In der Rolle der Rebellin gefällt sich Sandra Schlensog. Auch wenn sie sich eigentlich als schüchtern bezeichnet. | Foto: Michael M. Roth

Gespräch mit Spahn-Kritikerin

Kämpferin für die Gerechtigkeit

Das Poltern hat sie am meisten gestört. Dass ein großer, mächtiger Mann Sätze sagt, die den Betroffenen wehtun. Sätze wie „Hartz IV bedeutet nicht Armut“. Oder „Mit Hartz IV hat jeder das, was er zum Leben braucht.“ Sätze, die zur Stigmatisierung beitragen, sagt die Karlsruherin Sandra Schlensog. Gesagt hat diese Sätze Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Und Schlensog ist seit ihrer Online-Petition auf der Internet-Seite change.org die wahrscheinlich berühmteste Kritikerin des CDU-Politikers. Sie hatte Spahn herausgefordert, es doch selbst einmal zu versuchen und einen Monat von Hartz IV zu leben. Das wird er nicht tun, aber er wird sich mit seiner Herausforderin treffen, Ende des Monats, in Sandras Heimatstadt.

Wie sieht ein Hartz-IV-Empfänger denn aus?

„Gerechnet habe ich damit ehrlich gesagt nicht“, sagt die alleinerziehende Mutter und rührt in ihrem Kaffee. Sie trägt eine leuchtend grüne Jacke und ist kleiner und zierlicher als ihre Stimme am Telefon vermuten lässt. Es ist keine leise Stimme, sondern eine, die sehr laut und deutlich werden kann. Die Sonne scheint an diesem Donnerstagnachmittag, der Außenbereich des Cafés auf dem Karlsruher Gutenbergplatz ist fast voll besetzt. Mal eben einen Kaffee bestellen, für Sandra ist das keine Selbstverständlichkeit. Sie lebt von Hartz IV, hat einen zehnjährigen Sohn. „Natürlich kann man davon leben, ich habe genug zu essen, ein Dach über dem Kopf und eine Heizung“, sagt sie. Was aber hinter einem Leben mit Hartz IV stecke, der Kampf mit Behörden und Bürokratie zum Beispiel, das sehe jemand wie Jens Spahn nicht. Das stört sie – genau wie die Stigmatisierung. „Als ich plötzlich in der Öffentlichkeit stand, sagte eine Bekannte zu mir, sie habe gar nicht gewusst, dass ich von Hartz IV lebe“, sagt Schlensog. „Ich würde gar nicht so aussehen.“ Das hat die alleinerziehende Mutter sehr getroffen. „Wie sieht ein Hartz-IV-Empfänger denn aus?“

Ich war schon immer eine Rebellin

Eigentlich will sie gar nicht in der Öffentlichkeit stehen, das liegt ihr nicht. Ein Pressetermin jagt zur Zeit den nächsten, vor ein paar Wochen war sie in der ARD-Sendung „Hart aber fair“ zu sehen. Sie tut solche Dinge, weil sie merkt, dass sie tatsächlich etwas bewegen kann. Mittlerweile ist sie für viele zu einer Art Leitfigur geworden, eine Kämpferin und Rebellin, die es wagt, mit den Mächtigen aus Berlin zu streiten. „Ich bekomme viele Briefe von Menschen, die fragen, ob ich ihnen nicht helfen kann.“, erzählt sie. „Aber das kann ich so nicht.“ Ihre Rolle gefällt ihr dennoch: „Ich war schon immer eine Rebellin, habe früh für Gerechtigkeit gekämpft.“ Und doch habe sie sich in den vergangenen Wochen noch einmal ganz neu kennengelernt. „Ich bin eigentlich ein ruhiger, schüchterner Mensch.“ Jetzt aber müsse sie laut sein. „Aber das“, sagt sie, „gibt mir auch Selbstvertrauen.“

Kindheit in der DDR

Geboren wird Sandra Schlensog auf der Insel Usedom, erlebt eine Kindheit und Jugend in der DDR. Nach Karlsruhe kommt sie vor rund zehn Jahren – der Liebe wegen. „Aber irgendwie bin ich immer noch eine ,Neigschmeckte‘“, sagt sie und lacht. Ein bisschen Badisch kann sie mittlerweile. Heute ist sie vom Vater des Kindes getrennt. Einen Job zu finden sei als Alleinerziehende noch schwieriger, und Sandra möchte wieder arbeiten, unbedingt. Sie könnte sich gut vorstellen, als Bürokauffrau im sozialen Bereich tätig zu sein. Mit Menschen arbeiten, das liegt ihr. Nächste Woche hat sie wieder einen Termin im Jobcenter. Sie ist guter Dinge.

Sandra Schlensog wird auf der Straße erkannt

Seitdem sie in der Öffentlichkeit steht, kommen auch unabhängig davon Angebote. So fragte sie kürzlich ein Karlsruher Anwalt: „Warum haben Sie sich denn noch nicht bei uns beworben?“ Das will sie jetzt auf jeden Fall machen. Generell wird sie häufig auf der Straße erkannt in diesen Tagen. Meist sind es sehr nette Begegnungen.

Treffen mit Spahn am 28. April

Dem Treffen mit Jens Spahn am 28. April blickt sie gespannt entgegen. „Natürlich bin ich aufgeregt“, gibt die 40-Jährige zu. Gleichzeitig sage sie sich immer, dass Spahn auch einfach ein „normaler Mensch“ sei: „So komme ich am besten klar.“ Was sie sich erhofft? Dass er ihr zuhört und sich am Ende wirklich für die Belange der Bürger einsetzt. Parallel dazu plant Schlensog eine Demonstration in Karlsruhe, die am Platz der Grundrechte enden soll.

Was ich mir wünsche? Gerechtigkeit.

„Gerechtigkeit“ ist auch das, was sie sich wünscht. Nicht nur für sich selbst, für jeden. Und sonst? Eigentlich brauche sie wenig, sagt Schlensog. Auf Kosten anderer ins Kino gehen oder in Urlaub fahren, das käme für sie nicht in Frage. „Aber sicher gibt es Dinge, die ich toll finde.“ Kulturinteressiert ist sie. „Das Ballett Carmina Burana im Staatstheater, das wäre schon was“, sagt die Frau, die sich keinen Luxus leistet – nur einen: Kater Finn. „Auf den möchte ich nicht verzichten.“

Die nächsten Wochen werden turbulent, da ist sich Schlensog sicher. Und auch nach dem 28. soll es weitergehen. „Vielleicht gründe ich einen Verein“, überlegt sie. Politisch engagiert ist sie bereits in der Partei „Demokratie in Bewegung“.

Engagiert Euch. Und seid laut.

Der Kaffee ist ausgetrunken. Schlensog macht sich auf den Weg nach Hause. „Wir können und wir müssen etwas bewegen“, sagt sie noch. Deswegen lautet ihr Appell: „Engagiert Euch, seid laut – miteinander, nicht gegeneinander.“ Dann geht sie. Die zierliche Rebellin mit der lauten Stimme.