„WIR KÖNNEN STOLZ SEIN, wie wir bei dieser Pandemie agieren“, sagt KfW-Vorstand Joachim Nagel. Der Top-Banker stammt aus Karlsruhe. Er fordert, in der Corona-Krise die Entwicklungsländer nicht zu vergessen. | Foto: KfW/Heinrich Völkel/Ostkreuz

Top-Banker aus Karlsruhe

KfW-Vorstand fordert Corona-Hilfe für Entwicklungsländer: Es geht um die globale Sicherheit

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Die staatliche KfW-Bankengruppe appelliert, in der Corona-Krise Solidarität mit Entwicklungsländern zu zeigen. Mehr als vier Milliarden Menschen hätten keinen Zugang zu einer sicheren Sanitärversorgung, sagt der aus Karlsruhe stammende KfW-Vorstand Joachim Nagel im Interview. Wasser und Seife seien oft Mangelware.

Weltweite Krisen sind für Joachim Nagel nichts Neues. Während der Finanzkrise lag sein Handy stets eingeschaltet neben dem Bett – er war seinerzeit Leiter des Krisenstabs bei der Bundesbank. Eine Situation wie die Corona-Krise hatte aber auch er nicht auf dem Schirm. Nagel appelliert, jetzt nicht die Entwicklungsländer zu vergessen – aus Gründen der Solidarität, der Sicherheit und weil die Exportnation Deutschland an finanziell stabilen Staaten interessiert sein müsse.

Im Vorstand der KfW-Bank – Deutschlands drittgrößtem Kreditinstitut – ist Nagel unter anderem für internationale Finanzierung verantwortlich. Mit ihm unterhielt sich BNN-Redakteur Dirk Neubauer.

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In Deutschland sind Menschen in Sorge, schwer an Corona zu erkranken oder gar zu sterben. Unternehmen stehen vor der Pleite; Mitarbeiter geraten trotz Kurzarbeitergeld finanziell ins Straucheln. Sie raten, den Blick dennoch auch in Entwicklungsländer zu werfen. Das müssen Sie erklären.

Nagel: Der Grund liegt auf der Hand. Die Covid-19-Pandemie macht ja an Grenzen nicht halt. Das haben wir ganz intensiv in Europa erlebt. Wenn man sich die globale Ausbreitung anschaut, beispielsweise in Afrika, dann kann man sehen, dass sich das Virus dort mit einer Verzögerung von zwei Monaten ausbreitet. Die Weltgesundheitsorganisation rechnet mit zehn Millionen Infizierten in den nächsten drei bis sechs Monaten. Es trifft besonders Länder, deren Gesundheitssystem sehr fragil ist. Die Menschen leben dort in prekären Situationen. Mehr als vier Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu einer sicheren Sanitärversorgung.

Einige werden argumentieren, Deutschland müsse zunächst an sich denken.

Nagel: Die Bundesregierung hat meines Erachtens gezeigt, wie schnell und verantwortungsbewusst ein Land handeln kann. Sie hat dafür gesorgt, in Deutschland die Infektionsketten zu unterbrechen Kurzum: Sie hat einen ausgezeichneten Job gemacht. Aber es ist sicherlich auch internationale Solidarität gefragt. Es muss klar sein: Europa steht für die ärmsten Länder der Welt ein. Wir haben es jedoch mit einer globalen Anstrengung zu tun. Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, Weltbank und Internationaler Währungsfonds sind ebenfalls gefordert. Die Weltgemeinschaft hat hier eine Aufgabe zu erledigen! Viele Länder werden in Zahlungsschwierigkeiten kommen. Deutschland muss als Exportnation auch ein ökonomisches Interesse daran haben, dass die Welt nach Covid 19 robust aufgestellt ist.

Sie sind beruflich häufig im Ausland unterwegs. Was sind Ihre Sorgen, wenn das Coronavirus in Favelas, Townships und Flüchtlingscamps grassiert?

Nagel: In meiner Anfangszeit bei der KfW habe ich einige Tage im indischen Pune in einem Slum verbracht. Ich habe im Rahmen meiner Tätigkeit auch Townships und Flüchtlingslager gesehen. Dort ist die Lage extrem schwierig. Es ist, nach unseren Maßstäben, kaum medizinische Hilfe vorhanden. Selbst Wasser und Seife sind Mangelware. Wir sind in den vergangenen Wochen ja alle zu Hobbyvirologen geworden – da muss man nicht viel dazu sagen, was es bedeutet, wenn Covid 19 in Slums, Flüchtlingslagern und Townships ausbricht.

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In Uganda gibt es nach Ihrer Kenntnis mehr Minister als Intensivbetten, Tansania hat gerade einmal rund zehn Beatmungsgeräte. Doch faktisch kann die westliche Welt da derzeit doch nicht aushelfen …

Nagel: … das kann sie sehr wohl. Es wird am Anfang darum gehen, die Pandemie in diesen Ländern zu bekämpfen, indem Soforthilfe im Gesundheits- und Hygienebereich bereitgestellt wird. Auch weitere stabilisierende Maßnahmen sind geplant. Das kann die KfW aber nicht allein. Als Förderbank führen wir beispielsweise enge Gespräche mit unserer Partnerorganisation in Frankreich, mit der EU und den Vereinten Nationen. Überall wird bereits an Projekten gearbeitet. Da können wir einiges erreichen.

Wie wird das kontrolliert?

Nagel: Wir sind von Anfang an dabei, schauen, wie das Geld ankommt und was alles umgesetzt wird. Wir haben in 70 Außenbüros eigene Leute vor Ort. Wir messen auch die entwicklungspolitischen Wirkungen unserer Projekte und Maßnahmen. Das ist alles sehr eingeübt.

Da koordinieren Sie in Ihrer Funktion mit.

Nagel: Ja, da gibt es einen engen Austausch. Wir als KfW machen Entwicklungszusammenarbeit seit 60 Jahren.

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Sie sind Volkswirt und wissen, dass viele Entwicklungsländer stark von Agrar- und Rohstoffexporten, vom Tourismus und von Rücküberweisungen von Verwandten abhängen. Was bricht derzeit durch Corona alles weg?

Nagel: Im Grunde genommen passiert vieles, was wir auch in unserem Land sehen können – in Entwicklungsländern ganz extrem. Es wird viel ausländisches Kapital abgezogen, bislang über 100 Milliarden US-Dollar aus diesen Ländern. Die Vereinten Nationen rechnen mit Einkommensverlusten von über 200 Milliarden US-Dollar in Entwicklungs- und Schwellenländern. Millionen Menschen stehen davor, ihren Job zu verlieren – oder sie haben bereits keinen mehr.

Für viele Entwicklungsländer sinken die Staatseinnahmen drastisch, weil Rohstoffeinnahmen fehlen. Es droht, dass sie handlungsunfähig werden. Werden solche Länder instabil, dann entstehen dort Unruhen und Gewalt. Das fördert auch terroristische Gruppierungen und wird damit zur Frage der globalen Sicherheit.

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Die KfW hat auf Wunsch der Bundesregierung Vorschläge für Corona-Notmaßnahmen im Umfang von mehreren Milliarden Euro für ärmere Staaten zusammengestellt. Wer soll es bezahlen?

Nagel: Ich glaube schon, dass die westliche Welt durchaus in der Lage ist, das zu finanzieren. Die Bundesregierung hat eindrucksvoll gezeigt, wie schnelle Hilfe zu Stützung der Wirtschaft erfolgen kann. Andere Akteure – wie etwa die Geldpolitik – leisten einen großen Beitrag. Die Europäische Zentralbank, die amerikanische und die britische Notenbank und andere Zentralbanken zeigen ihre monetäre Verantwortung und tragen zur Stabilität der Finanzmärkte bei.

Die Staatsverschuldung wird in Deutschland nach oben gehen. Dies ist jedoch verkraftbar, da Deutschland in den zurückliegenden Jahren verantwortungsvoll gewirtschaftet hat. Jetzt kann man es sich daher erlauben, fiskalisch gegenzuhalten und Solidarität mit anderen Ländern zu zeigen. Ich bin nicht pessimistisch: Die Corona-19-Pandemie ist finanziell zu bewältigen. Dafür braucht es aber alle wirtschaftlich starken Länder und Finanzakteure.

Wird die deutsche Gesellschaft politisch die Kraft haben, wie von Ihnen vorgeschlagen zu handeln?

Nagel: Die Bundesregierung hat, wie erwähnt, einen ausgezeichneten Job gemacht. Das wird auch im Ausland so gesehen. Wir können stolz auf unsere Demokratie sein, mit welcher Schlagkraft sie gegengehalten hat. Wir Bürger können stolz auf uns sein, wie wir bei dieser Pandemie agieren. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller zeigte schon vor Ausbruch von Covid 19 durch sein Handeln, welche Grundüberzeugung die Bundesregierung hat.

Die Bevölkerung weiß, dass Entwicklungszusammenarbeit kein Nischenthema sein kann. Deshalb bin ich überzeugt, dass es einen großen politischen Konsens für Hilfen in Entwicklungs- und Schwellenländern – gerade wegen Covid 19 – gibt.

In Indien haben durch Corona Hunderttausende Tagelöhner ihre Jobs verloren, in Bangladesch trifft es vor allem die Näherinnen. Wird die westliche Welt deutlich weniger (Vor-)Produkte aus Entwicklungs- und Schwellenländern beziehen, wenn die Corona-Krise erst einmal vorbei ist?

Nagel: Ich habe natürlich keine Kristallkugel. Nehmen wir das Beispiel Bangladesch: Dort sind bereits tausende Textilfabriken geschlossen worden. Die Menschen haben kein Einkommen mehr. Wir müssen ein Interesse daran haben, dass dort – zu vernünftigen Bedingungen – wieder Arbeit angeboten wird. Ich gehe nicht davon aus, dass wir in einer globalisierten Welt nach Covid 19 grundsätzlich anders arbeiten werden. Aber ich denke schon, dass jede Volkswirtschaft – auch die EU – sich künftig in einigen Bereichen ein Stück weit autarker aufstellen muss. Eine solche Situation wie Covid 19 hatte ja keiner wirklich auf dem Radar.

Sie meinen beispielsweise, was Mundschutz angeht oder Wirkstoffe für Medikamente, die kaum noch in Deutschland hergestellt werden?

Nagel: Genau. Ich denke, in solchen Bereichen müssen entwickelte Volkswirtschaften Vorsorge treffen.

Joachim Nagel (53) ist gebürtiger Karlsruher. Der zweifache Familienvater pendelte bis vor drei Jahren auch noch zwischen Pfinztal-Berghausen und Frankfurt. Nagel besuchte das Otto-Hahn-Gymnasium, studierte am heutigen KIT Volkswirtschaftslehre, wurde dort 1997 mit einem „sehr gut“ promoviert. Die SEW-Eurodrive-Stiftung unterstützte ihn 1998 mit einem Stipendium in Washington.
Der stets bescheiden auftretende Top-Banker war von 1999 bis 2016 bei der Deutschen Bundesbank, davon sechs Jahre im Vorstand. 2016 wechselte er zur KfW-Bankengruppe, die dem Bund (80 Prozent) und den Ländern gehört.
Vorstandsmitglied ist er dort seit 2017, unter anderem zeichnet er für Internationale Finanzierung verantwortlich. Die staatliche Förderbank ist – nach der Deutschen Bank und der DZ- Bank – mit einer Bilanzsumme von 506 Milliarden Euro hierzulande das drittgrößte Kreditinstitut. Sie beschäftigt rund 6.700 Mitarbeiter.
Zurück zu Nagel: Dieser war ab 2008 während der Finanzkrise Leiter des Finanzkrisenstabes bei der Bundesbank. Das SPD-Mitglied arbeitete 1994 für acht Monate als Referent für Finanzpolitik beim SPD-Parteivorstand. 2004 kandidierte er für den Karlsruher Gemeinderat. Zu seinen Hobbys zählt der Tennissport.