Alles im Griff: Nach der verpassten Olympia-Qualifikation vor vier Jahren kam Leah Grießer stärker denn je zurück. | Foto: GES

Olympia

Karlsruherin Turnerin Leah Grießer: Tokio im Blick

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Die Karlsruher Turnerin Leah Grießer ist vor vier Jahren nach einem zehrenden Qualifikations-Rennen  im Olympia-Rennen leer ausgegangen.  Für Tokio in diesem Sommer will die 21-Jährige einen neuen Anlauf wagen – wenn die Gesundheit mitspielt. Ihr Antrieb ist die ungebrochene Freude am Turnen.

Es sind Tränen geflossen. Tränen des Glücks und Tränen der Enttäuschung. Tränen, die nach monatelanger Anspannung und einem zehrenden Qualifikationsweg einfach rausmussten, als sich Leah Grießer und Pauline Tratz im Juli 2016 in den Armen lagen.

Tratz hatte kurz zuvor die Nachricht erhalten, zumindest als Ersatzturnerin mit der deutschen Riege zu den Olympischen Spielen nach Rio fahren zu dürfen – anstelle von Grießer, ihrer Freundin und Teamkollegin bei der Kunstturn Region Karlsruhe (KRK). Vier Jahre später will Grießer nun einen neuen olympischen Anlauf wagen. Und die Geschichte von 2016 spielt dabei durchaus eine Rolle.

Nicht eine olympische Sehnsucht treibt die Athletin an

Allerdings nicht derart, dass sie es nach einem gescheiterten Versuch unbedingt noch einmal wissen will. Es ist nicht die pure Sehnsucht nach Olympia, die Grießer noch immer antreibt. „Es ist die Freude an der Bewegung, die Freude am Turnen“, sagt die 21 Jahre alte Medizin-Studentin, für die ihr Sport eine wahre Leidenschaft ist.

Was sich auch bei den Übungen zeige, findet ihre Trainerin Tatjana Bachmayer: „Leah turnt einfach wunderschön.“ Hinzu komme ein bemerkenswertes Pflichtbewusstsein. „Es kam vor, dass ihre Familie zum Skifahren gegangen ist, Leah aber zuhause blieb, weil sie gesagt hat: Ich habe Training“, erinnert sich Bachmayer.

Dass Grießer die Leidenschaft an ihrem Sport auch nach 15 Jahren noch nicht verloren hat, das sieht die Karlsruherin auch in der erfolgreichen Verarbeitung schwieriger Karriere-Phasen wie jener vor vier Jahren begründet. „Das war ganz sicher nicht jeden Tag ein Spaß“, sagt sie im Rückblick auf den langen Olympia-Kampf mit seinen Lehrgängen und Wettkämpfen.

Solche Erfahrungen gehören dazu, sie sind wichtig

Es war auch in der Folge, als erst mal die Leere kam, keine einfache Zeit. Aber eine, aus der Grießer schließlich neue Motivation schöpfte. „Solche Erfahrungen gehören dazu, sie sind wichtig“, sagt die Athletin der TG Neureut. Grießer kam stärker denn je zurück.

Der Knackpunkt kam nach dem Abitur 2017, das Grießer mit einem Einser-Schnitt abschloss, und einem Auslandsaufenthalt in Australien und Neuseeland im darauffolgenden Winter. Tatjana Bachmayer, die Grießer seit Kindesbeinen an trainiert, dachte damals: Das war’s jetzt.

Doch das Album mit Bildern aus den vielen gemeinsamen Jahren, dass Bachmayer von Grießer geschenkt bekam, war dann doch keines zum Abschied. Auch wenn es möglicherweise so gedacht war. „Am Ende war es nur noch ein Muss“, blickt Grießer auf die Zeit nach dem Sommer 2016 zurück. Dazu kam die Frage nach dem Abi: Was kommt eigentlich jetzt?

Ein Höhepunkt: Leah Grießer während ihrer Boden-Übung im WM-Teamfinale mit der deutschen Mannschaft 2018 in Doha. | Foto: imago-images

Als „riesige Befreiung“ empfand sie es, als der Studienweg für sie klar war. Und als Grießer im Frühjahr 2018 wieder in der Turnhalle stand, war der Spaß wieder da. „Ich habe gemerkt, was ich am Turnen habe und was mir das Turnen gegeben hat.“ 2018 wurde das erfolgreichste Jahr in Grießers Karriere, gekrönt mit dem Einzug ins WM-Finale mit der deutschen Mannschaft bei den Titelkämpfen in Doha.

Von Doha nach Tokio 2020 war der gedankliche Weg nicht mehr weit. „Warum soll ich es auch nicht noch mal probieren“, habe sie sich gedacht, erzählt Grießer heute. Da wusste die zweifache Deutsche Meisterin am Boden noch nicht, auf welche harte Probe sie gestellt werden sollte.

Grießer wartet auf die medizinische Freigabe

Knieprobleme bremsten Grießer im Herbst aus, ein hartnäckiges Pfeiffersches Drüsenfieber im Winter warf die Nationalturnerin weiter zurück. „Der Pfeiffer“, wie Grießer sagt, „hat mich echt umgelegt.“ Mit Folgen: Die Entzündung der ohnehin schon geschundenen Patella-Sehne verschlechterte sich wieder. Und so wartet Grießer derzeit noch immer auf die medizinische Freigabe.

„Ich muss das akzeptieren“, sagt Grießer, die nichts überstürzen will. Gesundheit geht vor. „Ich fände es cool, wenn ich in meinem weiteren Leben noch eine Patella-Sehne habe“, sagt sie. Ein Spruch, den Grießer so beiläufig und wie ruhig sagt, nicht raushaut. Eine Sprücheklopferin ist sie nicht, „keine Draufgängerin“, wie Bachmayer sagt. Vielmehr: klug und reflektiert. „Sie hat schon immer nicht einfach das gemacht, was man gesagt hat. Sie wollte es immer auch verstehen“, erzählt Bachmayer.

Erfolgreiches Duo: Trainerin Tatjana Bachmayer und Leah Grießer, hier beim DTL-Finale 2015 in Karlsruhe. | Foto: GES

Die Teilnahme an der diesjährigen Olympia-Qualifikation ist für Grießer eine „Möglichkeit, kein Muss“. Sie will alles tun, für ihre Chance, „aber nicht verkrampft“. Grießer, die in Mannheim im dritten Semester Medizin studiert, fährt dafür auch einmal die Woche nach Garmisch-Partenkirchen, um mit einer homöopathischen Behandlung ihr Immunstem zu stärken und findet sich zwangsweise sonst vor allem im Kraftraum wieder.

Im Juni wird es ernst in Hinblick auf Tokio

„Es ist wichtig, eine Grundfitness zu haben, bevor ich wieder an die Geräte gehe. Ich will da ja nicht wie ein nasser Sack dranhängen“, sagt Grießer. Sollte sie Anfang April die Freigabe erhalten, „würde das zeitlich noch passen.“ Ernst wird es für die KRK-Athletin im Juni, wenn die Olympia-Qualifikationen anstehen.

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Sie weiß, dass sie angesichts der starken Konkurrenz um Elisabeth Seitz & Co und der nur vier zu vergebenden Plätze im Team von Bundestrainerin Ulla Koch nur eine Außenseiterchance hat. „Aber für mich ist wichtig, dass ich alles probiert habe. Wenn es dann nicht klappt, ist es auch okay“, sagt Grießer, die seit gut zehn Jahren stets den jeweiligen Bundeskadern angehört und jetzt auch Teil des großen Olympia-Kaders ist.

Zeit und Belastung: Ein Leben am Limit

Mit ihrer sportlichen Laufbahn ist sie im Reinen, auch ohne Olympia-Teilnahme wäre es für sie „eine tolle Karriere“, findet Grießer. Sie war bei Welt- und Europameisterschaften der Senioren und Junioren, bei den Europaspielen und der Universade sowie Teil des deutschen Teams bei Länderkämpfen, Deutsche Meisterin und zigmal deutsche Vize-Meisterin mit dem KRK-Team. „Ein Leben am Limit“, war und ist es für Grießer angesichts des enormen Zeitaufwands sowie der Belastung für den Körper.

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Der Lohn sind nicht nur Titel und gute Platzierungen. Mit Pauline Tratz, die im Winter 2016 nach Los Angeles ging und dort für das College-Team der UCLA Bruins turnt, ist Grießer noch immer „dicke“ und im engen Kontakt. „Es ist schön zu wissen, durch das Turnen Freunde fürs Leben gefunden zu haben“, sagt Grießer.