Leeres Bordell: Bei „Lauras Girls“ herrscht seit Mitte März Stillstand. Die Betreiberin hat eine Petition für die schrittweise Wieder-Öffnung der Erotikbetriebe gestartet.
Leeres Bordell: Bei „Lauras Girls“ herrscht seit Mitte März Stillstand. Die Betreiberin hat eine Petition für die schrittweise Wieder-Öffnung der Erotikbetriebe gestartet. | Foto: Jörg Donecker (Archiv)

„Erotische Dienstleistungen“

Karlsruher Bordellbetreiberin fordert schrittweise Lockerung für die Prostitution

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Prostitution und in Karlsruhe auch Sexkauf bleiben in der Corona-Pandemie bis auf Weiteres verboten. Eine Karlsruher Bordell-Betreiberin fordert in einer Petition, Lockerungen für „erotische Dienstleistungen“ unter strengen Hygieneregelungen wieder zuzulassen.

Corona-Soforthilfe hat „Laura“ schon Mitte März beantragt, inzwischen habe sie für ihr Bordell „Lauras Girls“ auch einen Kredit aufnehmen und für die angestellte Hausdame Kurzarbeit anmelden müssen. „Im ersten Moment war es absolut richtig, die Bordelle zu schließen“, erklärt Laura. „Wir hatten am Anfang ja selber Panik.“

Auch die Bordellgäste hätten mehr und mehr nach Händedesinfektion gefragt, dann habe sie angefangen, Fieber zu messen und Fragen nach Reisen in Corona-Risikogebiete zu stellen. Zum Teil sei schon mit Mundschutz gearbeitet worden.

Die Zimmer im Bordell „Lauras Girls“ sind verwaist

Jetzt ist bei Lauras Girls einzig der Büro-Arbeitsplatz noch besetzt. Die Zimmer sind verwaist, die Frauen nach Hause abgereist, viele ins Ausland. „Die rumänischen Mädels wollten zuerst nicht nach Hause, weil zu der Zeit gerade so viele Rumänen aus Italien zurückkehrten.“ Sie hätten Angst gehabt, sich in der Heimat anzustecken, seien dann aber von ihren Familien überzeugt worden, heimzukommen. Laura hält über Handy Kontakt zu den Frauen. „Wir hatten Glück, keine hat Corona bekommen.“

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Doch die finanzielle Belastung wachse, für Bordelle wie für die freiberuflich arbeitenden Frauen. Über Ecken habe sie gehört, dass manche sich genötigt sähen, käuflichen Sex in der eigenen Wohnung anzubieten. „Eigentlich wollen sie das nicht, das ist ihnen viel zu privat.“

Bordellbetreiberin will erotische Massagen anbieten

Die Bordellbetreiberin sieht nun die Zeit gekommen, auch in ihrer Branche über Lockerungen zu diskutieren. In einer Online-Petition fordert Laura Maßnahmen für einen sicheren und legalen Wiedereinstieg in erotische Dienstleistungen.

„Klar kann man nicht den gleichen Service bieten wie bisher“, sagt sie. Geschlechtsverkehr, auch Oralsex, schließt sie derzeit aus. Aber Massagen, auch erotische, könne man anbieten – unter Einhaltung strenger Hygieneregeln, ähnlich derer in reinen Massage- und Physiotherapiepraxen oder Kosmetikstudios.

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Dem Prostitutionsgewerbe eine „Super-Spreader“-Rolle bei der Verbreitung von Covid-19 zuzuschreiben, wie es 16 Bundestagsabgeordnete in einem Brief an ihre jeweiligen Ministerpräsidenten getan haben, sei falsch. Erotikbetriebe unterlägen bereits seit Inkrafttreten des Prostitutionsschutzgesetzes 2017 strengen Hygieneregeln, etwa Händedesinfektion, Kondompflicht, häufige Reinigung von Flächen und Materialien.

Webcam als ungefährliche Alternative zur Prostitution

Dass manche Politiker die Corona-Pandemie nutzen, um das Sexkaufverbot nach dem so genannten Nordischen Modell dauerhaft einzuführen, wundert Chantal nicht. Die Sexarbeiterin kommt aus Nordrhein-Westfalen und arbeitet normalerweise regelmäßig in Karlsruhe. „Es war klar, dass die Anhänger des Sexkaufverbots da jetzt aufspringen“, meint sie. Doch damit werde die Prostitution nur weiter in die Illegalität gedrängt.

Sie selbst sei seit 2006 offiziell mit Steuernummer gemeldet, auch jetzt in der Krise gehe es ihr wie vielen in Deutschland lebenden Sexarbeiterinnen sehr gut, erklärt sie am Telefon. „Wie jeder Selbstständige sollte man auch in meiner Branche gewisse Rücklagen haben.“ In Nordrhein-Westfalen habe sie zügig Corona-Soforthilfe erhalten. „Und ich mache jetzt Webcam“, erklärt Chantal. „Das ist eine gute Alternative, um die Privatkosten zu decken.“

Ein Puffgänger erwartet trotzdem das volle Programm. Es guckt ja keiner.

Chantal, Sexarbeiterin

Sie hält es jedoch für unrealistisch, sexuelle Dienstleistungen auf absehbare Zeit wieder zu erlauben. „Ich kenne bisher kein Konzept, das funktionieren würde. Kein Freier hinterlässt freiwillig seine Kontaktdaten.“ Daher sei die Nachverfolgung von Infektionsketten schlicht nicht möglich. Auch eingeschränkte Angebote, etwa erotische Massagen, seien keine Lösung. „Ein Puffgänger erwartet trotzdem das volle Programm. Es guckt ja keiner.“

Chantal betont, dass Prostitution bei „Terminmädchen“ in ordentlich geführten Bordellen nicht zu vergleichen sei mit den Frauen, die in der „Beschaffungsprostitution“ auf Straßenstrichen arbeiteten. Auf deren prekäre Situation machten Mitte Mai Karlsruher Hilfsorganisationen aufmerksam.

Demnach zählte die Fachberatungsstelle Luis.e 77 Beratungsfälle zwischen Mitte März und Mitte Mai. 90 Prozent der Betroffenen entstammten der Armutsmigration, alle befänden sich in finanzieller Notlage. 58 Frauen wurden in dieser Zeit durch das Frauencafé Mariposa betreut, 47 benötigten dringend finanzielle Unterstützung.

Ordnungsamt Karlsruhe hat zuletzt 626 Gewerbebescheinigungen an Prostituierte ausgegeben

Insgesamt 626 Gewerbebescheinigungen hat das Ordnungsamt bis zum Lockdown Mitte März an Sexarbeiterinnen in Karlsruhe ausgegeben. Wo die häufig umherreisenden Frauen ihr Gewerbe anmelden, ist jedoch ihnen überlassen, erklärt Ordnungsamts-Leiter Björn Weiße. Aus Gründen des Infektionsschutzes habe man in Karlsruhe zusätzlich zur Landesverordnung am 17. März per Allgemeinverfügung nicht nur die Ausübung des Prostitutionsgewerbes unterbunden, was vor allem die Hintermänner betreffe.

Wir hatten kaum mehr Verstöße, nur vereinzelt auf dem Straßenstrich.

Björn Weiße, Leiter Ordnungsamt Karlsruhe

Durch das Sexkaufverbot habe die Stadt Karlsruhe von Anfang an jede Form der Prostitution, auch die individuellen Angebote der Frauen, verboten. „Wir hatten ab dann auch kaum mehr Verstöße, nur vereinzelt auf dem Straßenstrich“, so Weiße. Man habe mit den Frauen gesprochen und sie über die neuen Verordnungen informiert.

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Eine Wieder-Eröffnung der Bordelle hänge zunächst davon ab, ob die Landesregierung ihre Verordnung, die bis 14. Juni gilt, verlängert. „Unsere Allgemeinverfügung knüpft daran an.“ Weiße rechnet aber eher damit, dass das Verbot nochmals verlängert werden könnte. „Bei der infektionsrechtlichen Bewertung fällt die Prostitution wahrscheinlich in die gleiche Kategorie wie Großveranstaltungen und Diskotheken, wo Menschen auf engstem Raum in schlecht belüfteten Gebäuden zusammenkommen.“