Klangvolle Kaiserstraße: Karlsruhes große Einkaufsmeile wird auch von Straßenmusikern gerne besucht – vor allem am Wochenende, wenn es besonders viele Menschen als potenzielle Zuhörer in die Innenstadt zieht. | Foto: Jörg Donecker

Musiker in der Innenstadt

Karlsruher Straßen sind ihre Konzertbühne

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Den Gitarrenkoffer gepackt und ab auf die Straße, das noch ahnungslose Publikum in der Fußgängerzone bespielen – mal sehen, ob es den Leuten heute gefällt. Dieser Herausforderung stellen sich auch in Karlsruhe viele Straßenmusiker. Besonders an Samstagen,wenn die Innenstadt voll ist mit einkaufswütigen Besuchern, sieht – und hört – man sie, die Troubadoure, die sich singend und klingend in die Geräuschkulisse der Stadt einfügen.

Die musikalische Bandbreite ist dabei groß: Während mancher sich wundert, wo denn die peruanischen Panflötisten aus der Kaiserstraße geblieben sind, erinnert sich eine andere an Cris Cosmo, wie er, einige Jahre vor seiner Echo-Nominierung 2002, im Schottenrock vor der Karstadt-Filiale sang.

Drehorgelmusik und „Despacito“

In der Erbprinzenstraße konnte man in letzter Zeit häufig ein Ein-Mann-Orchester spielen hören, der Radio-Sommerhit „Despacito“ wurde auf dem Kirchplatz vor St. Stephan von einem Männertrio mit Querflöte, Klarinette und Fagott inszeniert.

Regelmäßig stehen Drehorgelspieler vor der Badischen Landesbibliothek oder entlang der Kaiserstraße. Punkrock und Grunge schallten ebenfalls schon durch die Stadt: Vier junge Australier traten Ende August unter dem Bandnamen Mixed Up Everything vor der Industrie- und Handelskammer auf und gaben Songs von Green Day, Pearl Jam oder den Foo Fighters zum Besten.

Die Geschmäcker sind nun einmal verschieden, und in Karlsruhe ist stilistisch alles erlaubt – solange sich niemand von der Musik gestört fühlt und gewisse Grundregeln eingehalten werden (siehe auch Infokasten). Seit der Einführung des Kommunalen Ordnungsdienstes (KOD) in der Fächerstadt seien offizielle Beschwerden, etwa von Gewerbetreibenden vor Ort, deutlich weniger geworden, erklärt Matthias Günzel vom Karlsruher Ordnungsamt. „Die Kollegen vom KOD regeln das meistens direkt im Gespräch.“

Wer in Karlsruhe als Straßenmusiker auftreten will, braucht anders als in vielen anderen Städten in Deutschland grundsätzlich keine Genehmigung von offizieller Seite und muss sich auch nicht vorab anmelden. Jedoch müssen ein paar Grundregeln eingehalten werden. Es darf an ein und derselben Stelle maximal 30 Minuten lang gespielt werden, danach müssen die Musiker und Bands mindestens 30 Meter weiter ziehen. Es dürfen außerdem keine elektronischen Verstärker benutzt werden – jedenfalls nicht ohne Sondererlaubnis vom Ordnungsamt.
In den Karlsruher Straßenbahnen ist das Musizieren grundsätzlich verboten. Allerdings besteht die Möglichkeit, für besondere Aktionen vorab eine Erlaubnis bei den Verkehrsbetrieben (VBK) einzuholen.

 

Woher die Musiker ihren Weg in die Fächerstadt finden, kann Günzel nicht sagen. „Wir wissen da nichts Näheres, das erfragen wir ja nicht“, erklärt er. Beim Ordnungsamt wird das Aufkommen an Straßenmusikern nicht gesondert erfasst, daher kann er auch keine konkreten Zahlen nennen. Vor allem an Samstagen, während der Öffnungszeiten der Geschäfte, und besonders im Sommer sowie in der Vorweihnachtszeit seien viele Einzelkünstler und Gruppen unterwegs. Über die Wintermonate hielten sich aber tendenziell mehr Bettler als Musiker in Karlsruhes Straßen auf.

Straßenmusiker oder Bettler?

Zuweilen beobachte man eine Durchmischung von Straßenmusik- und Bettlerszene. „Es kommt vor, dass der KOD eine Person am einen Tag beim Betteln ermahnt, und am Folgetag tritt sie als Straßenmusiker auf.“ Das sei natürlich erlaubt. „Es muss eben alles in einem Gewissen Rahmen sein. Wenn jemand über die Stränge schlägt, schreiten wir ein.“ Generell sei Straßenmusik ein belebender Faktor: „Sie trägt zur Attraktivität der Innenstadt bei“, findet Günzel.

Und für die unterschiedlichen Ensembles kann es ein erster Karriereschritt sein. Nicht wenige große Künstler hatten in der Straßenmusik ihren Anfang. Straßen-Erfahrung haben etwa die Kelly Family, die in den 90er Jahren riesige Konzerthallen füllte, die Sängerin Tracy Chapman oder die aktuell populäre Kölner Band AnnenMayKantereit, die den Karlsruhern spätestens seit ihrem Auftritt beim Fest 2015 ein Begriff sein dürfte. Und am Rande des Karlsruher Festivals wiederum sind alljährlich Straßenmusiker zu hören, die die Nähe zur Günther-Klotz-Anlage suchen.

Besser als jede Probe

Auf dem Gutenbergplatz sind des öfteren die Desafinados zu hören: Bernhard Dürr und Jochen Roddewig sehen sich eigentlich nicht als Straßenmusiker. Die beiden spielen seit 25 Jahren zusammen, doch erst seit etwa sechs Jahren auch mal ohne Auftrag und im öffentlichen Raum. „Ich wollte das eigentlich mein ganzes Musikerleben lang mal ausprobieren“, erzählt Dürr.

Gratis-Konzerte auf dem Gutenbergplatz gibt hin und wieder das Musiker-Duo Desafinados.
Gratis-Konzerte auf dem Gutenbergplatz gibt hin und wieder das Musiker-Duo Desafinados. | Foto: pr/Desafinados

„Es ist eine sehr interessante Angelegenheit, besser als jede Probe. Denn die Leute gehen ja nicht extra aus dem Haus, um uns zu hören.“ Und so erhalten die Desafinados auf dem Gutenbergplatz unverfälschte Reaktionen. Und neue Aufträge. „Wir machen abgesehen von Plakaten für konkrete Konzerte ja keine Werbung“, sagt Dürr. „Das Spiel ist unsere Werbung. Und da gehört auch die Straße dazu.“