Magersüchtige, wie das verstorbene Model Isabelle Caro, die mit solchen Fotos auf die Krankheit hinweisen wollte, hassen ihren Körper. Sport verschafft ihnen kurzzeitig Linderung. Er kann so aber auch schnell zur Sucht werden.
Magersüchtige, wie das verstorbene Model Isabelle Caro, die mit solchen Fotos auf die Krankheit hinweisen wollte, hassen ihren Körper. Sport verschafft ihnen kurzzeitig Linderung. Er kann so aber auch schnell zur Sucht werden. | Foto: dpa

Mit der Uni Freiburg

KIT-Forscher zeigen: Sport kann für Menschen mit Essstörungen gefährlich werden

Anzeige

KIT-Forscher haben gemeinsam mit Wissenschaftlern der Uniklinik Freiburg untersucht, wie sich das Sportverhalten von gesunden Menschen und Magersüchtigen unterscheidet. Dabei tut letzteren die körperliche Betätigung kurzzeitig gut – kann auf lange Sicht aber umso gefährlicher sein.

Jeden Morgen muss Saskia sich ihr Frühstück verdienen. Einen kleinen, fettreduzierten Joghurt und einen Apfel erlaubt sich die Studentin nur dann, wenn sie zuvor zwei Stunden gejoggt ist. Nach dem kargen Frühstück folgt ein Fußmarsch zur Uni.

Das spart Kalorien fürs Mittagessen, das meistens nur aus einem kleinen Salat ohne Dressing besteht. Manchmal folgt am Nachmittag noch eine Einheit auf dem Crosstrainer. Aufs Abendessen verzichtet Saskia ganz, dafür macht sie lieber ein paar Sit-ups.

Das Verhältnis von Energiebedarf und Energiezufuhr steht bei Saskia schon seit Jahren in einem krassen Unverhältnis, doch obwohl die 24-Jährige längst lebensbedrohlich mager ist, empfindet sie sich immer noch als zu dick. Die Magersucht hat Saskia fest im Griff und zwingt sie zu eiserner Disziplin. Es gibt nur einen winzigen Moment, in dem sie sich in ihrem Körper einigermaßen wohl fühlt: immer dann, wenn sie Sport gemacht hat.

Mehr zum Thema: Selbsthilfegruppe im Landkreis für Eltern von Betroffenen

Viele Magersüchtige betreiben Sport exzessiv

„Sport lindert für kurze Zeit den Schlankheitsdruck“, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie und Expertin für Essstörungen an der Universitätsklinik Freiburg, Almut Zeeck. Viele ihrer essgestörten Patienten, für die die fiktive Saskia stellvertretend steht, trieben deshalb exzessiv viel Sport. Wie bei jeder Droge, braucht es mit der Zeit immer mehr von dem Stoff, der glücklich macht. Und obwohl der Körper eines Magersüchtigen längst keine Energie mehr hat, wird er weiter zu Leistung gezwungen.

Welche Mechanismen Menschen in eine Sportsucht treiben, untersuchte jetzt eine Studie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) in Zusammenarbeit mit der Uniklinik Freiburg. Dafür stellte das Team um Almut Zeeck eine Kontrollgruppe zusammen, die besonders häufig von Sportsucht betroffen ist: essgestörte Menschen.

Der Essgestörte geht dann zum Sport, wenn er sich besonders schlecht fühlt

Sportwissenschaftler Markus Reichert

29 Anorexie- oder Bulimiepatienten der Psychosomatischen Klinik wurden für die Studie ausgesucht. Über längere Zeit wurde ihr Alltag genauestens untersucht und mit dem einer gesunden Kontrollgruppe verglichen.

Dabei trat ein auffälliges Muster auf: „Während die Gesunden immer dann zum Sport gehen, wenn sie sich besonders energiegeladen und dynamisch fühlen, geht der Essgestörte dann, wenn er sich besonders schlecht fühlt“, sagt der Sportwissenschaftler Markus Reichert vom KIT.

Mehr zum Thema: Karlsruhe hat jetzt eine Wohngruppe für Mädchen mit Essstörungen

Jede Bewegung der Studienteilnehmer aufgezeichnet

Die Karlsruher waren vor allem für die technische Seite der Studie verantwortlich. Sie verbanden die Smartphones der Studienteilnehmer mit einem kleinen Gerät, das – besser als jeder Schrittzähler – auch kleinste Bewegungen aufzeichnet. Dazu kommen Daten über Puls, Blutzucker und andere Parameter, das Handy erstellte so ein elektronisches Tagebuch. „Dieses ermöglichte uns, das dynamische Wechselspiel von körperlicher Aktivität und psychologischen Variablen im Alltag zu untersuchen“, erklärt Studienautor Reichert.

Dabei stellte das Forschungsteam fest, dass bei Patienten mit Essstörungen dem Sporttreiben ein Stimmungsabfall vorausgeht. Das mündet in einem gefährlichen Teufelskreis: „Sich nach dem Sport gut zu fühlen, führt zu erneutem Sport, wenn die Wirkung wieder abklingt“, resümiert Reichert.

Sport als Therapieform gezielt dosieren

Was tun mit den Erkenntnissen? „Wir lernen, wie man Sport in einer Therapie gezielt und dosiert einsetzen kann, um das Körpergefühl positiv zu beeinflussen“, sagt Markus Reichert. Auch gesunden Menschen könnte das helfen. Zum Beispiel durch eine wissenschaftlich fundierte App, die ihren Nutzer zum richtigen Zeitpunkt zu maßvoller Bewegung motiviert.