Erika Kerstner kümmert sich um die Belange von Missbrauchsopfern und um den Umgang mit dem Glauben nach Gewalterfahrungen. 2012 wurde sie für ihre Arbeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.
Erika Kerstner kümmert sich um die Belange von Missbrauchsopfern und um den Umgang mit dem Glauben nach Gewalterfahrungen. 2012 wurde sie für ihre Arbeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. | Foto: jodo

Erika Kerstner

Karlsruherin gibt Opfern von sexuellem Missbrauch eine Stimme

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Mit einer gehörigen Portion Idealismus war Erika Kerstner vor 20 Jahren in ihr Projekt gestartet. Sie wollte die Perspektive von Missbrauchsopfern innerhalb der Kirche zeigen. „Ich dachte, ich renne damit offene Türen ein“, sagt sie. „Tatsächlich waren die ziemlich verschlossen.“

Aufgegeben hat die ehemalige Lehrerin trotzdem nicht. Sie stellte 2002 eine Website online. Seitdem hatte sie mit mehr als 700 Opfern – nicht nur aus der Kirche – Kontakt. „Dieses Thema ist für viele so beängstigend und bedrückend, dass es immer wieder aus der Öffentlichkeit verschwindet“, so Kerstner.

Anonyme Anlaufstelle im Internet

Auf ihrer Website beschäftigt sich die 69-Jährige mit Fragen, die sich christliche Betroffene stellen. Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Anfangs meldeten sich vor allem Frauen jenseits der 40. Sie wollten reden. Also hörte Erika Kerstner zu. „Es hat eine Weile gedauert, bis ich akzeptiert habe, dass ich eher eine Seelsorgerin für sie bin.“

Für viele Betroffene war der Online-Kontakt eine Chance. Sie konnten sich melden, ohne sich zu erkennen zu geben – ohne Name, ohne Adresse, ohne Foto. Das hat sich bis heute nicht geändert. Als Kerstner erkannte, dass viele den Austausch suchen, bekam ihre Website zunächst ein Forum.

Mittlerweile hat sich die Kommunikation auf eine Mailingliste verlagert. Und auf eine Selbsthilfegruppe, die sich im Karlsruher Stadtkloster in Dammerstock trifft.

Was ich von Opfern sexualisierter Gewalt höre, ist oft kaum auszuhalten.

Erika Kerstner

„Was ich von Opfern sexualisierter Gewalt höre, ist oft kaum auszuhalten“, erzählt die Wahl-Stutenseerin. Die meisten Betroffenen seien in ihrer Kindheit missbraucht worden, manche als Jugendliche, einige wenige im Erwachsenenalter.

So individuell die Leidensgeschichten sind, an den Folgen der traumatischen Erfahrung leiden viele ein Leben lang. „Ihr Alltag wird von diesen Erfahrungen geprägt“, erklärt Erika Kerstner. In ihrem Glauben seien viele tief erschüttert. „Da helfen keine theologisch geprägten Antworten mehr“, sagt sie. „Es geht um Zuhören, um Zeuge sein, um Begleitung im Alltag.“

1.500 Briefe an Kirchenfunktionäre

Beim Zuhören will es Erika Kerstner aber nicht belassen. In Vorträgen, in Gesprächen, auf ihrer Website und in Briefen kämpft sie für eine bessere öffentliche Wahrnehmung von Missbrauchsopfern, vor allem in den Kirchen. „Das ist sehr mühsam und geht furchtbar langsam voran“, erklärt sie.

Von 1.500 Briefen, die sie bis ins Jahr 2015 an Kirchenfunktionäre verschickt hat, sind zwei Drittel bis heute unbeantwortet. Kirchliche Betroffene würden mittlerweile „zur Kenntnis“ genommen, die Opfer unter den Gemeindemitgliedern hingegen kaum.

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Statistisch gesehen müsse man aber davon ausgehen, dass es die in jeder Gemeinde gibt. „Die Kirche ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt“, sagt die ehemalige katholische Religionslehrerin.

In der Pflicht sieht sie nicht unbedingt die Führungsriegen der beiden großen Kirchen, sondern jede einzelne Gemeinde. Dort spiele sich das Leben ab. „Man muss die Opfer ernst nehmen. Die Gemeinden sollten lernen, die Bibel auch aus Opferperspektive zu lesen“, fordert Kerstner. „Nur so kann man die Betroffenen mitnehmen statt sie am Rand der Gemeinde allein zu lassen.“

Erwartung nach Vergebung sorgt für Kopfschütteln

Besonders kritisch blickt Erika Kerstner auf die öffentliche Erwartungshaltung an die Opfer. Vor allem die Kirche erwarte von ihnen Vergebung, sagt sie kopfschüttelnd. „Aber das muss man differenzieren. Nachlässigkeit kann jeder verzeihen. Verbrechen nicht“, findet Kerstner.

Doch nicht nur in der mentalen, sondern auch in der juristischen Aufarbeitung sieht die 69-Jährige Handlungsbedarf. Bis heute kommen viele Täter ungeschoren davon, weil ihre Verbrechen verjährt sind, ehe ihre Opfer bereit waren, darüber zu sprechen. „Die Verjährung sollte aufgehoben werden, damit jedes Opfer selbst entscheiden kann, ob es auch Jahrzehnte später noch Anzeige erstatten will“, sagt sie.

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Ausgleich findet Erika Kerstner bei ihrer Familie

Die ehrenamtliche Arbeit hat Erika Kerstner in den vergangenen 20 Jahren geprägt und verändert. „Meine Antwortversuche in Gesprächen mit Missbrauchsopfern sind seltener geworden“, erzählt sie. Oft gebe es einfach nichts zu sagen. Aber auch Zuhören helfe den Betroffenen, eigene Antworten zu finden.

Gut vier Stunden beschäftigt sie sich Tag für Tag mit dem Thema Missbrauch. Um sich selbst zu schützen, nimmt sie immer wieder gezielte Auszeiten. Gegengewicht sind ihre drei Kinder und vier Enkelkinder. Auf ihre ehrenamtliche Arbeit wird sie so gut wie nie angesprochen. „Mich umgibt sehr viel Schweigen. Sogar Bekannte meiden das, wenn ich es nicht selbst aufbringe“, sagt sie.

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Vereinsgründung steht bevor

Für ihr Projekt hat Erika Kerstner mittlerweile zwei Mitstreiter gefunden. Seit 2006 wird sie von einer katholischen Theologin unterstützt, die sich für ihre Promotion mit Missbrauchsopfern beschäftigt hat. 2018 kam ein evangelischer Vikar dazu, der ebenso während seiner Studienzeit mit dem Thema in Berührung kam. Bald steht die Gründung eines Vereins an, um die Arbeit zu verstetigen.