Lobbyarbeit für Radfahrer: Der Karlsruher ADFC ist auch für den Landesverband in Stuttgart wichtig. Von dort kommt Unterstützung in der aktuellen Krise.
Lobbyarbeit für Radfahrer: Der Karlsruher ADFC ist auch für den Landesverband in Stuttgart wichtig. Von dort kommt Unterstützung in der aktuellen Krise. | Foto: jodo

Vorstand bröckelt weg

Kaum Einnahmen: Karlsruher ADFC ist durch Corona in eine schwere Krise geraten

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Ausgerechnet in der fahrradfreundlichsten Großstadt Deutschlands ist die größte Interessenvertretung der Radfahrer in Schieflage gerutscht. Keine Einnahmen, fehlende Perspektiven und eine fast halbierte Führungsmannschaft: Dem Kreisverband Karlsruhe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) geht es schlecht. Dabei ist er das landesweite Zugpferd.

Rund 1.850 Mitglieder machen den ADFC Karlsruhe neben den Vertretungen in Freiburg und Heidelberg zu einem der drei stärksten Ortsverbände Baden-Württembergs. In puncto Mitgliederzuwachs sind die Karlsruher sogar Spitze.

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Wegen Corona kaum noch Aktivitäten beim Karlsruher ADFC

Jetzt unterstützt der Landesverband in Stuttgart die badischen Mitstreiter. Kern des Problems sind die Corona-Beschränkungen. Seit März liegen fast alle ADFC-Aktivitäten in und um Karlsruhe auf Eis.

Keine geführten Radtouren, keine Kurse, keine verkehrspolitischen Debatten: Corona legt bis heute wichtige Einnahmequellen trocken und viel Engagement lahm.

Die massiven Einschränkungen kosten den Club fast komplett die öffentliche Wahrnehmung. Auch die sozialen Begegnungen fehlen. „Dass wir Leute einladen, trifft auf 80 bis 90 Prozent unseres Angebots zu“, sagt Klaus Nauenburg. Der Tourenleiter aus dem Pfinztaler Ortsteil Söllingen ist seit Jahrzehnten Clubmitglied. Zurzeit in Kurzarbeit, hat er in der Krise die Kasse des Karlsruher ADFC übernommen.

Neue ADFC-Geschäftsstelle in der Welfenstraße belastet das Budget

Finanziell spitzt die erst 2019 bezogene Geschäftsstelle in der Welfenstraße die Lage im Kreisverband zu. Die neue, eigene Adresse belastet erwartungsgemäß das Jahresbudget von rund 20.000 Euro. Zum Ausgleich sollte das Angebot stark erweitert werden.

Welfenstr
In guten Zeiten, als die Welt noch in Ordnung war beim ADFC Karlsruhe, eröffnete im Januar 2019 die erste eigene Geschäftsstelle. Baubürgermeister Daniel Fluhrer (links) gratuliert damals Geschäftsführer Christian Büttner und Clubchef Ulrich Eilmann (rechts). | Foto: jodo

Stattdessen liegen die sachgerecht hergerichteten Quadratmeter des ehemaligen Eckladens in attraktiver Lage nahe dem Hauptbahnhof nun weitgehend brach.

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Geschäftsführer wegen Geldmangels in der Corona-Krise gekündigt

So sei dem Club auch das Geld für den hauptamtlichen Geschäftsführer Christian Büttner ausgegangen, schildern Nauenburg und der bisherige Vorsitzende Ulrich Eilmann die Entwicklung. Man habe vergeblich einen Kompromiss gesucht, sagen sie.

Das Ende vom Lied: Der Club kündigte seinem seit 2016 tätigen Geschäftsführer „aufgrund der unabsehbaren Dauer und der unklaren Einnahmesituation während der Corona-Krise“. An einen Nachfolger sei derzeit nicht zu denken, sagt Eilmann: „Das können wir nicht bezahlen.“


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Wenige Monate, nachdem Karlsruhe den ADFC-Fahrradklimatest gewonnen hat, ist zudem der Vorstand des ADFC Karlsruhe abgebröckelt. Drei der sieben Amtsträger hörten in der Corona-Krise aus persönlichen und beruflichen Gründen auf, darunter Eilmann und die bisherige Kassiererin Kristine Simonis. Eilmann arbeitet allerdings „kooptiert“ weiter mit.

ADFC-Landesverband hilft den Karlsruhern

Vorübergehend als Ersatz-Vorsitzender zur Seite gesprungen ist den Karlsruhern Joachim Weiß aus Baden-Baden, ehrenamtliches Mitglied im ADFC-Landesverband.

„Karlsruhe ist ein großer Kreisverband, der viel bewegt – auch viel Geld“, sagt Weiß und ergänzt: „Dass die Stadt Sieger im Klimatest geworden ist, dazu hat der ADFC-Kreisverband ganz viel beigetragen.“

Der Kreisverband steht faktisch jetzt schon wieder auf eigenen Beinen.

Joachim Weiß, ehrenamtliches Mitglied im ADFC-Landesverband

Die Zusammenarbeit mit dem „sehr engagiertem Rumpf-Team“ des Vorstands und den Mitgliedern mache Spaß: „Ich muss nur zuarbeiten und die Sitzungen leiten.“ Seine Prognose fällt gut aus: „Der Kreisverband steht faktisch jetzt schon wieder auf eigenen Beinen.“

Neuer Vorstand soll eigenständigen ADFC-Verein gründen

Auch mit ersten Fahrradcodierungen in der Welfenstraße arbeiten sich die Karlsruher ADFC-Aktiven schon wieder aus der Krise. In der ebenerdigen Geschäftsstelle hat Vorstandsmitglied Britta Brandstäter, die entsprechende Fachkenntnisse hat, eine Theke mit Plexiglasschutz gestaltet.

Der Antragsstau mit 50 Aufträgen ist schon abgearbeitet, die Nachfrage wächst. Das Anmeldeverfahren läuft via Internet.

Trotz der Rückschläge resignieren die organisierten Radler nicht. Wöchentlich tagt der Vorstand per Telefonkonferenz. In einer Mitgliederversammlung am 20. Oktober 2020 soll ein neuer Vorstand gewählt werden. Der wird voraussichtlich mit der Gründung eines eigenständigen ADFC-Vereins in Karlsruhe betraut.

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Ehrgeizige Pläne geben Schwung

Eilmann und Nauenburg, beide nicht mehr jung, wollen auch einen Generationswechsel einleiten. Optimistisch stimmt sie, dass sich Mitglieder melden, die sich stärker und teils auch in der Vorstandsarbeit engagieren möchten.

Außerdem träumen die Karlsruher ADFC-Aktiven davon, 2021 wieder eine eigene Rad- und Reisemesse zu veranstalten. Dass die Premiere noch kurz vor der Pandemie gelang, motiviert die mehr als 50 daran Beteiligten, und der erwirtschaftete Überschuss hellt die Kassenlage etwas auf.


Kommentar von Kirsten Etzold
Leise Töne sind typisch für den ADFC Karlsruhe, den Spezialverband für Anliegen rund ums Fahrrad. Statt mit plakativen Positionen oder Aktionen klinkt sich diese organisierte, beständig wachsende Radfahrerlobby eher mit sachorientierten Stellungnahmen öffentlich ein.
Oder sie schafft Tatsachen. Aus dem ADFC hervorgegangen ist die Initiative der Lastenkarle-Transporträder, die seit 2017 jeder kostenlos ausleihen kann. Auch das Wagnis, eine eigene Rad- und Reisemesse auszurichten, hat sich für den Karlsruher ADFC gelohnt, die Premiere im Februar 2020 war ein Erfolg. Weitgehend geräuschlos haben sich zudem die geführten Feierabend- und Freizeit-Radtouren der ADFC-Aktiven zu beliebten Rennern entwickelt.
In seiner Kernaufgabe, dem Einsatz für mehr und bessere Radwege und Radfahrer begünstigende Weichenstellungen in der Verkehrspolitik, hat der Karlsruher ADFC ebenfalls Erfolg. Die Stadt fördert den Radverkehr seit Jahren. Das hat sie im bundesweiten ADFC-Fahrradklimatest 2019 auf den begehrten ersten Platz unter den Großstädten gebracht. Auch das erklärt, warum zwischen Kommune und ADFC keine Konflikte aufflammen.
Alles gut eigentlich, und doch ist die Organisation der engagierten Radfahrer still und leise in eine Krise gerutscht. Aller Voraussicht nach handelt es sich aber um ein kurzes Zwischentief. Der Club steht weder finanziell noch personell im Aus, trotz Zwangspause für die neue Geschäftsstelle. Die durch Corona verursachte Flaute könnte der ADFC Karlsruhe notfalls aussitzen. Die Vernetzung vor Ort ist aber unbeschädigt. Ideen, Tatkraft und sogar Verstärkung aus den eigenen Reihen sind da.
Die agile Truppe drängt wieder in den Sattel, und sie wird so bald wie möglich wieder antreten. Gut möglich, dass sie noch gestärkt aus dem aktuellen Tief hervorgeht. Reicht das gemeinschaftliche Engagement der Clubmitglieder dazu aus, könnte der Karlsruher ADFC mit Fug und Recht so augenfällig auf seine Anliegen aufmerksam machen wie die ADFC-Clubs in Bremen und Berlin.
Es wird die gesellschaftliche Debatte um den öffentlichen Raum, die Verkehrswende und den Klimaschutz beleben und bereichern, wenn die Fahrradlobbyisten im bunten Bild der großen Fahrradstadt sichtbarer sind und auch forderndere Töne anstimmen.