Fahne der Revolution
Die Fahne der Revolution hisste Kurator Oliver Sänger im April auf dem Karlsruher Schlossturm | Foto: jodo

Sonderschau zum Umbruch

Auf dem Karlsruher Schlossturm weht die Fahne der Revolution

Anzeige

Um 11.27 Uhr ist es an diesem Donnerstag soweit: Auf der Turmspitze des Schlosses weht die blutrote Fahne – die für nicht weniger als den Umbruch steht. „Revolution!“ ist die nächste Ausstellung des Badischen Landesmuseums überschrieben.

„Für Anfänger*innen“, heißt es im Zusatz. Start ist am 21. April. Bis 11. November läuft die Schau dann. Und ebenso lange weht das prächtige Tuch in luftiger Höhe.

Erinnerung an Revolution 1918

Vor 100 Jahren war das schon einmal so: Auch während der Revolution im November 1918 wurde auf dem Schloss die rote Fahne gehisst.

Fahne der Revolution
Die blutrote Fahne der Revolution weht auf dem Karlsruher Schloss. | Foto: jodo

„Wie lange sie damals dort blieb, wissen wir nicht“, erläutert Ausstellungs-Kurator Oliver Sänger. Und wo das gute Stück abgeblieben ist, sei unklar, erläutert der Museumsmitarbeiter – der am Donnerstag ins Kostüm schlüpft.

Auf den Spuren Friedrich Heckers

Die rote Fahne unterm Arm, macht er sich ausstaffiert wie Friedrich Hecker auf den Weg hoch zum Schlossturm.

Auch das ist eine historische Hommage: Am 12. April 1848 erschien in Konstanz ein von Hecker und seinem Gefährten Gustav Struve unterzeichneter Aufruf: „Der Augenblick der Entscheidung ist gekommen. Worte können uns unser Recht und unsere Freiheit nicht erobern.“

Zug endete in Kandern

Alle Männer wurden aufgefordert, sich zu bewaffnen und sich dem revolutionären Zug anzuschließen. Doch der kam in Kandern zum Erliegen, wurde schließlich von badischen und hessischen Truppen auseinandergetrieben.

Heckers Traum, auf dem Karlsruher Schloss – der Residenz der badischen Großherzöge – die Fahne der Republik aufzuziehen, blieb unerfüllt. Bis zu diesem Donnerstag, an dem Kurator Sänger das Werk quasi vollendet.

Der Revolutionär muss schwindelfrei sein

Sänger weiß: Der Revolutionär muss schwindelfrei sein. Und einigermaßen durchtrainiert. Immerhin geht es erst mal 165 Stufen und dann noch einige Leitertritte hoch, bis der entschlossene Mann auf dem Schlossturm die Fahne hissen kann.

Mit dabei ist Karl Beck vom technischen Diensts des Landesmuseums, der sonst für die Fahnen verantwortlich ist. Der Wind setzt denen nämlich ordentlich zu, berichtet Beck.

Fahnentausch alle zwei Monate

Alle zwei Monate müsse im Schnitt nachgenäht oder gar die Fahne komplett ersetzt werden. Außerdem gilt es mal die badische, mal die Landes-, die Bundes- oder die Europafahne zu hissen. Die sind nun eingemottet.

Jetzt ist rot angesagt. „Nur am Volkstrauertag und bei ähnlichen Ereignissen hissen wir andere Flaggen, wir sind schließlich ein öffentliches Gebäude“, erklärt Museumschef Eckart Köhne. Revolution hin oder her, so viel Ordnung müsse sein.

Mehrere rote Flaggen auf Vorrat

Zudem ist das Museum bei aller Lust auf Umbruch wohl organisiert: Gleich mehrere rote Fahnen wurden angeschafft, damit weder Regen noch Sturm die Botschaft in Gefahr bringen.

Botschaften senden dürfen auch die Besucher der Schau: Auf dem Balkon des Landesmuseums steht eine riesige, ebenfalls knallrote Flüstertüte – „Proklamator“ genannt. Und durch die kann jeder Worte an die Menschen auf dem Schlossvorplatz richten.

Heiratsantrag per Proklamator?

„Wir sind gespannt, was da passiert“, sagt Köhne. Selbst Liebesbekundungen oder Heiratsanträge hält er für denkbar.

Proklamator
Museumschef Eckart Köhne steht am Proklamator | Foto: jodo

Es kommt übrigens ebenfalls einer kleinen Revolution gleich, dass das Museum den Balkon öffnet: Der war für den „normalen Bürger“ bisher nämlich nicht zugänglich.

Balkon geöffnet

Zuletzt genutzt wurde er beim Festumzug der Heimattage: Damals stand dort kostümiertes Personal, das eifrig in die Kameras winkte.

Die Schau selbst wiederum widmet sich in zwei Räumen und auf gut 600 Quadratmetern der politischen Revolution, angefangen beim Umbruch in Frankreich bis zur Gegenwart.

Beim Liegestuhl kommt es zum Schwur

Am Eingang erwartet die Besucher ein siebeneinhalb Minuten dauernder Einführungsfilm. Und eine Entscheidung: Will man den stehend oder im – natürlich roten – Liegestuhl sehen?

Diese Liegestühle spielen eine zentrale Rolle. Sie sind Teil eines interaktiven und mit Soziologen abgestimmten Spiels, mit dem jeder testen kann: Wie revolutionär bin ich gestimmt?

Revolution statt Absolutismus

Wie dieser Test bei den Mitarbeitern des Museums ausfiel, bleibt ihr Geheimnis. Aber eines sei verraten: Für die Revolutionsschau wurde der Raum im ersten Obergeschoss geräumt, in dem es vor kurzem noch um Absolutismus ging.

Und der badische Thron ist zwar geblieben, er steht jedoch reichlich schepps auf den Barrikaden. Auch eine Guillotine gehört zu den Ausstellungsstücken. Ebenso finden sich Graffiti mit Konterfeis von Che Guevara, Mao und Co. sowie Donald Trump als Plastikfigur. Und Smartphones, auf denen jeder sehen kann, was auf Twitter gerade unter Hashtag „Rebellion“ zu lesen ist.

Service

Die Schau „Revolution! Für Anfänger*innen“ ist vom 21. April bis 11. November im Badischen Landesmuseum zu sehen. Geöffnet ist die Ausstellung dienstags bis donnerstags von 10 bis 17 Uhr, freitags bis sonntags sowie feiertags von 10 bis 18 Uhr.