Anton war der Superstar unter den Karlsruher Eisbären. Im Frühling/Sommer 1990 entzückte der verschmuste Petz die Zoobesucher und die Tierpfleger gleichermaßen. | Foto: Schlesiger / Stadtarchiv Karlsruhe

Seit 25 Jahren keine Babys

Karlsruher Eisbären: Kap der guten Hoffnung

Kap aus dem Tierpark Neumünster ist mit seinen 16 Jahren im besten Eisbärenalter. Und er hat „wertvolle Gene“.  Beides ist aus Karlsruher Sicht sehr erfreulich. Denn der derzeit als Single lebende Kap soll der neue Zucht-Bär im Zoo der Fächerstadt werden und für kleine Eisbären sorgen. Noch vor Ostern soll Kap umziehen, sagt Verena Kaspari, die zoologische Leiterin in Neumünster.

Kap im Tierpark Neumünster.
Kap im Tierpark Neumünster. | Foto: Verena Kaspari

Karlsruhe war einst berühmt für seine Zuchterfolge mit Eisbären

In Karlsruhe wird Kap der Eisbärendame Nika seine ganze Aufmerksamkeit widmen können. Denn Nikas derzeitige Mitbewohner, der zeugungsunfähige Vitus und die in die Jahren gekommene Larissa, beziehen in Kaps ehemaligem Revier eine Art Seniorenresidenz.

Mit dem geplanten Tauschgeschäft sind beide Zoos, der badische wie der holsteinische, hoch zufrieden. In Neumünster, weil man künftig mit zwei Bären aufwarten kann. Und in Karlsruhe, weil man endlich wieder an die Zuchterfolge anknüpfen will, für die der Zoo einst berühmt war.

Seit 25 Jahren ist in der Fächerstadt kein Eisbären-Baby mehr zur Welt gekommen.

Nanuks Harem im Karlsruher Zoo 1967 bis 1983

Die alte Eisbären-Herrlichkeit beginnt im Dezember 1978. Zwei Bärinnen aus der sechsköpfigen Karlsruher Eisbären-Gruppe bekommen Junge. Vater der kleinen Petze ist Nanuk. Er war 1967 mit seinem Harem aus Moskau nach Karlsruhe in das zur Bundesgartenschau eröffnete Gehege für die Eisbären gezogen. Zoodirektor Karl Birkmann ist überwältigt: „Zum ersten Mal nach elf Jahren“ kann er Nachwuchs vermelden.

Birkmanns Nachfolger Anton Kohm hat dieses Vergnügen häufiger: 1980 kommen Pim und Pammel zur Welt. 1981 gebären Nina, Nadine und Silke je ein Junges. Und 1982 erblicken zwei Zwillingspärchen und ein „Einzelkind“ das Licht der Welt.

Die kleinen Eisbären werden ihren Müttern früh weggenommen

Die freudigen Ereignisse finden stets im November oder Dezember statt, doch der Zoo unterrichtet die Öffentlichkeit immer erst einige Wochen später – wenn die „kritische Zeit“ überstanden ist. Relativ früh, so gegen Ende März, nehmen die Tierpfleger den Müttern ihre Babys weg und ziehen sie in einer „Kindergruppe“ auf.

In der Natur „führen“ Bärinnen ihre Jungen zwar etwa drei Jahre – aber solange sie sich um ihren Nachwuchs kümmern, werden die Damen nicht „bärig“: Sie lassen kein Männchen an sich ran. Und in Karlsruhe kann man gar nicht genug bekommen von den Eisbären-Babys. In den frühen 1980er Jahren werden sie meist vor ihrem ersten Geburtstag verkauft: an Zoos, aber auch mal an einen Zirkus.

Die Damen fallen über Nanuk her

Doch nach zwölf Babys kommt 1983 die Produktion ins Stocken: Bei einem Deckungsversuch fallen seine fünf Frauen über Nanuk her. Er frisst kaum noch. Im September wird er eingeschläfert.

Willi steigt in die Kiste 1984 bis 1987

Hat die Karlsruher Eisbärenzucht noch eine Chance? In ganz Europa ist kein zuchtfähiger Eisbärenmann abzugeben. Doch Anton Kohm hat gute Kontakte zum Westberliner Zoo – dort lebt der zwölfjährige Willi. Den kann Kohm im April 1984 zumindest ausleihen.

Eisbär Willi.
Eisbär Willi. | Foto: Schlesiger / Stadtarchiv Karlsruhe

Erfolgreiches Wirken

Die Karlsruher Eisbärinnen verpassen Willi erst einmal Backpfeifen, doch dann gelingt es ihm, sich lieb Kind zu machen. Im Oktober wird Willi wieder nach Berlin verfrachtet. Dass sein Wirken erfolgreich war, erfahren die Karlsruher im Februar 1985: Fünf Babys sind zur Welt gekommen. Sie werden im Herbst nach Berlin gebracht, wo sie aufwachsen sollen.

Von nun an steigt Willi regelmäßig in die Kiste, in der er zwischen Karlsruhe und Berlin pendelt. Meist mit dem gewünschten Erfolg.

Zoff unter Eisbären

Ein zärtlicher Liebhaber ist Willi nicht: Der Eisbärin Silke versetzt er einmal einen bösen Kinnhaken. Ihr Kiefer bricht – damit sie überhaupt noch fressen kann, werden ihr Edelstahlplatten implantiert.

Im Herbst 1987 will der Karlsruher Zoo mit einer ferngesteuerten Videokamera erstmals Eisbärengeburten in der Wurfhöhle filmen. Ausgerechnet in diesem Winter gibt es keine Babys.

Zwischenspiel mit Frisson 1988

Willi hat versagt, er soll ausgemustert werden. Eisbär Frisson aus dem Zoo in Mülhausen zieht nach Karlsruhe. Die Weibchen reagieren mit Beiß- und Kratzattacken auf die Anmache des „Franzosen“. Einen Monat später ist Frisson tot – er stirbt an einer Blutvergiftung, die wohl Folge einer Bisswunde ist.

Willi will’s wissen 1988 bis 1995

Jetzt steigt Willi in Berlin doch wieder in die Kiste und reist – über DDR-Gebiet – nach Karlsruhe. „An der Grenze kennen die ihn schon. Der wird bevorzugt abgefertigt“, sagt Kohm.

Willi beweist, dass er immer noch der Größte ist. Im November/Dezember 1989 werden vier Eisbären geboren – darunter ein Junge, der am Geburtstag des Zoodirektors zur Welt kommt und daher wie dieser Anton genannt wird.

Die Karlsruher Eisbärdame Silke mit ihrem drei Wochen alten Baby „Anton“, Willis berühmtesten Sohn.
Die Karlsruher Eisbärdame Silke mit ihrem drei Wochen alten Baby „Anton“, Willis berühmtesten Sohn. | Foto: Schlesiger / Stadtarchiv Karlsruhe

Anton – der Star unter den Karlsruher Eisbären

Anton wird mit der Flasche hochgepäppelt, weil Mutter Silke seinen Bärenhunger nicht stillen kann. Das verschmuste Sorgenkind avanciert zum Publikumsliebling und zum Fernsehstar.

Im Herbst 1990 zieht Anton in die Stuttgarter Wilhelma um. Anders als Anton Kohm hofft, wird sein Liebling nicht als Zuchtbär nach Karlsruhe zurückkehren. Der Bär sorgt in der Landeshauptstadt für Nachwuchs. Dort stirbt er 2014, nachdem er eine Jacke geschluckt hat.

Die letzten beiden Kinder Willis, der 1995 aufs Altenteil geschickt wird, kommen Ende 1991 zur Welt.

Eine Pflegerin hört ihr Winseln in der Wurfhöhle am Silvestertag – dem letzten Arbeitstag von Anton Kohm als Zoodirektor. Clemens Becker, der kommissarische Zooleiter, sorgt dafür, dass die Eisbären-Babys länger als in Karlsruher Zoo bisher üblich die natürliche Mutterliebe genießen dürfen. Bei menschlichen Pflegeeltern bestehe die Gefahr einer Fehlprägung, sagt Becker.

Die Tragödie von Nürnberg 2000

Es soll künftig überhaupt alles viel besser und natürlicher zugehen bei der Karlsruher Eisbärenzucht – daher wird auch das Eisbärengehege zum „Lebensraum Wasser“ umgestaltet.

Wegen der Bauarbeiten erhält die Karlsruher Zuchtgruppe 1999 Asyl im Nürnberger Zoo – dort kommt es zur Tragödie. Ein Unbekannter öffnet im März 2000 die Tür zum Bärengehege. Die vier Gäste aus Karlsruhe, Eisbärmann Yukon und drei Weibchen, büxen aus. Sie werden erschossen, um die Zoobesucher vor den gefährlichen Raubtieren zu schützen.

Als der „Lebensraum Wasser“ wenige Monate später fertiggestellt ist, stehen weltweit keine Jungtiere zur Verfügung. Mit zwei alten Eisbärendamen aus Rotterdam wird das Gehege am Lauterberg schließlich eröffnet.

Baby-Pause bei den Karlsruher Eisbären  1992 bis heute

Das erste Jungtier, das 2001 in die neue Karlsruher Anlage einzieht, ist – Eisbär Kap aus Russland, gerade mal ein Jahr alt. Er soll aber nur vorübergehend in der Fächerstadt bleiben. Wenig später trifft der gleichaltrige Vitus aus Rostock ein. Ihn hat man als neuen Karlsruher Zuchtbären ausgeguckt.

Die halbstarken Jungs erhalten 2002 Gesellschaft durch die einjährige Nika aus Wien. 2003 kommt die knapp 13-jährige Larissa aus Rotterdam hinzu. Nachdem Kap 2004 nach Neumünster umzieht, lebt Vitus mit seinen zwei Damen in schöner Harmonie. Nur der sehnlich erhoffte Kindersegen stellt sich nicht ein. Wie man inzwischen weiß, ist Vitus zeugungsunfähig.

Hoffnungsträger Kap

Mit dem „Kap der guten Hoffnung“ könnte im Karlsruher Zoo ein Neuanfang gelingen. Zwar kann sich der Eisbär aus Neumünster nicht wie einst Nanuk und Willi mit einem ganzen Harem vergnügen. Aber mit Nika hat er sich schon als Kind gut vertragen.

Und bei einem Wiederaufflammen dieser „Sandkasten-Liebe“ stehen die Chancen auf Nachwuchs gut: Berliner Experten haben Kap auf seine Fruchtbarkeit hin untersucht – mit positivem Ergebnis.

Wissenswertes über die Eisbärenzucht in Zoos lesen Sie hier.

Und hier geht es zum früheren BNN-Bericht über den Eisbärentausch zwischen Karlsruhe und Neumünster: