Mit seiner fast 30-seitigen Erklärung zur Situation im Amazonas geht Papst Franziskus nicht auf die Nöte der Kirchen-Engagierten vor Ort und auf die angeregten Reformen ein, so Kritiker.
Mit seiner fast 30-seitigen Erklärung zur Situation im Amazonas geht Papst Franziskus nicht auf die Nöte der Kirchen-Engagierten vor Ort und auf die angeregten Reformen ein, so Kritiker. | Foto: dpa

Nach Schreiben aus Rom

Kirchenvertreter aus der Region Karlsruhe sind vom Papst enttäuscht

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Der Papst hat entschieden: Priester dürfen weiterhin nicht heiraten, das Zölibat wird nicht gelockert. An der Kirchenbasis in und um Karlsruhe macht sich Ernüchterung breit – aber auch der Wille, die Motivation aufrecht zu erhalten.

In einem Interview wurde Martina Kastner letztens gefragt, was sie den Papst auf einer einsamen Insel fragen würde. „Was machen Sie mit den Ergebnissen der Amazonas-Synode?“ Die Frage trieb die Diözesanratsvorsitzende ebenso wie viele andere Kirchenbeteiligte um.

Schließlich hatten Bischöfe Papst Franziskus drei Wochen lang von ihren personellen Sorgen im Amazonas-Gebiet berichtet. Wird das Zölibat gelockert? Dürfen Frauen höhere Ämter übernehmen? Es war klar: Die Antworten des Papstes würden sich auf die Weltkirche auswirken. Was dann als Ergebnis aus Rom kam, löste bei Kastner eine „spontane Enttäuschung“ aus.

Das schrieb der Papst über Priester und Frauen

13.442 Wörter umfasst die Erklärung des Papstes – der Begriff „Zölibat“ fällt dabei nicht. Priester dürfen weiter nicht heiraten. Und Frauen? Die, so der Papst, helfen der Kirche, „indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben“. Sie sollen Dienste übernehmen, die „nicht die heiligen Weihen erfordern“.

Warum wird man nur wegen des Geschlechts degradiert?

Martina Kastner, Diözesanratsvorsitzende

Es ist eine Absage an den Reformwillen der Initiative „Mario 2.0“ und an die Katholischen Frauengemeinschaft, für die sich auch Kastner engagiert. „Wir Frauen dürfen durch die Glaswand gucken – aber nicht durchgehen“, sagt sie. „Warum wird man nur wegen des Geschlechts degradiert?“ Als oberste Laienvertreterin der Erzdiözese Freiburg spürt sie auch, wie die Rückmeldung aus Rom an der Basis ankommt.

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Diskussionen in der Region erwartet

Es wird dauern, bis aus der knapp 30-seitigen Papst-Erklärung in Bruchsal, Pforzheim oder Rastatt fundierter Gesprächsstoff wird. Kastner ahnt aber: „Es wird bei ganz vielen Menschen furchtbare Enttäuschungen hervorrufen.“ Sie selbst könne manche Sichtweisen fast nicht mehr erklären.

Der Papst betont in seinem Schreiben vor allem die Umwelt, die im Amazonasgebiet besonders gelitten hat. „Das ist auch wichtig“, sagt Kastner. „Aber hier wird es von zwei anderen Themen überlagert.“ Zölibat und stärkere Beteiligung von Frauen. Kastner setzt Hoffnung auf kleine Worte. „Vorerst“ liest sie etwa bei der Stellungnahme heraus. „Das sind Strohhalme, an denen wir uns festhalten.“

Freiburger Erzbischof sieht Papst-Schreiben positiv

Einen Strohhalm braucht der Freiburger Erzbischof Stephan Burger nicht. Er sieht das Schreiben des Papstes positiv, wie er gegenüber den BNN erklärt: „Ich lese die Aussagen so, dass Papst Franziskus den Weg eröffnet, dass die Kirche Frauen und Männern unabhängig von der Weihe mehr Verantwortung, Position und Bedeutung übertragen muss.“

Die Aufgabe, sich den Herausforderungen in Amazonien zu stellen, gebe der Papst an die dortigen Bischöfe zurück. Das könne, so Burger, „auch für die Situation der Katholischen Kirche in Deutschland bedeutsam sein“. Hier arbeiten Kirchenbeteiligte beim Synodalen Weg auch an Lösungen.

Er selbst stehe hinter dem Zölibat. „Aber ich kann auch die Menschen verstehen, die sich hier eine Lockerung gewünscht hätten.“ Auch könne er es nachvollziehen, „dass sowohl Frauen als auch Männer enttäuscht sind, weil sie sich mehr erwartet haben“.

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Bruchsaler und Karlsruher Dekane hätten sich Öffnung gewünscht

Zu denen gehört der Bruchsaler Dekan Lukas Glocker: „Ich hätte mich sehr gefreut, wenn der Papst zum Thema Zölibat und Weihe der Frau die Tür einen Spalt weit geöffnet hätte. Aber vermutlich war die Angst zu groß, dass das Ganze nicht mehr zu kontrollieren ist und die lokale Lösung für das Amazonasgebiet weltweit gefordert wird.“ Glocker betont: „Schade, aus meiner Sicht eine verpasste Chance.“

Die Hoffnungen, die wir hatten, sind massiv angekratzt.

Hubert Streckert, Karlsruher Dekan

Der Karlsruher Dekan Hubert Streckert zeigt sich ebenfalls „sehr, sehr enttäuscht. Die Hoffnungen, die wir hatten, sind massiv angekratzt.“ Eine verpasste Chance? „Das kann ich nur unterstreichen.“

Auch über das Frauenbild des Papstes macht sich Streckert Gedanken. „Es klingt wie das Bild von jemandem, der die Realität von Frauen in Deutschland und in der Gesellschaft nicht kennt. Ich halte sie genauso fähig für das Priesteramt wie Männer.“ Er hoffe nun, dass sich an der Basis etwas bewegt. „Das ist die einzige Hoffnung. Wir können nicht warten, bis Reformen im Vatikan entschieden werden.“

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Hiesige Bischöfe sollen Druck nach Rom weitergeben

Auch Diözesanratsvorsitzende Kastner legt Hoffnungen auf die Basis. Ein Weg für konkrete Verbesserungen könne sein, den Druck auf die hiesigen Bischöfe zu erhöhen – die dann den Reformwillen nach Rom weitergeben sollen. Kastner erklärt nach dem Dämpfer aus der Papst-Erklärung: „Wir müssen überlegen, wie wir die Spannung aufrechthalten. Ich bin schon noch kämpferisch – und es gibt noch viele Menschen, die mitkämpfen.“