Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger möchte eine Diskussion anstoßen. | Foto: dpa

Projekt „Pastoral 2030“

Katholische Kirche vor epochaler Veränderung

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Die katholische Kirche wird sich massiv verändern – das sieht ein Arbeitspapier des Erzbistums Freiburg vor. Ehrenamtliche, Pfarrer, Kommunikation: Veränderungen soll es bis hin zur Pfarreiebene geben.

Als hätte er es schon gewusst, zitierte der Bühler Pfarrer Wolf-Dieter Geißler im vergangenen Sonntagsgottesdienst aus dem Buch Nehemia: „Macht euch keine Sorgen.“ Am Tag darauf erfuhr er von einem Konzept, das die katholische Kirche massiv verändern könnte. Das Erzbistum Freiburg hat das Arbeitspapier „Pastoral 2030“ veröffentlicht. Auf 40 Seiten sind Vorschläge beschrieben, die bei der diözesanen Pastoralkonferenz am 15. und 16. Februar diskutiert werden sollen.

Nach einem Austausch bis hinunter in die Pfarreien wird bei der Pastoralkonferenz 2021 wieder diskutiert, bis Ende des Jahres soll es eine Entscheidung geben. Der Freiburger Erzbischof Stephan Burger kündigte in einer Videobotschaft an: „Wir stehen vor grundlegenden Veränderungen, wie sie die Erzdiözese seit Jahrzehnten nicht gesehen hat.“ Darüber soll die Bistumszeitung Konradsblatt Kirchenmitglieder in dieser Woche informieren.

„Die Zeit der Volkskirche geht zu Ende“

Vor allem ein Aspekt dürfte für Diskussionen sorgen: Aus derzeit 224 Kirchengemeinden sollen 40 werden. „Aber das ist ein ganz anderer Typ von Pfarrei als den, den wir kennen“, betont Ordinariatssprecher Wolfgang Finke. Der Blick auf die Details des Arbeitspapiers ist wichtig, es handelt sich um ein sensibles Thema. In so mancher Pfarrei sorgt die Reform von vor vier Jahren noch heute für Unruhe. Da wurden die 327 Seelsorgeeinheiten zu 224 zusammengefasst. Durch gemeinsame Pfarrgemeinderäte und gemeinsame Stiftungsräte sollte die Arbeit vor Ort gebündelt werden. Dabei sollten auch neu geschaffene Gemeindeteams in einzelnen Pfarreien helfen. Viele Neuerungen für ein altes System.

Es muss aber weiter gehen, wie Erzbischof Burger betont: „Heute müssen wir realistisch sehen, dass die Zeit der Volkskirche zu Ende geht. Vieles, was über lange Zeit das Leben in der Gemeinde gekennzeichnet hat, trägt nicht mehr.“ Burger spricht von alternden Gottesdienstbesuchern, Priestermangel und Entfremdung zwischen Kirche und Gesellschaft. Auch die finanziellen Möglichkeiten würden abnehmen. Also braucht es ein neues Verständnis von Pfarrei, wie es in dem Papier heißt.

Mehr Freiheiten: Professioneller Geschäftsführer

„Dieser tiefe Einschnitt ist notwendig, wenn wir nicht in wenigen Jahren wieder von vorne beginnen wollen“, betont Erzbischof Burger. „Das wird für Diskussionen sorgen, da machen wir uns keine Illusionen – auch, dass das zunächst Ängste und Unsicherheiten auslösen kann“, sagt Ordinariatssprecher Wolfgang Finke. „Wichtig ist: Es ist ein Vorschlag.“

Der ist erst vor allem eines: tiefgreifend. Ehrenamtliche, Leitung, Struktur, Kommunikation, Gremien – so ziemlich alle Bereiche der Seelsorge vor Ort werden darin aufgegriffen. Zur neuen Vorstellung einer Pfarreileitung etwa heißt es: „Sie baut noch mehr auf Kooperation und Delegation auf.“ Manche leitende Pfarrer würden dadurch mehr Verantwortung übernehmen, andere mehr Freiheiten bekommen, erklärt Finke. Kirchenrechtlich gebe es vor Ort mehr Möglichkeiten, etwa die Einführung eines professionellen Geschäftsführers.

Eine Entlastung für die Ehrenamtlichen?

„Die Verwaltung muss auch professionalisiert werden“, sagt der Bruchsaler Dekan Lukas Glocker. Beispielsweise beim Datenschutz gebe es hohe Standards. „Manche Ehrenamtliche waren über der Belastungsgrenze.“ Das Arbeitspapier sei ein großer Wurf – den brauche es auch: „Ich bin froh, dass es keine weitere Salamitaktik gibt.“ Der Karlsruher Dekan Hubert Streckert gibt zu: „Das ist zunächst ein Schock – man ist baff.“ Die Vorschläge seien „eine epochale Veränderung. Die Kirche, in der ich groß geworden bin, ist darin kaum wiederzuerkennen.“ Die Pfarreien werde das überraschen, mit ihnen müsse man viel kommunizieren. „Wenn wir Dinge neu denken, haben wir auch eine Chance.“

Diözesanratsvorsitzende Martina Kastner hält Kontakt zu den Pfarreien vor Ort. „Viele, die das gewohnte System kennen, werden vor den Kopf gestoßen und denken: Jetzt wird es noch größer.“ Den Menschen sei vor allem die Kirchengemeinde zuhause wichtig. „Viele haben auch genug von Strukturdebatten.“ Kastner befürchtet, dass sich deshalb weniger Kandidaten für die Pfarrgemeinderatswahl 2020 aufstellen lassen. Vor allem müsse man daher über die Chancen sprechen: „Dass die Leute in der Pfarrei nicht mehr der Verwaltung nachhecheln, sondern auch wieder was Schönes machen können.“ Das Kümmern um die Kirchengebäude etwa „frisst unheimlich viel Energie und Zeit.“

„An der Zeit, an Grundfesten zu rütteln“

Die Diözesanratsvorsitzende hofft, dass es sich bei dem 40-Seiten-Papier lediglich um einen Anstoß handelt. Das Wort „Zölibat“ kommt darin gar nicht, das Wort „Frau“ nur siebenmal vor. „Nicht so, wie ich es mir vorstelle“, sagt Kastner. „Es ist an der Zeit, an solchen Grundfesten zu rütteln.“ Ob die Diskussion wirklich so weit geht, zeigt sich bei der Pastoralkonferenz. Mutmacher wie den Bühler Pfarrer Geißler gibt es schon mal: „Kreativität ist gefragt. Erschrocken nach vorne schauen, hilft nicht.“