Thomas Breunig sucht seltene Pflanzen | Foto: Bernd Kamleitner

Region

Karlsruher Forscher sucht gefährdete Pflanzen

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Über die Natur kann man immer wieder staunen: Da gibt es Pflanzen, die schlummern jahre- oder sogar jahrzehntelang im Boden, um plötzlich auszutreiben. Zum Beispiel der europaweit stark gefährdete Pillenfarn (Pilularia globulifera). Solche Vorgänge faszinieren auch einen Botanikkenner wie Thomas Breunig immer wieder aufs Neue.

„Die Pflanzen sitzen in den Startlöchern und warten gute Bedingungen ab“, berichtet der Diplom-Geograf. In Karlsruhe leitet er das Institut für Botanik und Landschaftspflege (botanik plus) und als Vorsitzender die Botanische Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland e.V. (BAS).

Ausgestorbene Pflanzen wiederentdeckt

Bei seiner Arbeit entdecken Breunig und seine Team immer mal wieder Pflanzen, die als ausgestorben galten: So bekamen sie auf einem Acker bei Karlsruhe-Rüppurr das Niederliegende Büchsenkraut (Lindernia procumbens) zu Gesicht. Es war zuvor seit 85 Jahren in der Region nicht mehr gesichtet worden. Unglaublich, oder? So mancher weniger naturverbundene Zeitgenosse wird sich fragen, welchen Nutzen solche Nachweise für ihn haben. Man muss kein Pflanzenkenner sein, um nachvollziehen zu können, dass in der Natur auch kleine oder eher unscheinbare Teile zum großen Ganzen gehören und mit zu dessen Funktionsfähigkeit beitragen.

3000 Wildpflanzenarten im Südwesten

Allein in Baden-Württemberg gibt es über 3 000 Wildpflanzenarten, jede Region hat spezielle Vorkommen, weiß Breunig aus Erfahrung. Sein Institut erstellt etwa die „Rote Liste Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württemberg“, ein Pflanzeninventar für den Nationalpark Schwarzwald und betreut die landesweite Biotopkartierung – alles Aufträge, die es nur einmal im Südwesten gibt. Da sind Spezialisten gefragt. Die Ergebnisse der systematischen Erfassung von Lebensräumen sind zum Beispiel Grundlage für die Beurteilung von Eingriffen in unsere Umwelt, etwa bei der Ausweisung neuer Baugebiete. Die Biotopkartierung („eine Art Inventur“) hat somit etwa für die Naturschutzverwaltung große Bedeutung.
Botaniker aus Karlsruhe sucht seltene Pflanzen
Botaniker aus Karlsruhe sucht seltene Pflanzen | Foto: Bernd Kamleitner
Alle zwölf Jahre werden die Bestände auf genau definierten Rasterflächen vor Ort neu erfasst. In diesem Jahr im Main-Tauber- und im Enzkreis sowie im Stadtkreis Pforzheim. Wie es um einzelne Arten bestellt ist, kann jeder, der sich dafür interessiert, auf der Homepage (www.lubw.de) der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) in Karlsruhe nachlesen. Die häufigste dokumentierte Art bei der Biotopkartierung ist übrigens die heimische Brennnessel. Sie zeigt an, dass in den Böden (zu) viele Nährstoffe angereichert sind – und verdrängt andere Arten

Da ist eine ziemliche Dynamik drin

Ein Grundlagenwerk zur Flora in der Region Karlsruhe stammt aus dem Jahr 1886, berichtet Breunig. Derzeit wird es aktualisiert. Der Trend überrascht nicht: Viele Pflanzen sind verschwunden, dafür neue hinzugekommen. „Da ist eine ziemliche Dynamik drin“, erläutert Breunig, der einst als Volontär im Karlsruher Naturkundemuseum arbeitete. Was den einen oder anderen doch überraschen wird: „Neue Trends kommen erst in Städten – wie in der Kultur!“ Manche Wildkräuter, die in der freien Landschaft verschwunden sind, finden sich auch in Städten. Als Beispiel nennt er den Acker-Gelbsterin (Gagea villosa). Und: „Deshalb sind wir Botaniker auch gerne in Städten unterwegs!“ Ein Hotspot für die Pflanzenkenner sei heute etwa der Karlsruher Rheinhafen. Früher war es der Güterbahnhof.

Orangen aus Sizilien

Wie das zu verstehen ist? Breunig nennt das Orangen-Beispiel: Die kamen früher mit der Bahn aus Sizilien, eingebettet in Stroh. Das wurde nach dem Auspacken einfach weggekehrt, die darin enthaltenen Samen verbreiteten sich in der Umgebung, neue Pflanzenarten siedelten sich an. Für Grundlagenerhebungen, die zumeist von Kommunen oder Behörden in Auftrag gegeben werden, werden aber die Experten knapp, auch wenn das allgemeine Interesse an Naturthemen durchaus groß sei. „Wissenschaftlich gut ausgebildete Botaniker sind Mangelware“, betont Breunig, der in der Botanischen Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutschland auf rund 350 Pflanzenfreunde als Mitglieder bauen kann.

Wo wächst was) Der Karlsruher Botaniker Thomas Breunig untersucht selten Pflanzen
Wo wächst was? Der Karlsruher Botaniker Thomas Breunig untersucht selten Pflanzen. | Foto: Bernd Kamleitner

Für sein Herbarium, der Sammlung von getrockneten Pflanzen, spielen Zeitungsseiten eine wichtige Rolle. Zwischen den großen Papieren bleiben die gepressten Pflanzen gut erhalten. Der Grund: Die Druckerschwärze halte Schädlinge von den Schätzen fern!