In der Helios Klinik für Herzchirurgie werden keine Besucher mehr empfangen.
Der Mann, der den Tweet abgesetzt hat, ist Funktionsoberarzt in der Herzchirurgie der Karlsruher Helios-Klinik. | Foto: jodo

Klinik prüft nun intern

„Homosexualität ist Krankheit“: Karlsruher Herzchirurg wegen homophober Äußerungen beurlaubt

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Ein türkischer Arzt, der in Karlsruhe als Herzchirurg arbeitet, postet oft unverfängliche Dinge über Medizin im dem sozialen Netzwerk Twitter. Doch seit Montag sorgte ein brisanter Tweet für Aufruhr. Darin hatte er Homosexualität als Krankheit bezeichnet.

Update vom 13. Mai: Karlsruher Helios-Klinik beendet nach homophoben Äußerungen Zusammenarbeit mit Arzt

 

„Bir hekim olarak Eşcinselliğin, transsexuelliğin hastalık olduğunu belirtmek isterim.“ Wer kein Türkisch kann, wird diesen Tweet eines Karlsruher Herzchirurgen vermutlich einfach überlesen.

Dabei hatte der Beitrag, der am Montagnachmittag gepostet wurde, am Tag darauf bereits 50.000 Likes – viel mehr als die üblichen Tweets des Arztes, der aus der Türkei stammt und in der Karlsruher Helios-Klinik arbeitet.

Der ursprüngliche Tweet, der erst nach mehr als 24 Stunden gelöscht wurde.
Der ursprüngliche Tweet, der erst nach mehr als 24 Stunden gelöscht wurde. | Foto: Screenshot BNN

Die hohe Aufmerksamkeit für den Beitrag hat einen Grund: Der Herzchirurg konstatierte in dem türkischen Tweet, dass Homo- und Transsexualität Krankheiten seien.

Als Arzt möchte ich hier erwähnen, dass Homosexualität und Transsexualität Krankheiten sind.

Tweet vom 27. April

Türkischer Religionsbeamter hatte Homosexualität und Coronavirus verknüpft

Damit unterstützte er Aussagen des obersten türkischen Theologen Ali Erbas. Der Leiter der Religionsbehörde Diyanet, der auch der Chef Hunderter türkischer Imame in Deutschland ist, hatte zum Beginn des Fastenmonats Ramadan homophobe Äußerungen getätigt.

Mehreren Medienberichten zufolge hatte Erbas am Freitag gesagt, Homosexualität sei schmutzig und begünstige Krankheiten, wie HIV und andere Viren. Indirekt hatte er damit auf die Corona-Pandemie angespielt.

Die Weltgesundheitsorganisation hat Homosexualität 1990 von der Liste psychischer Krankheiten gestrichen. 2019 wurde Transsexualität als „Zustand sexueller Gesundheit“ definiert.

Homosexualität ist in der Türkei nicht illegal, allerdings berichten Mitglieder der LSBTI-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle) und Nichtregierungsorganisationen immer wieder von Repressalien und gesellschaftlicher Ächtung.

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Karlsruher Arzt wurde vorläufig beurlaubt

Der Arzt selbst hat sich auf eine BNN-Anfrage noch nicht zu den Vorwürfen geäußert. Laut einer Sprecherin der Karlsruher Klinik stand er den ganzen Tag im OP, ein Gespräch sei deswegen erst am Dienstagnachmittag möglich gewesen.

„Wir haben uns gemeinsam mit dem Mitarbeiter entschieden, ihn vorläufig zu beurlauben“, so eine Sprecherin. „Wir werden den Sachverhalt unter Einbeziehung der zuständigen Ärztekammer prüfen und bewerten.“ Der Arzt sei seit mehr als 20 Jahren als Herzchirurg an der Karlsruher Klinik tätig und im Team als Kollege anerkannt.

„Die fraglichen Äußerungen stimmen keineswegs mit den Handlungsgrundsätzen bei Helios überein“, hatte zuvor die Unternehmenszentrale auf Twitter geschrieben.

 

 

 

Außerdem behalte man sich rechtliche Schritte gegen den Karlsruher Arzt vor.

Der änderte am Dienstag zunächst sein Profilbild auf Twitter, der umstrittene Tweet blieb aber mehr als 24 Stunden online. Am Dienstagabend wurde er schließlich gelöscht.

 

 

Homophober Tweet des Karlsruher Arztes führt zu regen Diskussionen

Auf Twitter generierte der Tweet nicht nur viele Likes, sondern auch reichlich Diskussionen – auf Deutsch, aber vor allem auch auf Türkisch. Zahlreiche Nutzer forderten eine Erklärung und eine Entschuldigung von dem Chirurgen und der Klinik.

„Mit solchen Ansichten sollte man nirgends auf der Welt Arzt sein dürfen“, schrieb beispielsweise ein Twitternutzer auf Türkisch. „Man sollte niemanden feuern, nur weil er etwas getwittert hat“, schrieb hingegen ein anderer.

Auch wurde darauf hingewiesen, dass der deutsche Bundesgesundheitsminister, Jens Spahn, selbst schwul ist. Mehrere Twitter-Nutzer, darunter viele Türken, gaben an, sich bereits beim Krankenhaus und bei Antidiskriminierungsstellen der Behörden beschwert zu haben.

Lesben- und Schwulenverband warnt vor der Karlsruher Klinik

Beim Lesben- und Schwulenverband (LSVD) sind nach Informationen eines Sprechers zahlreiche Beschwerden über den Tweet des Karlsruher Arztes eingegangen. „Für den LSVD sind die Äußerungen des Herzchirurgen verstörend und inakzeptabel“, so Axel Hochrein, Mitglied im Bundesvorstand.

Der Fall zeige, wie wichtig ein effektives Verbot von Konversionsbehandlungen ist, also Eingriffen, mit denen Lesben und Schwule von ihrer vermeintlichen Krankheit „geheilt“ werden sollen. Der LSVD warnt Menschen aus der LSBT-Gemeinschaft davor, sich in der Karlsruher Helios-Klinik in Behandlung zu begeben.

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„Es ist zutiefst verunsichernd, dass LSBTI nicht erwarten können, von ihm diskriminierungsfrei und professionell behandelt zu werden“, so der LSVD-Vorstand. Die Ansichten des Arztes verstoßen laut dem Verband gegen die medizinethischen Grundsätze, wie sie die Genfer Deklaration des Weltärztebundes und damit auch die Berufsordnung der Bundesärztekammer festschreibt.

„Darin ist ein explizites Diskriminierungsverbot aufgrund der sexuellen Orientierung und Geschlecht festgelegt.“ Der LSVD erwartet eine Untersuchung der Landesärztekammer von Baden-Württemberg.