Rollstuhlfahrerin
Ein selbstbestimmtes Leben soll Menschen mit einem Handicap künftig durch bessere Unterstützung erleichtert werden. Experten im Karlsruher Rathaus halten die neuen Gesetze für umwälzend, sehen sie aber auch als Bestätigung ihrer Praxis. | Foto: Seeger

Startschuss für mehr Teilhabe

Karlsruher Sozialexperten haben bei Reform die Nase vorn

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Einkaufen, Wäsche waschen, Staub saugen: klingt vielleicht nach langweiliger Alltagsroutine. Aber viele Menschen, die auf den Rollstuhl angewiesen oder anderweitig durch eine Behinderung stark eingeschränkt sind, träumen davon, all dies in selbst gewählter Umgebung aus eigener Kraft zu tun. In Karlsruhe sind etwa 2 400 Menschen, davon rund 2 000 Erwachsene, heute oder in absehbarer Zeit in dieser Situation.

Chance auf Teilhabe soll gestärkt werden

Es sind die Einwohner der Fächerstadt, die Eingliederungshilfe vom Sozialamt erhalten. Trotz Handicap selbstbestimmt zu leben, möglichst auch einen festen Job, eigene Einkünfte, Kollegen zu haben, einen privaten Freundeskreis zu pflegen – diese Wünsche erfüllen sich bei weitem nicht für jeden. Jetzt aber ändert sich die Lage für die Anspruchsberechtigten und ihre Familien. Denn die Chancen auf Teilhabe trotz Handicap sollen sich deutlich verbessern.

Startschuss für Fachleute

Nach einem Jahrzehnt politischen Tauziehens ist dem Bundesteilhabegesetz in Berlin nun auch der entsprechende Umsetzungsbeschluss des Stuttgarter Landtags gefolgt. Das ist der Startschuss für die Fachleute in der Sozial- und Jugendbehörde Karlsruhe. Sie sehen sich in ihrer Praxis bestätigt. Ihr Vorgehen wird bundesweit als vorbildlich diskutiert – ein weiteres Mal, nach ähnlichen Erfolgen etwa mit dem Karlsruher Pass oder der Raumakquise für Wohnungslose.

Karlsruher vertreten Position des Städtetags

Diesmal trugen Karlsruhes Sozialdezernent Martin Lenz und drei seiner Experten in der Bundeshauptstadt die Position des Städtetags zu verbesserter Teilhabe vor. Sie waren damit faktisch die Stimme aller deutschen Städte und Kommunen.

Umwälzeffekt erwartet

Obwohl die Karlsruher die Nase vorn haben, erwarten sie von der beschlossenen Richtungsänderung für mehr individuelle Rechte und Förderansprüche umwälzende Effekte. Das bisher rund 40 Personen umfassende Team dieses Zuständigkeitsbereichs wird Neuland betreten – fast so wie bei der Einführung von Hartz IV und seitens der Sozialbehörde sogar mit breiteren Effekten als bei der Reform der Pflege.

Mit allen Interessierten diskutieren

„Zurzeit ergibt sich täglich Neues“, berichtet der Leiter des Bereichs Eingliederungshilfe, Torsten Klein.
In die Debatte über die nächsten Schritte will Sozialbürgermeister Martin Lenz vom Fleck weg öffentlich einsteigen – auch aufgrund guter Erfahrungen mit dem Elternforum Inklusion. „Warum nicht mit allen Interessierten im Albert-Schweitzer-Saal zusammenkommen und die unterschiedlichen Positionen diskutieren?“, fragt Lenz.

Von Anfang an mit im Boot

So säßen die Träger, die Wohnheime oder Wohngemeinschaften für Menschen mit Behinderung unterhalten, sowie die Betroffenen selbst von Anfang an mit im Boot. Die Erprobung neuer Modelle wird Klein schon angeboten.

Neues Beratungsangebot ab Juni

In die jetzt gesetzlich verankerte unabhängige Beratung passt das Konzept der Paritätischen Sozialdienste Karlsruhe haargenau. Geschäftsführer Peter Kohm holt Mitte April die erste von drei hauptamtlichen Sozialarbeiterinnen für diese neue Aufgabe in das Hardtwaldzentrum, starten soll das Beratungsangebot im Juni.

Teilhabe definiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „Einbezogensein in eine Lebenssituation“. Mit Blick auf Menschen mit einer Behinderung fordert sie, auch Wechselwirkungen zwischen einem gesundheitlichen Problem oder einer medizinisch diagnostizierbaren Schädigung einerseits und Umweltfaktoren andererseits zu berücksichtigen, die Teilhabe beeinträchtigen.
Zur Verwirklichung des Anspruchs auf Teilhabe sind im Sozialgesetzbuch Leistungen verankert, um eine Behinderung abzuwenden, zu beseitigen, zu mindern, Verschlimmerung zu verhüten oder Folgen zu mildern, um
Einschränkungen von Erwerbsfähigkeit zu vermeiden oder zu mindern und Teilhabe am Arbeitsleben nach individueller Neigung und Fähigkeit dauerhaft zu sichern sowie um die Teilhabe am Leben und eine möglichst selbstständige, selbstbestimmte Lebensführung zu ermöglichen oder zu erleichtern.