Wilde Rebsorten aus aller Welt sammelt Peter Nick vom Botanischen Institut des KIT. Der Professor erforscht Möglichkeiten, die chemische Schädlingsbekämpfung im Weinbau zu verringern. Im Gegensatz zur Kulturrebe wird der unkultivierte, wilde Wein beispielsweise nicht von Falschem Mehltau befallen.
Wilde Rebsorten aus aller Welt sammelt Peter Nick vom Botanischen Institut des KIT. Der Professor erforscht Möglichkeiten, die chemische Schädlingsbekämpfung im Weinbau zu verringern. | Foto: Patricia Klatt

Wildrebenprojekt

KIT-Professor Nick auf der Suche nach der Weinrebe der Zukunft

Weinreben sind anfällig für Krankheitserreger. Entsprechend häufig kommt in Weinbergen die chemische Keule zum Einsatz. Der unkultivierte wilde Wein hingegen ist immun gegen viele Schädlinge. KIT-Professor Peter Nick sammelt wilde Rebsorten aus aller Welt. Er und sein Team wollen durch Kreuzungen Abwehrtaktiken des wilden Weins auf die Kulturformen übertragen. Damit könnten die Karlsruher Forscher einen entscheidenden Baustein für den ökologischen Weinbau ohne Chemie liefern.

Von Patricia Klatt

„In vino veritas“ – „Im Wein liegt die Wahrheit“. Dieser Spruch bekommt im Botanischen Garten des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) eine ganz neue, besondere Bedeutung. „Wir haben hier eine in Europa einmalige Sammlung zusammengetragen“, sagt der Biologe Peter Nick. Der Professor für Molekulare Zellbiologie zeigt auf lange Reihen mit den Weinreben hinter sich. Es handelt sich nicht um „irgendwelche“ Reben – vielmehr repräsentieren die Pflanzen gesamte in Deutschland noch übrige genetische Vielfalt der Europäischen Wildrebe (Vitis sylvestris).

Viele Pflanzen von der Rheinhalbinsel Ketsch nördlich von Karlsruhe

„Chinesische Wissenschaftler haben die DNA jeder einzelnen Pflanze durchsequenziert und momentan sind wir dabei, daraus eine vollständige Datenbank für unsere weiteren Untersuchungen aufzubauen“, berichtet Peter Nick. Eines der letzten natürlichen Vorkommen der Wildrebe, die ursprünglich eine Auwaldpflanze ist, liegt auf der Rheinhalbinsel Ketsch nördlich von Karlsruhe – von dort stammen auch die meisten der Pflanzen im Botanischen Garten. „Andere kommen beispielsweise aus Armenien oder hier drüben wachsen auch salzresistente Formen aus Tunesien“, so der Professor.

Anfällige Kulturreben…

Kulturreben sind anfällig für Krankheiten wie den Falschen Mehltau und werden zum Schutz gegen den Befall mit diesen und anderen Krankheitserregern intensiv gespritzt. Etwa 70 Prozent der europäischen Fungizidproduktion gehen allein auf das Konto des Weinanbaus. Dabei wünschen sich immer mehr Verbraucher nachhaltigere Anbauformen.

… und widerstandsfähige Wildreben

„Die Wildform der Reben bieten da völlig neue Perspektiven“, erläutert Peter Nick. Denn in den Versuchen am KIT habe man festgestellt, dass die Wildreben gegen einige der im Weinbau verbreiteten Krankheiten wie Falscher Mehltau, Echter Mehltau oder Schwarzfäule immun sind. Die Pflanzen verwirren die „Angreifer“ beispielsweise durch bestimmte Duftstoffe oder sind durch eine dickere Wachsschicht vor dem Eindringen von Pathogenen wie Pilzen oder Viren geschützt.

Der Klimawandel macht sich bemerkbar

Auch gegen Esca, eine komplexe Pilzkrankheit der Reben, die zum Zusammenbruch des Holzes führt, können sich die Wildformen der Kulturrebe sehr gut wehren. „Die Ausbreitung der Esca-Erkrankung hängt mit dem Klimawandel zusammen“, sagt Peter Nick. In Frankreich oder Italien seien schon 15 bis 20 Prozent der Reben betroffen.

Peter Nick macht Kreuzungsversuche

Nun gibt es aber nicht die eine Wildrebe, die praktischerweise gegen alle möglichen Krankheiten immun ist – vielmehr befinden sich die Wissenschaftler in einem langwierigen und mühsamen „Findungsprozess“. „In herkömmlichen Kreuzungsversuchen zwischen Wild- und Kulturreben versuchen wir, die Abwehr-Faktoren der Wildrebe gegen die verschiedenen Krankheiten und Pathogene auf die Kulturformen zu übertragen. Anschließend werden die kleinen Pflänzchen mit molekularbiologischen Methoden untersucht, um diejenigen mit den gewünschten Eigenschaften herauszufinden“, erläutert Peter Nick.

Ein Weg zum nach nachhaltigen Weinbau?

Momentan wachse die erste ausgesuchte Generation der erfolgreich gekreuzten Weinpflanzen heran, das Ganze habe bis hierher schon drei Jahre gedauert. Aber wenn die Wissenschaftler des KIT recht behalten mit ihren Kreuzungsversuchen, hätte man hier eine gute Alternative zum bisherigen Chemie-lastigen Weinanbau.

Mancher Winzer will noch überzeugt werden

„Die älteren Winzer stehen unseren Versuchen allerdings öfter skeptisch gegenüber“, muss Peter Nick zugeben. Anders sei das bei jungen Leuten, die offener für Neues und experimentierfreudiger seien. Auf der Suche nach den abwehrstarken Reben ist ein länderübergreifendes Netzwerk, genannt „Vitifutur“, aus 17 Institutionen als Brücke zwischen Forschung und Praxis beteiligt, Projektträger ist das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg. „Uns allen ist es sehr wichtig, dass man den Winzern einerseits erklären kann, wieso man überhaupt diese Grundlagenforschung betreibt und andererseits auch direkt die Vorteile für sie in der Praxis aufzeigen kann,“, betont Peter Nick.

Die Europäische Wildrebe (Vitis sylvestris) ist die Stamm-Mutter unserer Weinrebe. Sie hat die Eiszeit in kleinen Nischen der großen europäischen Ströme überlebt und ist danach mit dem sich ausbreitenden Auenwald über ganz Europa gewandert. Unsere Kulturrebe ist vor etwa 8000 Jahren in Georgien aus diesen Wildreben entstanden. Als im 19. Jahrhundert die Flüsse immer mehr reguliert wurden und der natürliche Auwald verschwand, verschwand auch die Europäische Wildrebe. Sie steht inzwischen am Rand der Ausrottung. Eines der größten natürlichen Vorkommen liegt unweit von Karlsruhe auf der Halbinsel Ketsch. Daneben gibt es noch einzelne Exemplare in den Auen entlang von Rhein, Rhone und Donau.

Weitere Infos zum Wildrebenprojekt am KIT gibt es hier.