Nicht nur Höhenflüge haben die Geschwister Linda und Guido Bergmann hinter sich. Doch selbst von schweren Zeiten ließen sich die Karlsruher Schausteller nicht unterkriegen. | Foto: jodo

Besuch auf der Mess‘

Kettenkarussell lässt Nostalgiker-Herzen höher schlagen

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Rauf mit dem Po auf einen der schaukelnden Sitze. Der Bügel rasselt beim Herunterziehen. Die Hände klammern sich an die kühlen Metallketten. Dann heben die Fahrgäste ab.

Das Kettenkarussell gewinnt an Fahrt

Von Runde zu Runde gewinnt das Kettenkarussell an Fahrt und man selbst an Schräglage. Der Wind pfeift um die Nase und lässt die Haare fliegen. Die Beine baumeln in der Luft. Ein Gefühl von Unbekümmertheit und Freiheit macht sich breit. Und wenn man die Augen schließt, fühlt es sich fast an wie Fliegen. Bis zwei Minuten und 24 luftige Runden später die Karussellflieger wieder sanft auf dem Boden der Tatsachen landen.

Unser Papa bewahrte es damals vor dem Schrottplatz.

Den Moment der grenzenlosen Freiheit bescheren den Mess’-Besuchern Linda Bergmann (31) und ihr Bruder Guido (35). Seit 1982 ist der Karlsruher Kettenflug im Besitz der Schaustellerfamilie und dreht auf dem Messplatz regelmäßig seine Runden. „Unser Papa bewahrte es damals vor dem Schrottplatz. Der Besitzer wollte es nicht mehr“, erzählen die Geschwister. Sowohl ihr Vater Lothar als auch Großvater Rudolf hatten jedoch ein großes Herz für die Nostalgie.

Großvater Rudolf bergmann baute ein Kinderkarussell nach dem Krieg

„Unser Opa hat nach dem Krieg sogar ein Kinderkarussell selbst gebaut, die Figuren geschnitzt und bemalt.“ Es dreht sich bis heute im Besitz der Familie und sorgt für leuchtende Kinderaugen. Auch die Bilder mit den barocken Szenen und Putten auf dem Kettenkarussell hat Opa Rudolf gemalt. Enkel Guido erbte sein künstlerisches Talent und hat es sogar noch um die Airbrush-Technik erweitert.

Warme Lichter lassen das Karussell strahlen

Besonders schön zur Geltung kommt der Kettenflug, wenn es dämmert und warme Lichter das Karussell strahlen lassen. Gut zwölf Stunden brauchen Guido Bergmann und seine zwei Mitarbeiter, um den Kettenflieger aufzubauen. Keine Hydraulik, nichts mit „einfach nur einen Knopf drücken“, keine Automatik – hier ist noch alles Handarbeit: jedes Einzelteil, jede Schraube… Zum Fliegen gebracht wird der Kettenflug nach wie vor traditionell mit einem Salzwasserantrieb.

Eine Erinnerung an die Jugend

Trotz dieser alten Technik behauptet sich das 1947 erbaute Kettenkarussell bis heute tapfer gegen die immer schneller und höher werdenden Fahrgeschäfte. Nicht nur Kinder steigen in den Kettenflug. „Immer wieder sind es auch Omis und Opis, die bei einer Fahrt Erinnerungen an ihre eigene Kinderzeit und Jugend wach werden lassen“, berichtet Linda Bergmann.

Ein Leben mit Höhenflügen und Tiefschlägen

Neben dem Kinderkarussell und dem Kettenflug besitzen die Geschwister auch noch den „Musikexpress“, eine klassische Berg-und-Tal-Fahrt. Einer solchen gleicht auch das Leben der beiden. Als ihr Großvater stirbt und der Vater schwer erkrankt, ist es für Linda und Guido vorbei mit der unbeschwerten Jugend. „Wir wurden quasi über Nacht erwachsen und standen plötzlich alleine da mit dem Geschäft“, erinnert sich Guido Bergmann, der kaum 18 Jahre alt geworden, gleich am Steuer des Lkw saß.

Die Geschwister halten eisern zusammen

„Es war nicht leicht für uns – selbst hier in Karlsruhe – Fuß zu fassen. Von vielen wurden wir nicht ernst genommen, weil wir so jung waren“, erzählt Linda Bergmann. Manch ein Schausteller unkt „die packen das nicht“ und schielt schon auf den Stellplatz. Doch die Geschwister halten eisern zusammen und kämpfen sich mit Herzblut durch. In den ersten drei Jahren machen sie alles selbst, nur ein Freund von Guido Bergmann hilft mit. „Wir konnten uns damals finanziell keine Mitarbeiter leisten. Es war eine harte Zeit“, berichtet Linda Bergmann.

Die Konkurrenz im Schaustellergewerbe ist groß

Der Schausteller-Job sei kein Zuckerschlecken. „Die Konkurrenz ist groß, der Kampf um die Plätze hart. Die Vorschriften werden immer mehr, die Kosten fressen einen auf, während die Einnahmen kaum steigen“, so die Bergmanns. Aktuell beschäftigt sie die neue Sicherheitsnorm DIN EN 13814 für „Fliegende Bauten“. „Wir müssen den Kettenflieger einer neuen Statikberechnung unterziehen lassen.“ Ein sehr teures und mit hohen Auflagen verbundenes Unterfangen. Die Geschwister bleiben bei ihrer Devise: Nicht aufgeben! „Wir wollen mit unseren Fahrgeschäften nicht reich werden, wir wollen einfach nur leben, zufrieden sein und unseren Frieden haben.“

Der Traum: Ein Platz auf dem Karlsruher Christkindlesmarkt

Einen Traum haben die Geschwister, vor allem Linda Bergmann wünscht sich einen Platz auf dem Karlsruher Christkindlesmarkt für den Kettenflug oder das Kinderkarussell. „Mein Opa hat es zwei Mal geschafft – ich bekam leider immer nur Absagen.“