Protest
Tempo 30 gegen Verkehrslärm von der Eckener Straße ist den Anwohnern seit 2016 versprochen. Zuletzt forderten sie mit Jutta Schneider vom SPD-Ortsverein Daxlanden-Grünwinkel-Mühlburg und SPD-Stadtrat Michael Zeh (Dritte und Zweiter von links), die Stadt solle sie nicht länger warten lassen. | Foto: jodo

Lärm kostet Anwohner Nerven

Karlsruhe setzt auf mehr Tempo 30

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Um Anwohner von Hauptverkehrsstraßen besser vor Verkehrslärm vor ihrer Haustür zu schützen, schlägt die Stadt Karlsruhe einen neuen Kurs ein. Sie nutzt ihren gewachsenen Handlungsspielraum und verschärfte Dezibel-Richtwerte, um auf 17 belasteten Abschnitten Tempo 30 anzuordnen.

Der neue Kurs bringt Chancen für schnellere Abhilfe an Hauptverkehrsstraßen. Auf dem Weg, Verkehrslärm zu mindern, kommt die Stadt aber nur langsam voran. Von 37 Maßnahmen, die schon vor drei Jahren beschlossen wurden, hat sie bisher erst 18 umgesetzt.

Lkw lassen Dachgeschoss vibrieren

Donnert ein Schwertransporter durch die Eckener Straße, vibriert das Dachgeschoss. Dabei wohnen Jutta und Reinhard Schneider in einer Seitenstraße. Direkt an der vierspurigen Hauptverkehrsstraße spürt ein zugezogenes Paar mit Baby die Verkehrsbelastung noch stärker. Die Situation habe sich in den zurückliegenden zehn Jahren extrem verschärft, erzählt Rainer Schulze, ein anderer Anwohner. Im Garten entspannen könne er nicht mehr: „Nach einer Viertelstunde habe ich die Nase voll.“

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Versprochen ist Tempo 30 seit drei Jahren

Tempo 30 gegen Verkehrslärm von der Eckener Straße ist den Anwohnern seit 2016 versprochen. Zuletzt forderten sie mit Jutta Schneider vom SPD-Ortsverein Daxlanden-Grünwinkel-Mühlburg und SPD-Stadtrat Michael Zeh, die Stadt solle sie nicht länger warten lassen.

Elf Hotspots in puncto Verkehrslärm

Eckener und Rheinhafenstraße sind in puncto Verkehrslärm bekannte Problemstrecken. Der Lärmaktionsplan listete sie schon 2015 explizit als zwei von insgesamt elf Hotspots in der Stadt auf. Bürger klagten schon damals auch über die Autobahnen, die Herrenalber Straße in Rüppurr, die Rittnertstraße in Durlach sowie die Kriegsstraße als Quellen großer Lärmbelastung.

Der Gemeinderat beschloss im Juli 2016, innerhalb von fünf Jahren zunächst auf 37 Straßenabschnitten Lärm zu mindern, etwa durch lärmarmen Belag (17 Abschnitte), stationäre Blitzer oder Tempolimits. Jetzt, im dritten Jahr der Abarbeitung, sind 18 Maßnahmen des Katalogs umgesetzt, darunter 13 lärmmindernde Beläge. Sechs Maßnahmen folgen aktuell oder in Kürze. Die übrigen 13 Maßnahmen würden bis 2021 absehbar auch realisiert, so die Stadt.

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Anwohner müssen warten

Die Anwohner der Eckener Straße müssen mehr Geduld als andere haben, weil die Bahnhaltestelle im problematischen Straßenabschnitt verlegt und barrierefrei gestaltet wird. Das wird zusammen mit besserem Lärmschutz in einem Aufwasch erledigt. Das spart Kosten und Baustellenärger.

Limit wird ausgedehnt

Schon angeordnet ist Tempo 30 in der Kriegsstraße bei der Weltzienstraße. Nun soll das Limit auch zwischen Weinbrennerplatz und Reinhold-Frank-Straße Lärm mindern.

Tempolimit
Tempo 30 gilt schon in diesem Abschnitt der Kriegsstraße bei der Weltzienstraße. Nun soll das Limit auch zwischen Weinbrennerplatz und Reinhold-Frank-Straße Lärm mindern. | Foto: jodo

Seit offiziell anerkannt ist, dass Lärm gesundheitsschädlich ist, fordern betroffene Karlsruher immer energischer Maßnahmen gegen Verkehrslärm vor ihrer Haustür. Ihre Aussichten auf Erfolg sind stark gewachsen. Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hat Kommunen jüngst Lärmschutzmaßnahmen zugestanden, sobald die standardisierte Berechnung für Tagstunden 65 statt bisher 70 Dezibel ergibt. Nachts liegt der Wert nun bei 55 statt 60 Dezibel. Zusätzlich wurde die Macht des Regierungspräsidiums Karlsruhe beschnitten. Es hat nicht mehr das letzte Wort, wenn eine Kommune rein zum Lärmschutz Tempo 30 anordnen will.

Neue Spielregeln wecken Hoffnung

Für die Stabsstelle Lärmschutz im Amt für Umwelt und Arbeitsschutz der Stadt Karlsruhe geht die Arbeit gerade erst richtig los. Im Licht der geänderten Spielregeln sind viele Lärm-Schwerpunkte im Straßennetz neu zu bewerten. Dazu kommt die Aufgabe, widersinnig kurze Lücken zwischen Tempo-30-Abschnitten zu schließen. Ein wichtiger Aspekt ist auch, Verkehr nicht auf Parallelstrecken zu verlagern.

Wir können nicht einfach handeln, wie wir wollen

Bevor ein Lärmschutz-Ansatz Realität wird, durchläuft er einen dicken Prüfkatalog. „Wir können nicht einfach handeln, wie wir wollen“, erklärt Norbert Hacker, der Leiter des Amtes für Umwelt und Arbeitsschutz. Dreh- und Angelpunkt ist die Lärmkartierung aufgrund von Verkehrszahlen und Kulisse.

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Gerichte akzeptieren keine Messwerte

Es geht auch darum, möglichst wenig juristisch anfechtbar zu sein. Gerichte akzeptieren nur Dezibel-Berechnungen: Messwerte kann man wegen schwankender Bedingungen nicht miteinander vergleichen. Übrigens sind bei Sanierungen im Bestand weit höhere Lärmwerte zulässig als bei Neubau, erklärt Hacker mit ausdrücklichem Bedauern.

Perspektiven nach dem Kombibau

Was sind nun die Perspektiven? Wo noch der Kombibau läuft, rückt ab 2021 Lärmschutz für Anwohner in den Blick. Er wurde bewusst auf die Zeit nach dem großen Buddeln vertagt, bei der Fortschreibung des Lärmaktionsplans 2016 ebenso wie beim Nachschlag von 17 Zusatzmaßnahmen, den der Gemeinderat in der letzten Sitzung des Jahres 2019 noch in rascher Reaktion auf die schärfere Dezibelregel verfügt hat.

Schlechte Karten haben Anwohner von Straßen, an denen lärmarmer Belag anerkannt nötig, der jetzige Belag aber noch sehr gut ist. Dort geschehe vorerst nichts, so Hacker.

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Rittnertstraße setzt Maßstäbe

Stadtweit beobachten Anwohner aber das Tauziehen um Tempo 30 in weiteren Abschnitten der Rittnertstraße in Durlach. Dort sind mehrere Aspekte neu zu bewerten. Das kann Maßstäbe auch für andere Hauptverkehrsstraßen setzen, erklärt Monika Bregulla von der Stabsstelle. Ein Beispiel: Ein 300-Meter-Stück zwischen zwei Tempo-30-Abschnitten gilt als zu kurz, um darauf Tempo 50 zu erlauben. Sind 600 Meter aber dafür lang genug?

Kommentar
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Schritttempo

Wartet man auf versprochene Besserung, während Tag und Nacht Lastwagen und viele Autos vor der Haustür lärmen, sind drei Jahre lang.

Unabhängig davon, dass die weit überwiegende Mehrheit der Karlsruher Auto fährt, und zwar ohne E-Motor, und also selbst Lärm und Abgase produziert: Schutz vor extrem belastendem Straßenverkehr brauchen die Betroffenen. Geduld brauchen sie in der Sache leider auch. Tatsächlich geht Lärmschutz in der Stadt nur im Schritttempo voran.

Es gibt gute Gründe dafür. Karlsruhe ist groß, Fünfjahrpläne entsprechen der Umsetzbarkeit. Wird neuer Lärmschutz mit ohnehin anstehenden Umbauten verbunden, hält das außerdem Kosten und Baustellenärger in Grenzen. Im Großen und Ganzen aber steht Anwohnerschutz gegenüber „freier Fahrt“ nicht hoch im Kurs.

In puncto Lärm dreht sich – anders als bei Feinstaub – gerade etwas der Wind. Für viele Betroffene leuchtet Licht am Horizont. Die Frage der Verkehrsbelastung in der Großstadt wird aber keineswegs im Kern angepackt. Immer noch wächst ja auch in Karlsruhe der motorisierte Verkehr. Unter diesen Umständen geht es weiter nur um Schadensbegrenzung.

Außerdem wird der Prozess weiter im Schritttempo voranzockeln, so lange zum Beispiel jedes Straßenstück für sich bewertet und vielleicht zum Tempo-30-Abschnitt umgewidmet wird. Wäre also eine Tempo-30-Modellstadt Karlsruhe der große, anzustrebende Wurf?

Der Gedanke ist spannend. Doch verschwindet damit ein Transporter, ob schwer oder flink, von den Hauptverkehrsstraßen? Fahren Pendler weiter flottenweise ein und aus, trotz Staus? Statt sich Schleichwege zu bahnen, werden erst mehr von ihnen in Bahnen und Busse steigen, wenn das günstiger ist – also verlässlich, schnell, praktikabel und billig.

Wenn sich so ein stimmiges neues Bild ergibt, wird es interessant – für Verkehrsgeplagte in Karlsruhe womöglich aber auch erst dann endlich gut.