Lieben Fußball: Marcel Gauss aus Durlach (links) und Johannes Krivokuca aus Berghausen, beide 12, nahmen am Simon-Ollert-Camp für Kinder mit Hörverlust teil. | Foto: Spitz

Junge Fußballer mit Hörgeräten

Johannes und Marcel: Stark auch mit „Knopf im Ohr“

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Johannes ist zwölf. Genau wie Marcel, sein bester Freund. Sie gehen auf die Geschwister-Scholl-Realschule in Pfinztal-Berghausen und sind, natürlich, in der gleichen Klasse, nach den Ferien in der 6a. Marcel mag Sport und Geografie. Mathe finden beide gut. Genau wie die Pausen. Und erst recht die Ferien. Dann ist Zeit, um Fußball zu spielen. Das gefällt vielen Jungs in ihrem Alter. Wieso sollte das bei Johannes und Marcel anders sein?

Johannes und Marcel haben Hörgeräte

Was bei Johannes Krivokuca aus Berghausen und seinem Kumpel Marcel Gauss aus Durlach anders ist: Beide haben eine Hörminderung. Bei Johannes ist die auf dem linken Ohr „an Taubheit grenzend“, rechts „mittelschwer“. Er trägt links ein Implantat und rechts ein Hörgerät. Hörgeräte hat auch Marcel. Seine Höreinschätzung (links und rechts) beträgt etwa 50 Prozent. In der Schule wird das Verstehen mittels digitaler Höranlage, über ein Mikrofon, das die Lehrer am Hals tragen, unterstützt. Viel mehr brauchen die beiden Freunde da nicht.

Mit Hörgerät in den bezahlten Fußball

Aber Fußball und Hörgeräte – wie passt das zusammen? Gut, wie Simon Ollert beweist. Der heute 21-Jährige hatte es 2014 trotz seiner stark ausgeprägten Schwerhörigkeit bis in den Profi-Kader des Drittligisten Spvgg Unterhaching geschafft. Ollert war der zweite Deutsche nach Stefan Markolf (2007/2008) vom damaligen Zweitligisten FSV Mainz 05, dem mit diesem Handicap der Sprung in den bezahlten Fußball gelang. Obwohl Simon Ollert als taub gilt, ist eine sogenannte Resthörigkeit vorhanden, so dass er mit besonders leistungsstarken Hörgeräten doch hören kann. Nach eigenen Angaben versteht Simon Ollert in ruhiger Umgebung etwa 70 Prozent.

Simon-Ollert-Camp für Kinder mit Hörverlust

Gehörlosen beziehungsweise schwerhörigen Kindern und Jugendlichen möchte der Bayer mit seinem von dem Hörgerätehersteller Phonak unterstützten „Simon-Ollert-Camp“ helfen, ihren Fußballtraum zu verwirklich. In diesem Jahr zum dritten Mal fand das fünftägige Camp im oberbayerischen Ammertal statt, auch Johannes und Marcel waren – erstmals – dabei.

„Ich höre alles. Das ist eigentlich kein Problem“, erzählt Johannes. Handball spielt er bei der Turnerschaft Durlach, Fußball nur so nebenbei. „Mir gefällt ja beides gleich gut. Aber Schule und Handball lassen mir keine Zeit, um auch noch in einen Fußballverein zu gehen.“ Momentan jedenfalls. Doch Handball oder Fußball, das macht eigentlich keinen Unterschied. „Wenn es draußen laut wird, wenn die Trainer was zurufen, dann wird’s schwer für mich, etwas zu verstehen“, sagt Johannes. Ohne Hörgerät würde er bei taktischen Besprechungen nur wenig mitbekommen. „Aber die Trainer wissen das, machen mehr mit Handzeichen und ich schaue mehr.“

Marcel kickt beim TSV Reichenbach

Und wie ist es bei Marcel? „Wenn man mit mir normal redet, verstehe ich alles. Aber wenn es drumherum zu laut ist, dann nicht. Denn zu viele Nebengeräusche stören schon“, sagt der Zwölfjährige der bis letztes Jahr bei der Spvgg Durlach-Aue war. Inzwischen spielt er beim TSV Reichenbach. „Kreisliga. In der D-1“, sagt Marcel stolz und verrät: „Meine Hörgeräte ziehe ich beim Fußball nie an. Aber die Trainer wissen das schon.“

Fußball und Hörgeräte – das muss sich nicht ausschließen. Für Simon Ollert ist die Motivation doppelt so groß. Man könne auch etwas erreichen, wenn man ein Handicap habe, verdeutlichte er einmal bei einem „Kicker“-Interview. Und seiner Schwerhörigkeit begegnet Ollert mit Humor. Die könne manchmal ein Vorteil sein, zum Beispiel wenn die gegnerischen Fans einen ausbuhen. Im Alter von zwei Jahren wurde seine Hörminderung entdeckt. Für Fußball begeisterte er sich sehr zeitig, spielte mit seinem Opa im Garten und trat schließlich seinem Heimatverein bei.

Bewerbungsvideo gedreht

Auf unterschiedlichen Wegen haben Johannes und Marcel von dem Fußballcamp erfahren, ihr Bewerbungsvideo dafür gedreht und einen der begehrten Plätze bekommen. „Das war vielleicht eine Überraschung, als ich da plötzlich Marcel sehe“, erzählt Johannes. Dass die zwei dicken Freunde, die sonst auch fast alles gemeinsam machen, dann noch zusammen im Zimmer waren, machte das Glück perfekt. Die Camp-Teilnehmer wohnten übrigens im Ettaler Kloster-Internat; auch das eine besondere Erfahrung.

Simon Ollert will Selbstvertrauen mitgeben

„Das war alles sehr professionell“, sagt Mirko Krivokuca, der Vater von Johannes. Die Organisation hat ihn beeindruckt. „Was man trotz dieser zwei Geräte im Ohr machen kann, das war die Intention“, verdeutlicht er. „Nicht aufgeben, ihr seid trotzdem stark, auch wenn ihr Schwächen mit den Ohren habt“, das versuchte Simon Ollert den 29 Teilnehmern, darunter vier Mädchen, im Alter zwischen neun und 16 Jahren mit auf den Weg zu geben. Denn ein Grundsatz, der das Camp maßgeblich prägt, ist: „Wenn man etwas will, dann schafft man es auch“. Ob Ballgefühl oder fußballerisches Geschick, „wir haben viel trainiert. Ich habe gegen ältere gespielt und habe einiges gelernt“, erzählt Marcel.

Ollert macht den Kindern Mut

Simon Ollert macht den Kindern Mut. Er will ihnen und ihren Eltern zeigen, dass sie großes Potenzial haben und dass man damit arbeiten kann. Dabei geht es um Ballgefühl und fußballerisches Geschick. Die Teilnehmer können lernen, sich mit anderen zu messen und so im spielerischen Rahmen Selbstvertrauen  gewinnen, oder sogar, dass man sein ganz großes Ziel, Profifußballer zu werden, tatsächlich erreicht – durch Willenskraft und Hingabe. Und in diesem Fall auch noch trotz hochgradigem Hörverlust.

Trikot mit Autogramm

Am Ende des Camps gab’s ein Trikot mit Autogramm von Simon Ollert für alle Teilnehmer. „Simon ist  sympathisch, ein cooler Typ“, schwärmen Johannes und Marcel. Nächstes Jahr möchten sie auf jeden Fall wieder dabei sein. „Ja“, sagt Johannes, „das habe ich fest eingeplant.“

Fußballer Simon Ollert (21) ist seit der Geburt auf beiden Ohren taub. Er kam 2012 von einem unterklassigen Verein zur Jugend der Spvgg Unterhaching. Mit 17 unterschrieb er in Unterhaching seinen ersten Profivertrag, im September 2014 bestritt er für die Spvgg gegen Arminia Bielefeld seine erste Profi-Partie in der Dritten Liga. In der Saison 2016/2017 spielte Ollert für den FC Ingolstadt II in der Regionalliga Bayern. Die Hinrunde der Saison 2017/18 absolvierte der Mittelstürmer in der Regionalliga Bayern beim FC Memmingen, in der Winterpause schloss er sich dem SV Pullach (Bayernliga Süd) an. – Nach Stefan Markolf, der unter Trainer Jürgen Klopp 2007/08 achtmal für den damaligen Zweitligisten FSV Mainz 05 auflief, war Ollert der zweite Deutsche, der es mit diesem Handicap in den bezahlten Fußball schaffte. – Simon Ollert möchte gehörlosen und schwerhörigen Kindern und Jugendlichen helfen, ihren Fußball-Traum zu verwirklichen. Deshalb hat er 2016 mit Unterstützung der Hörgeräretefirma Phonak das Simon-Ollert-Camp ins Leben gerufen. Unterstützt wird das Camp unter anderem vom ehemaligen Fußball-Weltmeister Lothar Matthäus.