Kick ums Geld: Fußballvereine müssen bei der Finanzierung möglichst breit aufgestellt sein. | Foto: GES

Finanzierung des Spielbetriebs

Kassenkampf in allen Klassen

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An der Basis herrscht Alarm. Der Volkssport Fußball ächzt. Das Ehrenamts-Dilemma belastet auch ihn. Die Aggression auf und neben den Plätzen erschwert die Schiedsrichter-Akquise. Mit der Serie „Notelf – die Sorgen der Amateure“ versucht sich diese Zeitung an einer Bestandsaufnahme in elf Teilen. Samstags im Zweiwochenrhythmus pfeifen wir immer ein neues Thema an. Die Nummer fünf:  Die Finanzierung des Spielbetriebs im Amateurfußball.

Die Nummer fünf der „Notelf“: Finanzierung des Spielbetriebs kostet nicht nur Nerven

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Aber trotz der jüngsten Lebenszeichen werden wohl doch all jene Recht behalten, die die Landesliga-Zugehörigkeit des SC Wettersbach schon zu Grabe getragen sahen, als am 22. Spieltag Sascha Reuter vom FC Ersingen im Sportpark Tannweg zum 2:0-Endstand traf. Reuter hatte in Höhe der Werbebande des örtlichen Bestattungsunternehmens Maß genommen. Fünf Spieltage vor Saisonende sieht es danach aus, dass der Tabellen-14. aus dem Karlsruher Höhenstadtteil, zu dessen rund 25 Unterstützern die Pietät zählt, als Absteiger die Trauerhilfe brauchen wird – nicht nur aus pekuniären Gründen. Vier Punkte fehlen vor dem 26. Spieltag noch auf den Relegationsrang.

Bis zu 500 Euro für drei Meter Bande

Auch Klassenkampf ist Kassenkampf – und Bandenwerbung ein elementarer Teil im Budget jedes Fußballvereins. Die Sätze, die die Clubs verlangen für den laufenden Meter, sind abhängig von den Spielklassen. Eine Drei-Meter-Bande bringt zwischen 250 und 500 Euro in den unteren Ligen ein. Meistens lassen sich Bandenwerber auch für eine Anzeige im Vereins- oder Stadionheft gewinnen, wie Frank Berger, der Vorstandsvorsitzende des Kreisligisten Fvgg Weingarten erklärt. Hinzu kommen auch Einnahmen durch Trikotwerbung, vielfach in Form der gesponserten Spielkleidung.

Inakzeptable Reizwäsche: bfv verbietet Werbung für Eros-Center

Bei der Partnerwahl sind den Clubs aber Grenzen gesetzt, wie die FT Kirchheim aus der Landesliga Rhein-Neckar gerade erkennen musste. Die Werbung für einen Heidelberger Eros-Center auf den Trikots erklärte der Badische Fußball-Verband (bfv) zur inakzeptablen Reizwäsche: Diese Trikotwerbung „widerspricht nach dem allgemeinen Verständnis des Verbandes den Grundsätzen von Ethik und Moral.“

Funktionäre plaudern lieber nur hinter vorgehaltener Hand

Im Jahr 2018 generierte ein Klassenkonkurrent der Fvgg Weingarten Werbeeinnahmen in Höhe von stattlichen 13 500 Euro, das seien fast 15 Prozent des Etats, berichtet dessen Finanzvorstand, der seinen Namen nicht erwähnt sehen möchte. Wie er, plaudern Funktionäre nur hinter vorgehaltener Hand aus dem Nähkästchen – Indiz dafür, dass das Thema Finanzierung im Amateurfußball ein sensibles ist.

Wir sind der Überzeugung, dass sich Vereine mitunter unter Wert verkaufen

Gemäß einer Studie von Manfred Schubert von der Deutschen Sporthochschule Köln zapfen Fußballvereine bis zu 20 verschiedene Einnahmequellen an. Basis sind seit Jahr und Tag die Mitgliedsbeiträge, laut der beim Amateurfußball-Kongress 2012 vorgelegten Studie werden auf diese Art 60 bis 90 Prozent des Budgets gedeckt. Rund 80 bis 120 Euro Jahresbeitrag sind die Regel.

Alle Beiträge der Serie Notelf: Hier lang.

„Wir sind der Überzeugung, dass sich Vereine mitunter unter Wert verkaufen angesichts der qualifizierten Angebote, die ein Verein bietet“, erklärt bfv-Pressereferentin Annette Kaul. In einer wissenschaftlichen Erhebung kam Pamela Wicker von der Sporthochschule Köln zu der Erkenntnis, dass Fußballvereine eher niedrige Beiträge erheben. Ihrer Expertise zufolge brächte eine Erhöhung von bis zu 20 Prozent keine signifikanten Vereinsaustritte. In Mehrspartenvereinen werden auch mehr und mehr Zusatzbeiträge für die Abteilung Fußball verlangt, auch über einen Zuschlag bei den Jugendtarifen wird vermehrt nachgedacht. Ein wichtiger Posten sind auch Zuschüsse von Kommunen und Sportverbänden.

Die finanzielle Situation ist für die meisten Fußballvereine nicht das primäre Problem. Laut Sportentwicklungsbericht des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) brennt den Verantwortlichen der Vereine im Amateurfußball vor allem das Problem der Rekrutierung von Ehrenamtlichen sehr viel stärker auf den Nägeln.
Bei einer statistischen Erhebung gaben 46 Prozent der Clubs an, dass die finanzielle Situation „kein Problem“ darstelle. 27 Prozent haben ein „kleines Problem“, 18 Prozent ein „mittleres Problem“, sechs Prozent bezeichneten die wirtschaftliche Notlage als „groß“ und für drei Prozent ist sie „sehr groß“.

Wenig Zaungäste: Philipp Selchert vom SC Wettersbach (links) im Duell mit Steffen Roth vom SV Langensteinbach. | Foto: GES

Rückläufig sind allerorten die Einnahmen durch Eintrittsgelder, auch die Spendenbereitschaft sei nicht mehr so groß wie früher, sagt Finanzvorstand Max Schmidt vom FV Malsch. Der 60-Jährige berichtet, dass ehedem 150 Zuschauer Durchschnitt waren, heute verlören sich oft nur noch 50 am Spielfeld. Bei einem Eintritt von 3,50 Euro seien heute „die Schiedsrichterkosten höher als die Zuschauereinnahmen.“ Die Klage über das gesunkene Interesse am meist sonntäglichen Kick führen so gut wie alle Vereine.

Zuschauerzahlen sind rückläufig

Zwei Hauptgründe seien dafür verantwortlich, meint Wolfgang Münch vom FC Unteröwisheim: „Früher haben viel mehr Leute aus dem eigenen Nachwuchs in der ersten Mannschaft gespielt, heute kommt der Großteil aus der Umgebung.“ Die Identifizierung mit dem Verein gehe damit verloren. Dass der Profifußball immer häufiger sonntags spielt, koste auch Besucher. Und nicht nur im Fall des FCU, der am 1. April die Mannschaft mangels sportlicher wie wirtschaftlicher Potenz aus der A-Klasse Bruchsal abmeldete, habe ein anderer Faktor ins Kontor geschlagen: „Durch die Umstellung beim Bankeinzug auf das Sepa-Verfahren haben viele Mitglieder erst gemerkt, dass sie Beiträge zahlen. Wir haben da die Hälfte unserer Mitglieder verloren, 120 von 240.“

Man muss immer mehr machen, um alles auch finanzieren zu können

In Sachen Finanzierung breiter aufgestellt als der FC Unteröwisheim sind viele Vereine wie der FV Malsch oder der SC Wettersbach. „Man muss immer mehr machen, um alles auch finanzieren zu können“, sagt Rüdiger Löffler, der Vorsitzende des SC Wettersbach. Unter seiner Regie hatte der Club vor einigen Jahren zusätzlich zum Sportfest ein Oktoberfest eingeführt: „Beide Feste laufen gut und sind zusammen mit den Einnahmen aus der Clubhausmiete Grundlage für den Etat der Fußballer.“

Feiern für den Etat der Fußballer

Der FV Malsch generiert Gelder auch durch die Vermietung seiner vereinseigenen Halle für diverse Veranstaltungen wie Box-Events. Dass der Kreisligist wirtschaftlich ganz gut dasteht, hat den Verein nicht davor bewahrt, nach der Saison 2017/18 mit dem letztlich erst in der Relegation verpassten Aufstieg drei Leistungsträger an den Landesligisten FV Fortuna Kirchfeld zu verlieren. Immerhin kassierte der FVM dafür aber auch ihm zustehende Ablösesummen.

Prämien – deklariert als Aufwandsentschädigung

Womit wir bei den Ausgaben wären. Es ist ein offenes Geheimnis, dass schon in niederen Ligen Prämien gezahlt werden, bisweilen auch eine garantierte Basissumme – deklariert als Aufwandsentschädigung für die Spieler in Form von Geld für Fahrten, Sportkleidung und Reinigung. Neben Ausgaben für die Infrastruktur, die individuell unterschiedlich ausfallen und im trockenen Jahr 2018 beispielsweise beim SCW allein an Wasserkosten fürs Duschen und die Beregnung der beiden Rasenplätze mit 23 000 Euro zu Buche schlugen (im Jahr zuvor 10 000 Euro), seien laut bfv „Prämien in den ersten Mannschaften ebenfalls ein Kostenfaktor“. Über deren Höhe habe der bfv keine Kenntnis, doch sei davon auszugehen, „dass sie in städtischen Bereichen deutlich höher sind als in ländlichen“. 50 Euro für einen Sieg gelten aber schon in der Kreisliga eher als die Regel denn die Ausnahme.

bfv sieht Geldflüsse im Amateurfußball kritisch

Der bfv erklärt: „Was wir wissen und vorliegen haben, ist die Zahl der Vertragsspieler, die über die Jahre hinweg relativ konstant ist und die sich zum allergrößten Teil in den Ligen ab der Verbandsliga aufwärts befindet.“ Inklusive den Drittliga-Profis des KSC waren es im bfv-Gebiet deren 480 im Jahr 2018. Ein Vertragsspieler bezieht ein Mindestgehalt von 250 Euro im Monat. Trainer auf Kreisebene sind oft Minijobber, aber auch ein hohes dreistelliges Honorar gilt als nicht ungewöhnlich. Generell sieht der bfv „die Geldflüsse im Amateurfußball kritisch“.
Sein mutmaßlicher Abstieg dürfte für den SCW einen positiven Effekt haben: Die Ausgaben sollten sinken. Aber womöglich sind dann ja wieder mehr Siege zu prämieren.

Ihre Erfahrungen sind gefragt: Wie erleben Sie die Situation des Vereinsfußballs, welchen Einfluss hat das Geld gewonnen, welche Rolle spielen Sponsoren?  Wir freuen uns auf Ihre Meinung: notelf@bnn.de