Verbergen wollte der 44-jährige Angeklagte sein Gesicht beim ersten Prozess vor dem Landgericht 2018. An diesem Donnerstag muss er wieder dort erscheinen.
Verbergen wollte der Angeklagte sein Gesicht bereits beim ersten Prozess vor dem Landgericht 2018. Bei der Revisionsverhandlung an diesem Donnerstag wollte er auch nur hinter verschlossenen Türen aussagen. | Foto: Deck

Missbrauchsfall in Staufen

Karlsruher Gericht muss neues Urteil finden: Ist der pädophile Sadist schuldfähig?

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An diesem Donnerstag – neun Monate nach dem Urteil des Landgerichts Karlsruhe – muss sich eine andere Kammer neu mit dem Fall des pädophilen 44-Jährigen befassen, der in Staufen einen neunjährigen Jungen vergewaltigen wollte. Es steht die Frage im Raum, ob der Mann voll schuldfähig ist.

Seine Fantasie kreiste angeblich Tag und Nacht um Szenen, in denen er Kinder auf sadistische Weise quält und sexuell missbraucht. Im September 2017 reiste der Elektriker aus Schleswig-Holstein dann mit dem Zug nach Karlsruhe, um seine Fantasie in der Realität auszuleben: Er wollte einen neunjährigen Jungen brutal vergewaltigen.

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Das Kind aus Staufen wurde von seiner Mutter und deren Lebensgefährten über Jahre missbraucht und an Freier für Vergewaltigungen verkauft. Was der pädophile „Kunde“ allerdings nicht wusste: Ein verdeckter Ermittler der Polizei hatte sich unter der Identität des Staufener Stiefvaters via Internet-Chat mit ihm in Karlsruhe verabredet. In der Fächerstadt klickten dann auch die Handschellen.

Strafe im Revisionsverfahren aufgehoben

Neun Monate später sprach das Landgericht Karlsruhe das Urteil gegen den einschlägig vorbestraften 44-Jährigen aus Schleswig-Holstein: Acht Jahre Haft und anschließende Sicherungsverwahrung – „wegen Sichbereiterklärens zu den Verbrechen des schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und der Vergewaltigung“. Doch an diesem Donnerstag muss sich eine andere Kammer des Landgerichts neu mit dem Fall befassen. Denn der Bundesgerichtshof (BGH) hat die verhängte Strafe im Revisionsverfahren aufgehoben.

Begründung: Das Landgericht hat nicht „rechtsfehlerfrei“ begründet, warum es keine verminderte Schuldfähigkeit bei dem Verurteilten erkannte. Konnte der sadistisch-pädophil veranlagte Mann im Grunde nicht anders? Oder hätte er die Verabredung zum Sexualverbrechen durchaus ausschlagen und sein Handeln kontrollieren können? Darum geht es im Kern bei der Neubewertung des Falles.

Urteil möglicherweise schon am Donnerstag

Eine schwere seelische Abartigkeit bestätigte das Karlsruher Gericht dem Angeklagten damals durchaus. Doch sein „Hemmungsvermögen“ sei nicht entscheidend beeinträchtigt gewesen. Zu dieser Annahme befand der BGH: „Sie ist nicht tragfähig belegt.“ Bei der Verhandlung an diesem Donnerstag in Karlsruhe soll ein zweiter psychiatrischer Gutachter seine Einschätzung zur Persönlichkeit des Pädophilen geben. Das Landgericht hat zwei Termine für den Fall angesetzt. Aber: „Es könnte sein, dass es sogar schon am Donnerstag ein Urteil gibt“, erklärt Gerichtssprecherin Carolin Kley.

Das hänge davon ab, ob Anträge gestellt werden. Denkbar wäre grundsätzlich auch, dass der Angeklagte nicht in Haft und Sicherungsverwahrung, sondern in eine psychiatrische Klinik kommt. Eine völlige Schuldunfähigkeit des Mannes hat zwar der BGH bereits in seinem Revisionsurteil ausgeschlossen, doch bei verminderter Schuldfähigkeit wäre eine solche Einweisung prinzipiell möglich.

Fall wirft viele Fragen auf

Die Haupttäter in der Staufener Verbrechensserie – die Mutter und der Ziehvater des gepeinigten Kindes – sowie mehrere Freier sitzen rechtskräftig verurteilt im Gefängnis. Doch der Fall hat viele Fragen aufgeworfen, die heute noch nachhallen. Zum Beispiel: Warum schickten das Freiburger Jugendamt und eine Richterin des Oberlandesgerichts Karlsruhe das Opfer zu seiner Mutter und ihrem vorbestraften Partner zurück – in unsägliche Qualen?

Es gab Anzeigen, aber keine Verfahren gegen Jugendamtsmitarbeiter und Richterin. Der Karlsruher Prozess gegen den potenziellen Vergewaltiger wirft auch ein Licht auf die schwierige Einschätzung bei Therapien für Sexualstraftäter: Der Mann, dem es Lust verschafft, wenn Kinder missbraucht werden und vor Schmerz schreien, saß wegen Körperverletzung, geplantem Missbrauch und Verbreitung von Kinderpornografie schon einmal in Haft. Er begab sich in ärztlich-psychologische Behandlung, nahm Medikamente. Doch unbemerkt von seinen Therapeuten war er schon als Freigänger wieder in der Internet-Welt der Pädophilen aktiv.