Bei der DAV-Sektion Karlsruhe können Menschen mit Beeinträchtigungen klettern. | Foto: Jörg Donecker

„Oscar des Breitensports“

Karlsruher Kletterer greifen nach Gold

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Die Karlsruher Sektion des Deutschen Alpenvereins hofft auf den „Großen Stern des Sports“ in Gold. Für ihr Angebot – Menschen mit Behinderungen können in Karlsruhe klettern – wurde die Sektion bereits ausgezeichnet.

Armin Kuhn (66) hängt in zehn Metern Höhe, als ihm die Kraft ausgeht. In der Hagsfelder Kletterhalle riecht es nach Schweiß, alle paar Sekunden klacken irgendwo vor den Wänden Haken. Unten steht Uwe Benitz auf dem weichen grauen Boden. Der 60-Jährige zieht das Seil, mit dem er Kuhn sichert, an, damit der sich kurz ausruhen kann. Seit seinem Unfall hat Kuhn am linken Fuß eine Prothese. Anders als früher kann er sich nicht mehr auf sein Fußgelenk oder seine Beweglichkeit verlassen, muss teilweise neue Routen finden.

Nach der kurzen Verschnaufpause setzt er wieder an und erreicht den obersten Haltegriff in zwölf Metern Höhe. Als er wieder unten steht, greift er sich an den rechten Bizeps. „Baff.“ Kuhn schnauft durch. Währenddessen kommen immer mehr Menschen mit Beeinträchtigungen in die Kletterhalle, alle wollen sie hoch hinaus. Für sie bietet der Deutsche Alpenverein (DAV) mit seiner Karlsruher Sektion das Paraclimbing an.

Auszeichnung: „Wir sind unheimlich stolz“

Im vergangenen Sommer organisierte die DAV-Sektion Karlsruhe mit 90 Helfern einen Wettbewerb für 75 Menschen mit Behinderung. Dafür erhielt sie im Dezember den „Großen Stern des Sports“ in Silber, eine Auszeichnung des Deutschen Olympischen Sportbunds. Damit setzte sich die DAV-Sektion Karlsruhe in Baden-Württemberg durch. Am kommenden Dienstag treffen Kuhn und Benitz in Berlin auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und erfahren, ob sie auch bundesweit das Rennen gemacht haben. Vereine wie die DAV-Sektion Karlsruhe werden bei den Großen Sternen des Sports für „herausragende gesellschaftliche und ehrenamtliche Projekte“ ausgezeichnet.

„Wir sind unheimlich stolz“, sagt Kuhn. „Das ist quasi der Oscar des Breitensports.“Mit Benitz kümmert er sich bei der DAV-Sektion Karlsruhe um die 30 Erwachsenen und zehn Jugendlichen in der Paraclimbing-Gruppe, ist damit bundesweit führend. Alle haben eine Beeinträchtigung. Manche sind von Geburt an geistig oder körperlich behindert, andere nach einem Unfall, manchen wird in der Reha zum Klettern geraten. Kuhn wurde nach einem Unfall der linke Unterschenkel amputiert. „Man braucht ab dem ersten Moment ein Ziel“, sagt er. Er wollte wieder klettern, so wie früher. „Man erreicht Dinge, von denen man nicht geglaubt hat, dass man sie noch erreichen kann. Das gibt ein Stück Lebensqualität wieder.“ Seine Technik musste Kuhn umstellen. „Böse Zungen behaupten, ich klettere besser als vorher“, sagt er und lacht.

Vom Rollstuhl an die Kletterwand

Silke Morgenstern klettert seit fünf Jahren. Sie hat Multiple Sklerose, sitzt im Rollstuhl. „Hier kann ich mich körperlich mal völlig austoben, ohne dass die Krankenkasse das vorgibt“, sagt die 47-Jährige. „Ich mache das.“ Ein Helfer sichert sie mit einem Seil, vom Rollstuhl geht es für Morgenstern an die Kletterwand. Das Seil kann stärker gespannt werden, um mehr zu unterstützen. Innerhalb weniger Minuten hat Morgenstern den obersten Griff erreicht. Nach ein paar Minuten Pause ist sie das zweite Mal an der Wand.

Ayten Gökduman (51) klettert heute nicht. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl, schaut die Wände hinauf. „Ich möchte nur Hallo sagen.“ Die Schmerzen sind heute zu stark. Gökduman leidet seit drei Jahren an Dystonie, eine Bewegungsstörung. Die Muskeln verspannen sich, manchmal hat Gökduman keine Kontrolle über Hals und Kopf. „Diesen Zug nach hinten habe ich beim Klettern nicht“, sagt sie. Und es tue ihrem Rücken gut. Einmal sei sie monatelang nicht gelaufen. „Nach drei-, viermal Klettern konnte ich mit dem Rollator in der Sonne gehen, das war Wahnsinn.“ Früher ging sie gerne mit ihrem Mann wandern. Heute klettern beide. „Das Adrenalin muss raus“, sagt Gökduman und strahlt.

DAV-Sektion möchte zweites Turnier ausrichten

Auch eine Frau, die zu 95 Prozent blind ist, klettert mit. Sie sieht nur die Farben der Haltegriffe, klettert sonst rein nach Gefühl – oft aber steht unten jemand, der ihr die Richtung hoch ruft. „Das ist mehr als nur eine Sporthalle“, sagt Kuhn. Viele in der Kletterhalle bezeichnen die Gruppe als eine Art Familie. „Eine unheimliche Motivation“, sagt Kuhn. „Jeder kann kommen und mitmachen – unabhängig von seiner Behinderung.“ 2020 möchte die DAV-Sektion den zweiten Wettbewerb für Menschen mit Beeinträchtigungen veranstalten – passend zum 150-jährigen Bestehen der DAV-Sektion Karlsruhe.