Wohnungsbau - Durlachs Altstadt zeigt ihre historische Struktur im Nachtlicht.
DIE STRUKTUR des Durlacher Kerns bleibt erhalten. Nach BNN-Informationen verzichtet die Stadtpolitik auf die Erweiterung von „Durlachs Zentrum“ auf der dunklen Fläche durch neuen Wohnungsbau (oben). | Foto: Sandbiller

85 Hektar grüne Wiese im Plan

Für Wohnungsbau will Fächerstadt doch wachsen

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Wunsch, Notwendigkeit oder Zwang – was wird Karlsruhes Zukunft bestimmen? Gerade versucht die Stadtpolitik für den Flächennutzungsplan 2030 die Entwicklung im Wohnungsbau nach ihrem Willen zu steuern. Es geht um die Grundsatzfrage: Wie groß soll, kann oder darf die Fächerstadt noch werden? Quer durch die Fraktionen geht man wieder auf Wachstumskurs. 85 Hektar sollen es sein. Dort sollen auf noch grüner Wiese neue Wohngebiete entstehen.

Neureut und Stupferich als  Wachstumszonen

Diese Wachstumszonen führt Neureut an. Dort sollen nahe der Nordweststadt nach dem „Räumlichen Leitbild“ rund 40 Hektar bebaut werden. Auch Durlach und drei Höhenstadtteile möchten an den Rändern zulegen. Die Stupfericher wollen ihr Bergdorf gleich um 20 Prozent ausweiten. Zudem wurden drei als Kleingärten genutzte Flächen in der Nordweststadt, Oberreut und Rüppurr ins Spiel gebracht.
Damit ist klar: Der vor drei Jahren vom Stadtparlament beschlossene Ausstieg aus dem Flächenfraß für Gewerbegebiete gilt nicht für Wohnungsbau.

Damit Karlsruhe weiter kräftig wachsen kann, nimmt man entsprechende Einschnitte in die verbliebene Natur samt Auswirkungen auf das Stadtklima in Kauf. Immerhin prognostiziere das Land der Fächerstadt bis 2030 ein Wachstum der Einwohnerschaft von heute rund 315 000 auf um die 350 000 Menschen, berichtet Baubürgermeister Michael Obert.

Einige Flächen rausgenommen

Jetzt beschloss der Planungsausschuss hinter verschlossenen Türen nach den Vorschlägen der Ortschaftsräte die Karlsruher Mischung für die Stadtentwicklung. Obert wollte gestern gegenüber den BNN g zu der vom Ausschuss etwas veränderten Wachstumsrezeptur noch nichts Konkretes sagen. Bald aber werde das Bürgermeisteramt die Vorlage für den Gemeinderat veröffentlichen. Obert sagt nur so viel: „Das Gremium hat mit eindeutiger Mehrheit einige Flächen rausgenommen.“

Am 7. Februar wird der Gemeinderat auf dieser Basis die Auswahl treffen. Danach ist der Nachbarschaftsverband an der Reihe. Er wird das Karlsruher Flächenpaket prüfen und voraussichtlich im Mai seinen Beschluss fassen. Danach ist wohl bis Jahresende der Umweltbericht anzufertigen. Nach dessen Auslegung und der erneuten Stellungnahme des Gemeinderats kann der Flächennutzungsplan 2030 vermutlich 2018 in der Verbandsversammlung festgezurrt werden.

„Wir bräuchten noch viel mehr Flächen“

Die Stadtplaner streben 85 Hektar Wohnbaugebiet im Außenbereich Karlsruhes als notwendig an. Um dieses Ergebnis zu erzielen, gingen sie mit deutlich mehr Prüffläche in die Diskussion, wohl wissend, dass die Stadt- und Ortschaftsräte nicht alles mittragen werden. „Dabei ist der Bedarf Karlsruhes viel größer. Er liegt bei 258 Hektar für Wohnungsbau.

Wir bräuchten bei der enormen Nachfrage noch viel mehr neue Wohnbauflächen“, erklärt Obert. Dafür könne die Stadt aber neben Neuausweisungen drei weitere Komponenten einbringen: Rund 70 Hektar potenzielle Neubaugebiete sind bereits im bestehenden Flächennutzungsplan verankert.

Kooperation mit Nachbarn

Zum anderen gilt laut Obert weiter das Hauptaugenmerk der Nachverdichtung, also auch der Ausweisung von Wohnbauflächen innerhalb der Stadtteile, wofür keine Änderungen des Flächennutzungsplan nötig seien. Zudem will man Karlsruher Bedarfsflächen zu kooperierenden Nachbargemeinden verschieben. Sie haben laut Stadt mehr Flächen, als sie brauchen.

22 000 neue Wohnungen benötigt?

Die Wachstumsprognose spricht von 258 Hektar Bedarf für den Wohnungsbau. Davon sind 70 Hektar schon im Flächennutzungsplan vorhanden. Dies entspricht 3 350 Wohneinheiten. Dazu besteht bei vorhandenen Bebauungsplänen eine Reserve von 2 100 Wohnungen.
Dann gibt es das Potenzial der Nachverdichtung mit 1 800 Wohneinheiten. Die angestrebten 85 Hektar zusätzlich am Stadtrand können laut Baudezernat 4 900 Wohnungen bringen.

Die Summe beträgt 12 150 Wohnungen. „Es würden aber bis 2030 mindestens 10 000 weitere Wohnungen benötigt“, so Bürgermeister Obert. Karlsruhes Gesamtbedarf besteht demnach aus rund 22 000 Wohnungen für etwa 35 000 Menschen, die laut Bevölkerungsprognose in den nächsten 13 Jahren zuziehen wollen.

Kommentar

Prognosen sind das eine – was in Wirklichkeit sein wird, ist das andere. Weder die Zukunftsplaner des Landes, noch die Politiker dieser Stadt sind Propheten. Niemand weiß, ob es tatsächlich in 13 Jahren 350 000 Karlsruher gibt. Es kann auch ganz anders kommen: Die Welt wird mit Trump noch unübersichtlicher. Werden Karlsruhes Trümpfe, Wissenschaft und Wirtschaft, weiter florieren, wenn nationale Egoismen und Zollmauern Hochkonjunktur bekommen? Die momentane Magnetwirkung der Fächerstadt lebt nun mal von ihrer globalen Vernetzung.

Die Stadtpolitiker wollen Karlsruhe nun fit machen für den Ansturm der Arbeitskräfte. Für das Wachstum opfern sie im Zweifel den Naturschutz und damit auch Lebensqualität und Klimaschutz. Das ist der Preis. Übrigens steht nirgends geschrieben, das Karlsruhe wirklich immer größer werden muss.