  hat er seine Doktorarbeit geschrieben und zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt. In seinem Vortrag geht Schwinge auch auf die Beziehung Jung-Stillings zu Goethe ein, der den „Patriarchen der Erweckung“ mehrfach – unter anderem 1815 in Karlsruhe – traf.

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