Das Karlsruher Wildparkstadion. | Foto: privat

Kommunalpolitik

Wildparkstadion Karlsruhe: Die Angst vor einem Scherbenhaufen

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Anrufe von verärgerten Bürgern bei den Stadträten, eine Überzeugungstour des unter Druck geratenen KSC-Präsidenten Ingo Wellenreuther durch Fraktionen des Gemeinderats, ein OB, der einen öffentlichen Vertrauensverlust konstatiert und vom KSC noch mehr Zahlen will: Am 23. Oktober soll im Gemeinderat die Entscheidung fallen, welches Bauunternehmen das neue Wildparkstadion bauen soll.

Je näher diese Entscheidung rückt, desto angespannter ist die Kommunalpolitik. Vor allem jene Fraktionen, die den Neubaukurs stützen. Also im wesentlichen CDU, SPD und FDP. Noch hält die kommunalpolitische Mehrheit für den Neubau des Wildparkstadions. Das Projekt als solches hat keinen zeitlichen Spielraum mehr: Die Vergabe muss im Oktober entschieden werden, das Ende des sogenannten Vergabekorridors ist erreicht. Die Angebote der drei Baufirmen liegen vor, sie müssen sie nur einen bestimmten Zeitraum aufrechterhalten. Verzahnt ist diese Vergabe mit den Arbeiten zum Abriss der Wälle – der Vertrag dafür ist nur noch bis November kündbar. Beliebig die Stadionpläne verkleinern oder völlig neuausrichten, geht auch nicht. Es gibt einen Vertrag zwischen Stadt und KSC, der genau definiert, was das Stadion bieten muss.

Eine lange Vorgeschichte

Die unbefriedigende sportliche Situation des KSC, die erneut gescheiterten Aufstiegspläne, der Abgang des bisherigen Geschäftsführers, die angespannte Finanzlage: In anderen Städten hätte dies schon ausgereicht, um alles zum Platzen zu bringen. Doch nicht – oder noch nicht in Karlsruhe. Um das Festhalten der kommunalpolitischen Mehrheit am alles im allen 122 Millionen Euro teuren Projekt verstehen zu können, muss man auf die lange Vorgeschichte blicken. Der Weg zur Neubauentscheidung zog sich über Jahrzehnte und ist das Ergebnis eines jahrelangen Ringens und Abwägens. Hinzu kommt: Der KSC ist ein Traditionsverein, verwurzelt und akzeptiert in Stadt und Region, auch in Zeiten von Tiefen, viele Stadträte fühlen sich ihm emotional verbunden. Dass 25.000 Fans sich im vergangenen Mai beim Relegationsspiel drängelten, hat die Ausstrahlungskraft des Vereins in die Region auch jenen noch einmal deutlich gemacht, die sich nicht als Fußballfans sehen. Dass ein einstiger und bis heute hoch angesehener Oberbürgermeister wie Gerhard Seiler als Notvorstand den Verein 2002 vor dem Untergang rettete, ist Karlsruhe pur und wärmt die Herzen der Fans noch heute. Und den Unterstützern im Gemeinderat ist klar, sollte es im Oktober nicht klappen, dann ist das Gesamtprojekt geplatzt, auf null gestellt – und eigentlich kein Problem gelöst, aber zahlreiche neue geschaffen. Denn das Stadion gehört der Stadt, der KSC ist nur Pächter. Auch eine reine Sanierung würde rund 40 Millionen Euro kosten, die Vorgaben von DFB und Polizei wären nicht erfüllt.

Wenn nicht jetzt, wann dann?

„Der Erhalt des aktuellen Stadions kostet auch jetzt schon sehr viel Geld“, daran erinnerte OB Mentrup. Und eines ist auch klar. „Ohne neues Stadion wird es keinen Profifußball in Karlsruhe mehr geben“ – eine Aussage, die der OB bei mehreren Gelegenheiten wiederholt hat. Ein Scheitern wäre ein gigantischer kommunalpolitischer Scherbenhaufen, dies ein halbes Jahr vor der Kommunalwahl im Mai 2019. Diese Aussicht vor Augen und der Blick auf die vergangenen Jahrzehnte, auf all die Krisen, Krächen und Katastrophen verhindern bisher das Zündeln am Projekt aus den Reihen der Mehrheitsfraktionen. Bei CDU, FDP und SPD stehen die Signale weiter pro Stadionbau. Zentrales Argument: Wenn jetzt die Entscheidung nicht fällt, passiert die nächsten Jahrzehnte nichts. Generationen von Kommunalpolitikern und Vereinsfunktionären lagen sich in der Stadionfrage entweder in den Armen – oder sie zerstritten sich. Was Auswirkungen auf das politische Klima vor allem innerhalb der Karlsruher Christdemokratie hatte.

Ab 2000 erste Debatten über Neubau

Im Frühjahr 2000 gab es erste Debatten über einen Stadionneubau. Auf Initiative des damaligen KSC-Präsidenten Detlef Dietrich legte Stardesigner Luigi Colani einen Stadionentwurf vor, der ein Luftschloss blieb. Im Februar 2007 stimmte der Gemeinderat mehrheitlich für einen 58 Millionen teuren Umbau. Ein Jahr später brachte der CDU-Bundestagsabgeordnete Ingo Wellenreuther andere Standorte ins Spiel, was CDU-OB Heinz Fenrich hell empörte – der Grundstein der gegenseitigen Konflikte war gelegt. Im Oktober 2008 entschied der Rat erneut für einen Umbau und lag damit konträr zum KSC, der ein Investorenmodell bevorzugte. In der Folge gerieten sich OB Fenrich und der einstige IHK-Präsident Bernd Bechtold in die Haare, weil letzterer der Stadt vorwarf, die Rolle des KSC zu verkennen. Im Januar 2009 fokussierte sich der potenzielle Investor Newport auf einen Standort am Gleisdreieck an der A5, die CDU-Fraktion favorisierte kurz danach auch diesen Standort und stellte sich damit gegen den OB – was das gegenseitige Verhältnis bis zum Ende von Fenrichs Amtszeit nachhaltig beschädigte. Im September 2009 erklärte Fenrich die Pläne von Newport für gescheitert. Der Ofen zwischen Fenrich und Wellenreuther war endgültig aus, was sich bis zur OB-Wahl auswirken sollte.

Neuanlauf mit Mentrup

Einen Neuanlauf gab es mit Frank Mentrup. Der Sozialdemokrat hatte 2012 im Wahlkampf die Lösung der Stadionfrage zum Thema gemacht – einen Wahlkampf, den er dann gegen den Christdemokraten und KSC-Präsidenten Ingo Wellenreuther gewann. Ab sofort waren die einstigen Kontrahenten praktisch zur Zusammenarbeit verpflichtet. Damit entstanden ganz neue kommunalpolitische Schlachtordnungen. Mentrup, der mit Fußball persönlich wenig am Hut hat, steht bei diesem Projekt eigentlich gegen einen gewichtigen Teil seiner Anhängerschaft, der sogenannten „Mentrup-Mehrheit“. Diese besteht aus der SPD, aber auch aus Grünen, Karlsruher Liste (KAL) und Piraten. Grüne und Kult-Fraktion (KAL, Piraten und Die Partei) gehören allerdings seit Jahren zu den schärfsten Kritikern des Neubauprojekts, genauso Die Linke. Beim Stadion votierten SPD und CDU gemeinsam. Mentrup-Mehrheit hin oder her, es funktioniert weiterhin bei zentralen Fragen eine Große Koalition im Gemeinderat. 2013 wurde die Diskussion um potenzielle Standorte nochmals aufgenommen. Im Dezember 2013 fiel eine Entscheidung des Gemeinderats für den Wildpark. Die Verwaltung erhielt den Auftrag, sowohl eine Generalsanierung wie einen Neubau zu planen. Im Oktober 2014 votierte der Rat mit Mehrheit, nur noch die Variante Neubau im Wildpark zu verfolgen. Mit viel Personalaufwand betrieben Stadt wie KSC Planungen und Verhandlungen und verhakten sich gleich mehrfach ineinander.

OB und Präsident im Fokus

Die Konfliktlage war so groß, dass es eines Moderators wie IHK-Präsident Wolfgang Grenke bedurfte. Als schließlich im November 2016 der Vertrag unterzeichnet wurde, war den Beteiligten die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. Und nun stehen wieder die zwei gleichen Personen im Fokus, nämlich der OB und KSC-Präsident Wellenreuther. Dass der OB, der sich im Herbst 2020 zur Wiederwahl stellen will, die Entscheidung nun sinngemäß in die Hände des Gemeinderats legen will, kommentiert manch Stadtrat bissig: „Ein Erfolg geht mit ihm nach Hause, bei einem Misserfolg geht es auf unser Konto,“ heißt es gegenüber den BNN. Und in der CDU-Fraktion gibt es zwar kaum Zweifel am Stadionbau, aber erste Stimmen, die sich fragen, ob angesichts der Dissonanzen Ingo Wellenreuther an der Spitze des KSC überlebt.