PFLEGE
Pflege in der Wohnung derer zu leisten, die sie brauchen, ist die Spezialität von Sandra Marosevic (rechts). Ein Pilotprojekt der Stadt Karlsruhe mindert den Zeitdruck für die Pflegekraft und die Menschen, die sie betreut – wie dieses Ehepaar in Mühlburg. | Foto: jodo

Modellprojekt

Karlsruhe geht in der Pflege neue Wege

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Das Karlsruher Pilotprojekt „Innovative Pflege“ verschafft Pflegebedürftigen und Pflegefachkräften ein kostbares Mehr an Zeit. 30 Minuten zusätzlich in jeder Woche kann die Pflegekraft verwenden, um einen betreuten Menschen individuell zu unterstützen. Seit Herbst läuft der bundesweit beachtete Modellversuch.

Die Pflegefachkräfte machen Mittagstisch-Angebote ausfindig, organisieren ehrenamtliche Hilfe oder beleben alte Kontakte neu. Ziel ist, dass alte Menschen länger und dennoch gut versorgt in den eigenen vier Wänden leben können.

Zeit für ganz persönliche Pflege

Ein Glas Wasser, die lebenswichtigen Tabletten, vielleicht eine Injektion: Dass Sandra Marosevic auf ihrer Tour durch Mühlburg zuverlässig täglich kommt und weiß, worauf es ankommt, ist unverzichtbar für die pflegebedürftigen Menschen. Jeder Handgriff sitzt, und das ist auch nötig. Denn wie überall in Deutschland folgen die Besuche der Pflegefachkraft einem straffen Takt.

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Drei bis vier Minuten – dann ist die Stippvisite oft schon vorbei. Raum für ein persönliches Gespräch sieht das System nicht vor. Das soll in Karlsruhe jetzt anders werden. „Innovative Pflege“ heißt das Pilotprojekt der Stadt, das bundesweit beachtet wird und darauf abzielt, dass auch Zeit für soziale Unterstützung bleibt und finanziert wird.

Patientenschützer für Anspruch auf Platz zur Kurzzeitpflege
Drei bis vier Minuten – dann ist die Stippvisite oft schon vorbei. Raum für ein persönliches Gespräch sieht das Pflegesystem nicht vor. Das soll in Karlsruhe jetzt anders werden. | Foto: Oliver Berg/dpa

In einer Wohnung widmet sich Sandra Marosevic erst der Ehefrau und dann dem Ehemann. Das Paar nimmt teil an dem Pilotprojekt, das bei den Paritätischen Sozialdiensten Karlsruhe unter dem Titel „Neue Pflege“ umgesetzt wird. Seit rund fünf Monaten können die Pflegekräfte, die an dem Programm teilnehmen, mit den Pflegebedürftigen regelmäßig zusätzliche Besuche verabreden.

Wir versorgen erst, dann besuchen wir

Pflegedienstleiterin Mila Bajusic

Das sind Extratermine im Anschluss an die reguläre Pflegetour. Sie sind frei von den üblichen Versorgungsaufgaben, vor allem aber sind es Begegnungen, bei denen nicht ständig die Uhr im Hinterkopf tickt. „Wir versorgen erst, dann besuchen wir“, erklärt Mila Bajusic, die Pflegedienstleiterin, das Prinzip.

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30 Minuten extra pro betreuter Person und Woche – das mag wirken, als sei es nicht viel. Doch es hat eine neue Dimension im Pflegealltag eröffnet. Seit es diese Zeit zusätzlich gibt, weiß Sandra Marosevic viel mehr als früher über die ihr anvertrauten Menschen. Bereitwillig erzählen die meist alten Frauen und Männer aus ihrem Leben – nicht selten so, als hätten sie schon lange auf diese Chance gewartet. Sie berichten von Schönem und Schicksalhaftem. Manche teilen mit der Pflegerin Sorgen und Kummer, stellen Fragen, lassen sich beraten.

Plötzlich dürfen und sollen sich Sandra Marosevic und ihre Kolleginnen auch um Privates kümmern. Bisher galt das als unprofessionell, als „Einmischung“, erklärt Esther Gräfenecker. Sie gestaltet das Coaching für das Pflegeteam, auch das ein Novum und Teil des Pilotprojekts.

Konzept „Neue Pflege“ macht das Angebot vielseitiger

Im Konzept „Neue Pflege“ geht es darum, Menschen möglichst umfassend zu betreuen. Die Pflegefachkräfte machen nun Mittagstisch-Angebote ausfindig, organisieren ehrenamtliche Hilfe, frischen eingeschlafene Kontakte auf zur Familie, Freunden, einem früheren Hobby. Umfassender, früher und vielseitiger kommt das Angebot – alles mit dem Ziel, dass alte Menschen länger und dennoch gut versorgt in den eigenen vier Wänden leben können.

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Ein Ziel des Pilotprojekts in Karlsruhe ist auch, „dass Pflegekassen sich engagieren, wo es jetzt die Stadt tut“, erklärt Alfred Dietz, der Leiter des Sozialamts Karlsruhe. Zwei Jahre lang finanziere die Kommune das Projekt, mit bis zu 100.000 Euro pro Jahr. „Dann muss die Stadt aufhören, weil es nicht zu ihren Aufgaben gehört.“

Die Zeit ist reif für diese Diskussion

Alfred Dietz, Leiter des Sozialamts Karlsruhe

Dietz freut die „breite Zustimmung“ im Gemeinderat. Er sieht den richtigen Zeitpunkt fürs kommunale Vorpreschen gekommen. Immerhin wurden in den Niederlanden aufgrund guter Erfahrungen Gesetze entsprechend geändert. Dreh- und Angelpunkt ist die Frage: Wie viel darf Pflege kosten? „Die Zeit ist reif, diese Diskussion zu führen“, meint Dietz.

Zur Verbesserung in der Pflege gehört auch, den Beruf wieder attraktiver zu machen. Die Bundesregierung will das mit ihrer Reform der Pflegeausbildung erreichen. Der Karlsruher Weg räumt Pflegefachkräften mehr Autonomie ein, um sie nicht durch Überlastung „ausbrennen“ zu lassen. „Wir wollen, dass sowohl die Gepflegten als auch die Beschäftigten mehr von der ambulanten Pflege haben“, fasst es Dietz kurz. Setze Unterstützung früh und wirksamer an, wachse der Pflegebedarf unter dem Strich zudem langsamer.

„Das Geschäftsmodell rechnet sich“, ist Dietz überzeugt. „Wir wollen es den Entscheidern schwer machen, so ein Modell einzustampfen.“

Innovative Pflege
Mit dem Pilotprojekt „Innovative Pflege“ strebt die Stadt an, dass die Arbeit von Pflegekräften attraktiver wird und sich stärker an Bedürfnissen der Menschen orientiert, die Pflege brauchen. Vorbild ist der ambulante Pflegedienst Buurtzorg (auf deutsch: Nachbarschaftshilfe) in den Niederlanden.
Kern des Karlsruher Projekts ist, dass wöchentlich eine halbe Stunde zusätzlich individuell nutzbare Zeit pro Person zur Verfügung steht. Für die Umsetzung ausgewählt wurden die Arbeiterwohlfahrt Karlsruhe sowie die Paritätischen Sozialdienste, bei denen das Konzept „Neue Pflege“ heißt.